Bayerischer Lehrerverband

Gymnasiallehrer brauchen mehr Gestaltungsfreiheit

Unabhängig von der Dauer der Gymnasialzeit müssen die Lehrkräfte aus Sicht des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) besser unterstützt werden, um anspruchsvolle Lernarrangements umsetzen zu können. "Sie sind oft gezwungen, den 45-Minuten-Takt einzuhalten. In so kurzer Zeit lassen sich aber weder komplexe Zusammenhänge darstellen, noch moderne Unterrichtsmethoden effektiv anwenden", erklärte der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, heute in München.

12.04.2013 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

Die an vielen Gymnasien bereits eingeführten Doppelstunden bezeichnete er als Schritt in die richtige Richtung, doch auch sie griffen noch zu kurz: "Innovativer Unterricht erfordert innovative Rahmenbedingungen." Dazu gehöre es auch, gymnasialen Lehrkräften deutlich mehr Gestaltungsfreiheit einzuräumen. So wäre es hilfreich, die Stundentafeln zu flexibilisieren und lediglich eine bestimmte Gesamtstundenzahl pro Schuljahr festzulegen. Erschwert würde moderner Unterricht auch durch die Stofffülle in den Lehrplänen und die immer noch zu hohe Prüfungsdichte. "In der Summe führe dies dazu, dass der schulische Alltag am Gymnasium nach wie vor als ´beschleunigt´ erlebt wird", fasste Wenzel zusammen. "Eltern berichten von überforderten Kindern. Lehrerinnen und Lehrer klagen über Stress und brennen aus." Erst vor wenigen Wochen hätten besorgte Eltern in zwei Petitionen darauf aufmerksam gemacht - "sie wurden im Bayerischen Landtag zwar angehört, Konsequenzen blieben jedoch aus."

Aus Sicht des BLLV müssen die bayerischen Gymnasien "entschleunigt" werden. Schüler und Lehrer bräuchten deutlich mehr Zeit und Ruhe. "Der Schulalltag ist streng durchgetaktet, es gibt zu wenige Möglichkeiten, zu entspannen, Kräfte zu sammeln, sich zu bewegen oder einfach zur Ruhe zu kommen", sagte Wenzel. Das gelte für Lehrer wie Schüler gleichermaßen. Dass dies an vielen Schulen auch so gesehen werde, zeige sich schon daran, dass sich erfreulich viele Gymnasien vom früher üblichen 45-Minuten-Takt verabschiedet und Doppelstunden eingeführt hätten. "Innovative Lernarrangements beinhalten aber viel mehr", betonte Wenzel. "Sie können einen ganzen Vormittag oder einen Tag lang dauern, sie können fächerübergreifend sein oder Projektcharakter haben, vor allem aber sehen sie auch Entspannungs-, Vertiefungs- und Übungsphasen vor, was deutlich mehr Ruhe und Zeit in Lernprozesse bringt."

Werde der 45-Minuten-Takt lediglich von Doppelstunden ersetzt, werde die Problematik zwar entschärft, im Kern aber nicht behoben. Die Lehrkräfte seien nach wie vor gezwungen, den Schülern möglichst viel Wissen in möglichst kurzer Zeit zu vermitteln. Doppelstunden könnten auch deshalb problematisch sein, weil das jeweilige Fach dann häufig nur noch einmal pro Woche auf dem Stundenplan steht und bis zur nächsten Unterrichtseinheit zu viel Zeit vergeht.

Weil modernes Lernen nicht nur Zeit erfordert, sondern auch vielfältige Kompetenzen voraussetzt, muss nach Ansicht des BLLV auch die Lehrerbildung reformiert werden. "Wir plädieren für eine deutliche Aufwertung der Erziehungswissenschaften", so Wenzel. "Gymnasiale Lehrkräfte brauchen didaktische und diagnostische Kompetenzen, um auf die Herausforderungen vorbereitet zu sein."

Darüber hinaus müsse sich das bayerische Gymnasium von der Halbtags- zur rhythmisierten Ganztagsschule entwickeln dürfen - "zumindest überall dort, wo es gewünscht ist", betonte der BLLV-Präsident und bemängelte, dass es immer noch keine Erhebung über den tatsächlichen Bedarf gibt. Mit einzelnen Ganztagsklassen, so wie vom Kultusministerium favorisiert, sei es nicht getan, denn neue Lern- und Unterrichtsmethoden könnten dann nicht für alle Schüler eingeführt werden. "Wenn rhythmisierte Ganztagsschulen personell gut ausgestattet sind, stehen die Chancen dagegen gut, veraltete Strukturen aufzubrechen." An rhythmisierten Ganztagsschulen müsse nicht alles an einem Vormittag erledigt sein, es gebe deutlich mehr Zeit und Gestaltungsspielräume für die Einführung und Entwicklung innovativer Unterrichtsmethoden, von denen letztlich alle profitieren würden. w


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden