Handicap Rechenschwäche

(Rainer Stahl) Wenn drei mal drei sechs ergibt, spukt keineswegs immer die Schulverweigerin Pippi Langstrumpf im Kopf eines Kindes herum. Viel wahrscheinlicher ist, dass sich die Welt der Zahlen nicht richtig ordnet. Diagnose: Rechenschwäche. Nahezu 130.000 Schüler in Deutschland sind davon betroffen.

08.06.2004 Artikel

Die siebzehnjährige Lisa K. wirkt aufgeweckt. Trotzdem: Ihren Hauptschulabschluss packte sie nicht. Schuld daran war Mathe. Mit dem Fach kam sie überhaupt nicht zurecht. Eine Misere ohne Ende: In den Augen ihrer Lehrer galt sie als dumm und faul. Bis vor einem Jahr ihre Mutter von der Dyskalkulie, der Rechenschwäche erfuhr. Lisa begann daraufhin eine gezielte Lerntherapie. Inzwischen holt sie den Schulabschluss in einer Abendschule nach.

Hilfe, mein Kind kann nicht rechnen

Seit den 1980er-Jahren kennt die pädagogisch-psychologische Wissenschaft das Phänomen der Dyskalkulie. Sie ist gleichzusetzen mit der Legasthenie, der längst anerkannten Leistungsschwäche beim Lesen und Schreiben. Schätzungen gehen davon aus, dass vier Prozent aller Schüler damit ringen. Das heißt, dass sich in jeder Klasse ein Kind damit herumplagt.

Ein Handicap fürs Leben

Für die Öffentlichkeit ist Dyskalkulie immer noch ein blinder Fleck. "Eltern, Lehrern und Pädagogen fehlt nicht selten das Wissen und Verständnis dafür." Simone Wejda, Bundesbeauftragte für Dyskalkulie im Bundesverband Legasthenie (BVL), weiß, wovon sie spricht. Sie studierte Sonderpädagogik, ist selber Dyskalkulikerin. "Erst nach sieben Schulwechseln hatte ich endlich mein Abitur", geht ihr Blick auf eine leidvolle Schulzeit zurück. Ihre Rechenschwäche hinderte sie daran, ihr Lieblingsfach Psychologie zu studieren. Dafür hätte sie Mathe gebraucht. Für sie undenkbar.

Verzweifelte Eltern

Doch auch Eltern leiden mit ihren rechenschwachen Kindern. Nicht selten wächst der Druck der Schule, die auf eine Sonderbeschulung drängt. Zukunftsängste um das Kind stellen sich ein. So wird zusammen geübt und ge-übt. Irgendwann reißt der Geduldsfaden, weil die Kinder kompensatorische Lernstrategien entwickeln: Sie lernen Ergebnisse auswendig, verstehen jedoch die Aufgabe nicht. Prompt folgt die nächste Sechs im Mathetest. Statt Trost spenden zu können, wachsen bei den Eltern Verzweiflung und Unmut.

Erkennungsmerkmale

Den rechenschwachen Kindern mangelt es an einigem. Typische Fehler sind: Größere Zahlen können nicht in Teilmengen erfasst werden, Nachbarzahlen werden nicht gewusst, Zehner- und Hunderterübergänge misslingen, Zahlen, Symbole und Rechenoperationen werden vertauscht. Die Kinder zählen mit den Fingern. So entstehen nicht die logischen Automatismen, ohne die es spätestens ab der dritten Klasse nicht mehr geht. "Selbst bei einfachen Aufgaben verrichten Rechenschwache geistige Schwerstarbeit", erklärt die Lerntherapeutin Dr. Andrea Schulz.

Angst, Bauchweh und Versagen

Betroffene Kinder erdulden viele Kränkungen. In der Schule werden sie als dumm abgestempelt und gehänselt. Sie entmutigen, verängstigen, reagieren mit psychosomatischen Beschwerden. "Sie sind das schwächste Glied in der Kette der Betroffenen", so Margret Schwarz von der Elterninitiative zur Förderung rechenschwacher Kinder (IFRK e.V.). Simone Wejda veranschaulicht die Auswirkung im Alltag: "Denken Sie sich ein solches Kind beim Einkaufen. Ersetzen Sie die Preise durch Buchstaben. Die Tomaten kosten b,sf Euro, die Butter a,dg Euro, im Portemonnaie be.nden sich DA Euro. Das Kind weiß nicht, wie viel Geld es wieder mit nach Hause bringen muss und fürchtet den bevorstehenden Ärger."

