Grundschulverband legt Aktionsprogramm gegen Bildungsarmut vor

"Kinderarmut ist ein gesellschaftspolitischer, Bildungsarmut ein bildungspolitischer Skandal", stellt HORST BARTNITZKY, Vorsitzender des Grundschulverbandes, fest: *"Immer mehr Kinder leben in Armut. Die Zahl der auf Sozialhilfeniveau lebenden Kinder erhöht sich unter der Hartz-IV-Gesetzgebung ständig. Kinderarmut aber hat gerade in Deutschland Bildungsarmut zur Folge. Das deutsche Schulwesen benachteiligt gerade die Kinder weiter, die von zu Hause her bereits benachteiligt sind."* In keinem anderen Industrieland ist der Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungserfolg so eng wie in Deutschland - das ist eines der alarmierendsten Ergebnisse der internationalen Schulleistungsstudien.

01.02.2007 Pressemeldung Grundschulverband e.V.

Damit steht fest, dass es dem Bildungswesen in Deutschland nicht gelingt, den Bildungserfolg an der Leistungsfähigkeit der Kinder und Jugendlichen zu orientieren. Der Anteil der Kinder, die in der Schule und an der Schule scheitern, wird weiter zunehmen, wenn nicht erhebliche sozialpolitische und bildungspolitische Änderungen erfolgen.

PROF. DR. ANGELIKA SPECK-HAMDAN (Universität München), Fachreferentin für Bildungsgerechtigkeit im Grundschulverband, fordert in einem 7-Punkte-Programm eine grundlegende Neuorientierung für den Schulbereich, um Bildungsgerechtigkeit herzustellen: "Schule kann Quelle von Versagen sein, sie kann soziale Abwertungsprozesse verstärken und so zur Kumulation der belastenden Bedingungen beitragen. Schule kann aber auch zum Schutzfaktor für arme Kinder werden."

Damit Schule Schutzfaktor gegen Kinderarmut sein kann, müssen Bildungspolitik und –verwaltung, aber auch die Schulen vor Ort, sofort die folgenden sieben Maßnahmen konsequent einleiten:

Aktionsprogramm gegen Bildungsarmut

1. Ausbau der (kostenfreien) vorschulischen Bildung

Die negativen Auswirkungen von Armut auf die Erfahrungs- und Lernmöglichkeiten der Kinder zeigen sich nicht erst in der Schule. Bildungsangebote müssen daher bereits früher als bisher und kostenfrei zur Verfügung gestellt werden. Durch Kostenfreiheit werden vor allem auch jüngere Kinder in den Genuss erweiterter Entwicklungsmöglichkeiten kommen.

2. Ganztagsschule

Die Ganztagsschule bietet hervorragende Möglichkeiten, die Erfahrungs- und Lernmöglichkeiten von armen Kindern zu erweitern und zu vertiefen. Ein breit gefächertes Angebot kann Interessen wecken, vielfältige Kompetenzerfahrungen ermöglichen und zudem einen geeigneten Rahmen für Kommunikation und sprachliche Entwicklung schaffen. Außerdem kann die Ernährungssituation für viele Kinder verbessert werden und auch die Gesundheitsvorsorge erhält einen festen Platz im Leben der Kinder.

3. Spezielle, individuell abgestimmte Förderangebote

In einer Schule, die Kindern mehr Zeit zum Lernen gibt, können vermehrt individuelle Förderangebote platziert werden. Gerade Kinder, die wenig Lernerfahrungen haben, sind mehr auf die unterstützende Hilfe von Erwachsenen angewiesen. "Fördern statt Auslesen!" muss die Devise sein.

4. Verzicht auf frühe Selektion

Aus dieser Devise ergibt zwingend der Verzicht auf die frühe und allzu häufig nicht leistungsgerechte Auslese. Schulische Selektion grenzt aus statt Zugehörigkeit zu schaffen. Sie verstärkt das entmutigende Gefühl des Versagens. Eine längere gemeinsame Schulzeit für alle Kinder bietet dagegen Gelegenheit, Entwicklungen Zeit zu geben und versäumte Lerngelegenheiten nachzuholen.

