Gute Bildung wird zum Privileg Wohlhabender

Der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, hat vor einer "Privatisierung des Bildungssystems" gewarnt. "Gute Schulbildung wird immer mehr zum Privileg wohlhabender Familien", kritisierte er. "Teuere Privatschulen mit besten Voraussetzungen und kostenintensive Nachhilfe, um Defizite bei Schülern auszugleichen, bleiben denjenigen vorbehalten, die die nötigen finanziellen Mittel dafür aufbringen können. Alle anderen gehen leer aus und sind deutlich im Nachteil." Die Kosten für die Nachhilfe liegen pro Schüler zwischen 50 € und 150 € im Monat; der Durchschnitt beträgt rund 110 €. Die jährlichen Ausgaben der Eltern für Nachhilfe werden bundesweit auf eine Mrd. bis zwei Mrd. € geschätzt, je nach dem, ob nur die institutionelle oder auch die informelle Nachhilfe berücksichtigt wird.

24.04.2008 Bayern Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

"Nachhilfe ist teuer - so ist es nur konsequent, dass sie am häufigsten von Kindern aus der Mittel- und Oberschicht in Anspruch genommen wird", erklärte Wenzel. Staatliche Schulen geraten mehr und mehr ins Hintertreffen. Sie können mit den optimalen Lern- und Arbeitsbedingungen, die viele private Einrichtungen bieten, nicht konkurrieren: Die Klassen sind größer, es fehlt an Personal und Förderangeboten. Zwar wurden die Lehrerstellen zuletzt nochmals um rund 1000 aufgestockt. Aber auch damit lassen sich bestenfalls nur Löcher stopfen. "Längst befindet sich das Bildungssystem in einer Schieflage." Die Folgen bezeichnete Wenzel als katastrophal: "Einerseits können sich Potentiale junger Menschen nicht entfalten, andererseits steigt der Bedarf an gut ausgebildeten Nachwuchskräften." Er forderte die Staatsregierung auf, schnell gegenzusteuern. "Schulisches Lernen und Fördern muss an allen öffentlichen Schulen so gestaltet sein, dass kein Zusatzunterricht in Form von Nachhilfe nötig ist."

Als "kontraproduktiv" bezeichnete es Wenzel, an den Gymnasien ausgerechnet die Intensivierungsstunden zur Disposition zu stellen. "Das wird sicherlich nicht dazu führen, dass der Bedarf an Nachhilfe sinkt und öffentliche Schulen an Attraktivität gewinnen." Auch der absurde Übertrittsdruck an Grundschulen lässt die Kassen privater Nachhilfeinstitute klingeln. Die Folge: Viele Kinder, deren Eltern kein Geld für zusätzlichen Unterricht aufbringen können, schaffen erst gar nicht den Sprung auf das Gymnasium.

Nach Recherchen des BLLV beansprucht inzwischen ein Viertel der Schüler im Laufe ihrer Schulzeit Nachhilfe. Von den Gymnasiasten erhält jeder vierte jährlich innerhalb eines Schuljahres Nachhilfe, bei den Grundschülern sind es zwischen sechs und zehn Prozent. In der vierten Klasse steigt der Anteil der Schüler/innen mit Nachhilfe auf 22 Prozent an. In der Regel nehmen die Schüler 60 bis 90 Minuten wöchentlich Nachhilfe. 63% der Realschüler und Gymnasiasten greifen ganzjährig auf Nachhilfe zurück. In Deutschland gibt es derzeit rund 4.000 Nachhilfeinstitute mit rund 40.000 "Lehrkräften". 52 % der Schüler/innen erhalten Nachhilfe an einem kommerziellen Institut. Unbezahlte Nachhilfe von Verwandten und Bekannten findet nur in geringem Umfang statt.

Gründe für die Inanspruchnahme von Nachhilfe gibt es viele: Es geht meistens um die Verbesserung der Noten, z.B. um Übergangshürden zu überwinden, bzw. die Chancen auf einen Studien- oder Ausbildungsplatz zu verbessern, oder um eine akute Gefährdung der Versetzung. Leistungsverschlechterungen wegen Familienproblemen oder wegen eines Schulwechsels spielen eine eher unter geordnete Rolle. Gefragt ist Nachhilfe in den Fächern Mathematik und Englisch, gefolgt von Deutsch, Latein und Französisch.

Wenzel wies darauf hin, dass laut Verbraucherschutz etwa zwei Drittel der Nachhilfeinstitute mit unzulässigen oder sogar unseriösen Mitteln arbeiten. "Auch Sekten (z.B. Scientology) betreiben Nachhilfegruppen und benutzen sie als Lockangebote für eine Bindung von Kindern und Jugendlichen an die Sekte."


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