Keine Frage natürlicher Begabung

Dahinter steckt keine fehlende natürliche Begabung. Die Wissenschaft spricht vielmehr von einer Teilleistungsschwäche. Deren Ursachen sind vielfältig, weshalb jede Rechenschwäche individuell verstanden werden will. Nur dies ermöglicht wirksame Hilfen. Wichtig ist: Rechnen beruht auf komplexen Vorgängen im Gehirn. Wer Probleme mit der räumlichen Orientierung und der Wahrnehmung von Figuren besitzt, etwa rechts und links vertauscht bzw. mehr oder weniger nicht erkennt, dem fehlen wichtige Grundlagen in der Mathematik.

Früherkennung notwendig

In den letzten Jahren haben sich immer mehr Institute auf die Therapie von Dyskalkulie spezialisiert. Die Therapien, die es in unterschiedlichen Ansätzen gibt, dauern oft ein bis drei Jahre. Umso wichtiger ist die Früherkennung in der Schule. Prof. Dr. Christoph Selter, der an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg Mathematik und ihre Didaktik lehrt und sich seit vielen Jahren mit Dyskalkulie befasst, setzt sich dafür ein, dass die Förderung rechenschwacher Kinder in enger Zusammenarbeit zwischen Schule und Elternhaus erfolgt, "denn Rechenstörungen sind primär eine schulische Herausforderung. Erst wenn sich hierbei über einen längeren Zeitraum keine Erfolge zeigen, sollte man an eine außerschulische Förderung denken. Hierbei ist allerdings auch ein gewisses Maß an Vorsicht geboten, denn es gibt noch keine verbindlichen Standards und keine akademische Ausbildung zum, Rechenschwäche´-Therapeuten. Institute können auch von Personen eröffnet werden, die nicht für dieses Gebiet qualifiziert sind."

Zusammenspiel von Schule und Eltern

Zu bedenken gibt der Heidelberger Professor außerdem, dass - häufiger als man vermuten würde, auch so genannte didaktische Faktoren eine Rolle bei der Ausprägung von Rechenstörungen spielen. Beispiele hierfür sind etwa unverständliche Aufgabenstellungen in wenig übersichtlichen Schulbüchern, das Vorschreiben bestimmter Denkwege, eine unverantwortliche Stofffülle, der nicht sachgerechte Einsatz von geeigneten Medien, eine verfrühte Behandlung abstrakter Darstellungen oder ungeeignete Materialien oder Veranschaulichungen. Hier gilt es, durch das Unterrichtsarrangement die Wahrscheinlichkeit zu verringern, dass aus Lernschwierigkeiten, die zum Lernen naturgemäß dazu gehören, ernsthafte Lernstörungen werden." Der Grundschulpädagoge Oliver Thiel bestätigt Selter: "Rechenschwache Kinder bringen andere Voraussetzungen mit. Und die Aufgabe der Schule ist es, die Kinder entsprechend ihrer individuellen Voraussetzung zu fördern." Doch bis dahin tröstet sich die kleine, von Mathe geplagte Ellen: "Zum Glück schlafe ich abends immer gleich ein, Mama. Stell dir vor, ich müsste auch noch Schäfchen zählen."

Hintergrund

Dyskalkulie: Ursachen, Diagnose und Hilfen Laut Definition der Weltgesundheitsorganisation WHO ist Dyskalkulie eine Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten, die durch unterdurchschnittliche Leistungen im mathematischen Bereich gekennzeichnet ist, während in anderen Fächern sichtlich bessere Leistungen erbracht werden. Eine Rechenschwäche kann genetisch bedingt sein und neurologische Ursachen haben, sich durch Einflüsse der sozialen Umwelt erklären oder auf Fehler in der didaktischen Vermittlung zurückgehen. Zudem besitzt die Mathematik eine eigene Sprache, die erlernt werden will. Die Tests und die Diagnose einer Rechenschwäche sollten von versierten Kinder- und Jugendpsychologen durchgeführt werden. Können Gutachten von Fachleuten vorgelegt werden, übernehmen Jugendämter größtenteils die Kosten einer Therapie. Sowohl der BVL als auch die Elterninitiative zur Förderung rechenschwacher Kinder (IFRK) beraten bei der Auswahl der Hilfen und stützen Eltern in Gesprächskreisen vor Ort. Daneben setzen sie sich für einen Nachteilsausgleich und gezielte Förderung der betroffenen Schüler in der Schule ein. Weitere Informationen:

BVL Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie
Königstraße 32
30175 Hannover
Tel.: 05 11 / 31 87 38
www.legasthenie.net
Initiative zur Förderung rechenschwacher Kinder e. V.

Margret Schwarz
Badstr. 25
73776 Altbach
Tel.: 07153 / 27 448
www.ifrk-ev.de

Der Autor

Dr. Rainer Stahl Ernst Klett Grundschulverlag Programmleitung Mathematik
Braunstraße 12
04347 Leipzig
Telefon: 03 41-23 96-3 75
Fax: 03 41-23 96-3 02

www.klett.de


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