Gute Lehrer für guten Unterricht
"Wir sind der Meinung: Was man nicht messen kann, das gibt es nicht." "Ihr habt das Lehrergeschäft mittlerweile dermaßen komplex dargestellt, dass man gar nicht mehr erklären kann, warum am nächsten Morgen der Unterricht überhaupt noch weitergeht und nicht sofort zusammenbricht." Wenn ein empirischer Unterrichtsforscher und ein Bildungstheoretiker aufeinandertreffen, geht es keineswegs staubtrocken zu, eher ist ein spannender und erkenntnisbringender Disput garantiert.
07.08.2013 ArtikelZum Auftakt der ersten Cornelsen-Sommer-Uni am vergangenen Montag im Henry-Ford-Bau der Freien Universität Berlin bewiesen Olaf Köller, Direktor am Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik an der Universität Kiel und Hilbert Meyer, emeritierter Professor für Schulpädagogik an der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg, wie unterhaltsam ein wissenschaftlicher Disput sein kann. "Was ist eine gute Lehrerin, was ein guter Lehrer?" - darauf wollten sie Antworten geben und stiegen gemeinsam in den Ring. Denn das suchten die beiden: Einen wissenschaftlichen Schlagabtausch ihrer Disziplinen, der gleichzeitig für die rund 800 Zuhörer - die meisten davon wohl Lehrer - auch mit praxisrelevanten Komponenten gespickt sein sollte.
Über allem schwebte John Hattie, der aktuelle Superstar der internationalen Bildungsforschung. 15 Jahre lang hatten der neuseeländische Bildungsforscher und sein Team sämtliche englischsprachigen Metaanalysen zur Unterrichtsqualität ausgewertet: mehr als 800 Studien mit über 50 000 quantitative Einzeluntersuchungen. Der Kern von Hatties Erkenntnissen: Das Wichtigste für den Lernerfolg der Schüler ist die Lehrkraft. Sicherlich eine schöne Wertschätzung für jeden einzelnen Lehrer - aber auch eine Bürde, denn was heißt dies ganz konkret im Schulalltag? Und wie gestalten Lehrer einen wirklich guten Unterricht?
Allgegenwärtigkeit der Lehrkraft
Für den Empiriker Köller gibt es drei Dimensionen guten Unterrichts: effiziente Klassenführung, kognitive Aktivierung und konstruktive Unterstützung der Schüler. "Die zur Verfügung stehende Zeit muss optimal genutzt werden." Entscheidende Stichworte für eine effiziente Klassenführung: Störungsprävention und die Allgegenwärtigkeit der Lehrkraft. "Bevor Georg in der letzten Reihe die Krampe schießt, weiß die Lehrkraft schon, dass Georg eine Krampe baut."Kognitive Aktivierung bedeutet demnach ganz schlicht, Unterricht ist dann erfolgreich, wenn die Schüler anfangen zu denken. Eigentlich wenig überraschend, doch wie gelingt das? Zum Beispiel durch herausfordernde Aufgabenstellung oder wenn Lehrkräfte Schülervorstellungen konstruktiv aufnehmen. "Lernen gelingt nicht allein dadurch, dass die Schüler durch den Klassenraum von Station zu Station laufen." Ein kleiner Seitenhieb gegen eine der Heilslehren aus den vergangenen Jahrzehnten. "Aus Fehlern wird man klug" - wenn diese Aussage auch im Unterricht umgesetzt wird, lässt sich von konstruktiver Unterstützung sprechen. "Ausnahmsweise stimme ich einmal der Hirnforschung zu, die das herausgefunden hat - wenn auch 50 Jahre später als die Psychologen."
Professionelles Wissen
Zuvor hatten Köller und Meyer sich einen kleinen Exkurs über das aktuelle Wirken der Hirnforscher als "Hobbydidaktiker" erlaubt. "Es gibt einen schönen Satz von Manfred Spitzer: ´Das Gehirn lernt immer.` Und ich sehe bei diesem Satz oft in freudige Lehreraugen", erzählte Köller. "Dann sag ich nur: Was machen Sie denn jetzt mit dieser Aussage im Mathematikunterricht? Auch Spitzer würde sagen: Erst einmal gar nichts." Ihn wundere bloß, wie wenig die Fachdidaktiken gegen die Hirnforscher rebellierten. "Die Hirnforschung mag viel über das Gehirn wissen, aber nichts über den fachlichen Unterricht." Der ist Sache der Lehrer. Und da geht es nicht ohne Professionswissen. "Also nicht ohne Fachwissen, fachdidaktisches Wissen, pädagogisches und psychologisches Wissen. Und um ein dickes Fell in der Auseinandersetzung mit Eltern", so der Unterrichtsforscher. Ein zentrales Element außerdem: der Umgang mit Stress. "Da können möglicherweise diejenigen, die nie selbst unterrichtet haben, die bessere Forschung machen." Ein kleiner Seitenhieb des Psychologen und Empirikers Köller gegen den ehemaligen Lehrer und Bildungstheoretiker Meyer.