5. Positives Klassenklima

Der Ausgrenzung armer Kinder kann vor allem durch ein beschützendes und Sicherheit vermittelndes Klassenklima entgegen gewirkt werden, das Diskriminierung ausschließt und auf einer Haltung des gegenseitigen Respekts und der gegenseitigen Achtung fußt. Gerade Kinder, die Ausgrenzung im Alltag oft genug erleben, an sich selbst, an ihrer Familie, an ihrer Wohngegend, sind äußerst empfindlich, was Anerkennung angeht. Schädlich ist es auch, wenn in der Klasse Misserfolge zu sehr öffentlich gemacht werden, Kinder also beschämenden Situationen ausgesetzt sind.

6. Verzicht auf Noten

Noten machen den sozialen Vergleich öffentlich. Sie schaden Kindern, die im Vergleich ständig schlecht abschneiden. Kinder mit eingeschränkten Lerndispositionen werden zusätzlich behindert durch Vergleiche mit denen, die von völlig anderen Positionen aus in die Schule gestartet sind. Wenn Noten schädlich sind, dann sind sie es für arme Kinder ganz besonders.

7. Schaffung sozialer Netzwerke

Die Schule allein ist mit der weit reichenden Aufgabe überfordert, Entwicklungs- und Bildungsrisiken zu entschärfen oder abzufedern, zumal die familiäre Situation von der Schule nicht zu ändern ist. Um Kinder in Armutslagen herum müssen wirksame soziale Netzwerke aufgebaut werden, die nicht nur den Kindern, sondern auch ihren Familien unterstützend zur Seite stehen können. Mit diesen Maßnahmen kann mehr Bildungsgerechtigkeit geschaffen werden, das beweist der internationale Vergleich.

PROFESSORIN SPECK-HAMDAN: "Andere Länder sind erfolgreicher in der Einlösung des Bildungsanspruchs für Kinder aus ungünstigen Herkunftsmilieus. Bildungsangebote müssen gerade für arme Kinder leicht erreichbar, ganztägig vorgehalten, förderorientiert und nichtdiskriminierend gestaltet sein. Dann kann die Schule einen wirksamen Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit leisten."

Hinweis:

"GRUNDSCHULE AKTUELL", die Zeitschrift des Grundschulverbandes, widmet ihr soeben erschienenes Heft 97 ganz dem Thema: "Arme Kinder – Kinderarmut und Bildungsgerechtigkeit".

Im Zusammenhang sind folgende Beiträge besonders wichtig:
PROF. ROLAND MERTEN (Universität Jena): Armutszeugnis Kinderarbeit (S. 3)
PROF. ANGELIKA SPECK-HAMDAN (Universität München): Bildungsgerechtigkeit – ein hohles Versprechen? (S. 6) Im "Praxisteil" des Heftes finden sich konkrete Beiträge zu einer Pädagogik im Kontext von Armut:

  • "An den Kindern kann es nicht liegen" meint REINHARD STÄHLING, Schulleiter einer Grundschule im sozialen Brennpunkt in Münster, und berichtet von Chancen "inklusiver" Pädagogik (S. 13),
  • über "Schulversammlungen" als Möglichkeit, allen Kindern Möglichkeiten aktiver Teilnahme am Schulleben und Erfolgserlebnisse zu geben, schreibt die Berliner Schulleiterin INGE HIRSCHMANN (S. 16),
  • ADA SASSE, Professorin an der Universität Erfurt, stellt ein Schülerhilfe-Projekt in Halle (Saale) vor, in dem Lehramtsstudenten ganz praktisch mit armen Kindern zusammenarbeiten. Ein wichtiges Projekt auch im Rahmen einer praxisorientierten Lehrerausbildung.

Das aktuelle Heft ist dieser Pressemitteilung beigefügt oder kann kostenlos angefordert werden über unsere Geschäftsstelle, die für Sie gern auch Kontakt zu den Autorinnen und Autoren dieser Beiträge herstellt.

Ansprechpartner

Grundschulverband e.V.

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