"Hauptschulen erwarten kräftigen Aufwind"

Das Vorhaben von Kultusminister Siegfried Schneider, Hauptschülern Perspektiven zu geben, verdient Anerkennung. "Die Politik hat erkannt, dass der pädagogische und finanzielle Handlungsbedarf groß ist", stellte BLLV-Präsident Albin Dannhäuser fest. Deshalb ist der "Hauptschulfachkongress" als positives Signal zu werten. "Der BLLV warnt seit vielen Jahren vor einer Vernachlässigung der Hauptschule und drängt auf ein überzeugendes Bildungskonzept für Jugendliche, die diese Schule besuchen." Insofern verspricht die Initiative bildungspolitischen Aufwind, wenn das berufsorientierende Profil der Hauptschule geschärft, das Angebot an Ganztagsschulen zügig ausgebaut und die Zahl der Schüler mit einem mittleren Schulabschluss konsequent erhöht werden soll." Der BLLV appelliert gemeinsam mit dem Kultusminister an die Wirtschaft, dass diese ihrer Ausbildungsverantwortung gerecht werden und Hauptschulabgängern Berufschancen anbieten muss.

06.05.2007 Bayern Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

Neue inhaltliche und organisatorische Gestaltungsmöglichkeiten sieht der BLLV auch im schulpolitischen Handlungsprinzip "loslassen und zulassen" Durch mehr Entscheidungskompetenzen vor Ort lassen sich eine Reihe offener Fragen, insbesondere eine weitere Auflösung von Hauptschulstandorten, konstruktiv und passgenau beantworten.

Die Ankündigung von Ministerpräsident Edmund Stoiber, die Chancen und Integration von Kindern mit Migrationshintergrund systematisch zu verbessern, duldet nach Auffassung des BLLV keinen Aufschub. Dannhäuser begrüßte auch die wiederholte Zusicherung Stoibers, sich konsequent für ein Beförderungsamt für Lehrerinnen und Lehrer an der Hauptschule einzusetzen. "Wir werden die Staatsregierung nicht aus ihrer Pflicht entlassen, im Zuge der Föderalismusreform endlich für alle Lehrämter eine Laufbahn zu eröffnen", bekräftigte Dannhäuser.

Die Ziele des Kultusministeriums, aus der Hauptschule eine berufsorientierende Schule mit klarem Profil und allen beruflichen und schulischen Aufstiegsmöglichkeiten zu machen, können vom BLLV nur begrüßt werden. Ebenso das Ziel des Kultusministeriums, die Zahl der Abgänger ohne Abschluss zu reduzieren. "Wir fügen aber hinzu, dass alle bestehenden voll ausgebauten Hauptschulen erhalten werden müssen und der mittlere Schulabschluss an jeder Hauptschule ermöglicht werden muss", erklärte Dannhäuser. Das pädagogische und didaktische Konzept des Kultusministeriums setzt "positive Signale", die eine Weiterentwicklung des Schulsystems in Bayern insgesamt zulassen könnten.

Damit das Konzept erfolgreich umgesetzt werden kann, müssen jedoch:

  • die Lern- und Arbeitsbedingungen für Lehrer und Schüler verbessert werden. Nur so lässt sich die Lern- und Erziehungsqualität der Schule nachhaltig positiv verändern.
  • die Schulen mehr Eigenständigkeit erhalten, vor allem, was die Schulund Unterrichtsentwicklung, die verstärkte Kooperation mit Eltern, Ausbildungsbetrieben, anderen Schulen, Gemeinden usw. betrifft. Dazu ist ein als zusätzliche Arbeitszeit ausgewiesenes Stundenbudget für die Kollegen und Schulleitungen erforderlich.
  • Hauptschullehrer gesellschaftliche und vor allem finanzielle Anerkennung erhalten. Ziel muss die Gleichwertigkeit der Lehrämter sein.
  • mehr Gelder in die Hauptschulen fließen. Der Rückgang der Schülerzahlen, die Reduzierung der Wiederholer und Schulabbrecher, die Vermeidung von Warteschleifen am Übergang in die berufliche Bildung machen über 300 Millionen Euro frei – Geld, das in die Initiative gesteckt werden muss.
  • mehr als die zugesagten 1300 zusätzlichen Lehrerstellen bereitgestellt werden, zumal innerhalb von drei Jahren 1660 Stellen von den Hauptschulen abgezogen wurden.

Das Konzept des Kultusministeriums erfordert aus Sicht des BLLV Korrekturen: So sollten Hauptschüler im Profilbereich "Technik und Handwerk" nicht auf eine Ausbildung und Tätigkeit im Handwerk festgelegt werden. Nicht einverstanden ist der BLLV damit, dass Ganztagsklassen nur an zwei- oder mehrzügigen Schulen parallel zu Halbtagsklassen bzw. im Verbund mit anderen Schulen angeboten werden sollen. Entschieden abgelehnt werden auch Überlegungen, das Arbeitsund Sozialverhalten von Hauptschülern detailliert zu protokollieren und im Zeugnis zu benoten – ähnlich wie das bereits gegen den Widerstand der Lehrerschaft in der Grundschule geschieht. Mangelnde Zuverlässigkeit der Beobachtung und Objektivität der Einschätzungen sowie hoher Arbeitsaufwand und die Gefahr der Stigmatisierung sprechen dagegen. Der BLLV warnt auch vor der Auflösung der Schulsprengel. Es wäre in diesem Fall insbesondere in Städten mit mehreren Hauptschulen eine Verstärkung der sozialen Segregation zu befürchten. Dannhäuser vermisst im Konzept konkrete Hinweise, für die Verbesserung des Lern- und Schulerfolgs ebenso wie überzeugende Hilfen für pädagogisch auffällige Schüler."

Der BLLV verfolgt eine pragmatische Schulpolitik und hat sich deshalb auch lange Zeit um die Weiterentwicklung der Hauptschule bemüht. So ist u.a. die Einrichtung des Mittleren Schulabschlusses an der Hauptschule auf seine Initiative in den 80er Jahren zurückzuführen.1999 stellte der BLLV sein Konzept "Erweiterte Hauptschule" und 2003 eine "2. Stufe der Hauptschulreform" vor. Diese Impulse flossen in die jetzt vom Kultusminister dargestellte Hauptschulentwicklung ein. Derzeit arbeitet der BLLV an einem Konzept der "Regionalen Schulentwicklung" mit dem Ziel, einen Vorschlag zu unterbreiten, der ein wohnortnahes und attraktives Schulangebot sichert. Dieses Konzept wird in den Gremien des BLLV diskutiert und soll bei der Landesdelegiertenversammlung (17. bis 19. Mai in Würzburg) verabschiedet werden.


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