"Schule ist für das Lernen in Gemeinsamkeit erfunden worden"
Der ließ nicht auf seine Antwort warten. "Ihr habt erst einmal das genommen, was leicht zu erforschen ist und was schwer zu erforschen ist, wird irgendwann kommen. Es gibt aber noch viel mehr Facetten des Unterrichtsalltags", erklärte er und zitierte Lee Shulman, den amerikanische Professor für Pädagogische Psychologie und "Vater" des guten Unterrichts. Der nämlich hatte verglichen, welcher Beruf komplexer ist: der des Arztes oder der des Lehrers. Eindeutiges Ergebnis: der Lehrerberuf. Hilbert Meyer erklärte auch, warum: "Was würde ein Arzt sagen, wenn er seinen Behandlungsraum kommt und dort sitzen 30 Patienten und die Hälfte von ihnen kräht "die Medizin nehme ich sowieso nicht". Der Arzt würde sagen, so kann ich hier nicht arbeiten, er würde 29 Patienten rausschicken und mit seiner Arbeit beginnen. Sie können das nicht", wandte er sich an seine Zuhörer. "Sie müssen sogar froh und stolz sein, dass Sie den Laden von 30 Leuten zusammenhalten müssen. Denn dafür ist Schule erfunden worden: für das Lernen in Gemeinsamkeit." Eine kleine Polemik gegen die "Staatsdoktrin von der Individualisierung des Lernens" der Kultusministerkonferenz, so Meyer. "Individualisierung des Lernens ist richtig im Blick auf den empirischen Zustand in den Schulen, als theoretische Aussage ist es Unsinn."Die empirischen Bildungsforscher laufen Gefahr, zu viel zu messen und von der Kultusbürokratie missbraucht zu werden, so seine Kritik: "Denn sie nutzt Eure Ergebnisse, um diese schleichende Verdichtung der Arbeitsstruktur der Lehrer hinzubekommen. Lehrersein wird immer anstrengender und anspruchsvoller." Keineswegs ließe sich die empirische Bildungsforschung von der Politik in die Pflicht nehmen, konterte Köller. "Aber sie kann auch nicht verhindern, was Politiker mit den Ergebnissen anstellen." Und: "Wenn Ihr Eure Bücher schreibt, könnt Ihr auch nicht vorhersagen, was die Politik daraus macht."
Gemeinsame Baustellen
"Wir sind gar nicht so weit entfernt", konstatierte Hilbert Meyer mit Blick auf Köllers drei Dimensionen und seine eigenen zehn Merkmale guten Unterrichts, die hierzulande jeder angehende Lehrer verinnerlicht hat. Der Unterschied liege in der Konstruktion. "Mein Zehner-Katalog ist so formuliert, dass Lehrer und Schüler gleichermaßen verantwortlich sind, diese Merkmale im Unterricht stark zu machen." Bei ihm hieße es nicht Motivierungskompetenz des Lehrers wie bei Köller, sondern lernförderliches Klima, an dem beide Seiten beteiligt seien. Gibt es also doch Übereinstimmungen und vielleicht sogar gemeinsame Baustellen für Bildungstheoretiker und Bildungsempiriker in den kommenden Jahren? Zwei Wissenschaftler, eine Meinung: Ja. In der Lehrerfortbildung und in der Implementation von tragfähigen Modellen der Unterrichtsentwicklung. "Wir wissen eine ganze Menge darüber, wie Unterricht funktioniert und was guten Unterricht auszeichnet", resümierte Köller. "Aber wir wissen unheimlich wenig über Faktoren, die dafür Sorge tragen, dass eine Veränderung in der Schule ankommt und auch gelingt. Um diese Baustelle zu bearbeiten, brauchen wir Bildungstheorie und empirische Forschung. Das Problem: Es kostet Geld und wir brauchen einen langen Atem."Gute Schule, guter Unterricht und gute Lehrer werden also weiterhin in der Bildungsdiskussion die zentralen Themen sein. Grund genug für die Cornelsen-Stiftung Lehren und Lernen, für das kommende Jahr die nächste Sommer-Uni anzukündigen.
Weiterführende Informationen
- Cornelsen-Sommer-Uni
- Prof. Dr. Olaf Köller, IPN
- Prof. Dr. Hilbert Meyer, Uni Oldenburg
- Handout zum Vortrag
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