Interview

High-Tech Humboldt

Szenario eins: Homeschooling ist Alltag. Szenario zwei: Die Menschen der Zukunft haben ihren Lehrer in der Hosentasche. Szenario drei: Alles bleibt beim Alten. Ein Gespräch mit Zukunftsforscher Heiko von der Gracht. Ein Interview von Vincent Hochhausen

08.10.2020 Bundesweit Artikel didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen
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didacta: Wird Bildung in 100 Jahren noch dieselben Ziele verfolgen, wie jetzt?
Heiko von der Gracht: Hoffentlich nicht! Zwei Möglichkeiten sind vorstellbar: Die komplette Ökonomisierung der Bildung, bei der Absolventen nur noch auf Gewinn und Effizienz getrimmt sein werden. Oder wir realisieren – in hoffentlich weniger als hundert Jahren –, dass eine derartige ökonomische Engstirnigkeit der Gesellschaft und auch der Wirtschaft schadet. Dann könnten wir, gestützt von neuen technischen Möglichkeiten eine Renaissance humanistischer Werte und des Humboldtschen Bildungsideals, erleben. Dann würden wir die ganzheitliche und charakterliche Bildung des Menschen und die Entfaltung seiner Potenziale als Ziel von Bildung sehen.

Wird unser Bildungssystem also 2120 noch wiederzuerkennen sein?
Ja – wenn sich die Beharrungstendenzen im System durchsetzen, wäre auch in 100 Jahren alles beim Alten. Viele Lehrkräfte sind zwar weitaus innovativer und moderner als der Apparat an sich, die progressiven Kräfte werden in Systemen aber oft ausgebremst. Das wäre das Worst Case-Szenario.

Und im besten Fall?
Ist ein Szenario denkbar mit überwiegend Homeschooling und einem digitalen Classroom, das von Krisen wie der aktuellen angestoßen wird. So mancher Lehrer und Schüler fragt sich seit Corona, warum sie jemals wieder ein Klassenzimmer von innen sehen müssen. Eine dritte Möglichkeit wäre ein Technologie-Szenario mit dem Lehrer in der Hosentasche. Schon in einigen Jahren werden kognitive Computer, im Englischen Cogs genannt, so weit sein, dass wir sie immer bei uns führen. Solche Cogs sind intelligente Computer, die menschliche Denk- und Lernprozesse simulieren können. Sie könnten uns – Schüler, Lehrer, Professoren, Manager, Studierende – 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, in allen erdenkbaren Fachbereichen unterrichten. 

Heiko von der Gracht ist  Professor für Zukunftsforschung an der Steinbeis-Hochschule School of International Business and Entrepreneurship und Zukunftsforscher beim Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen KPMG.

Also sind klassische Lernorte und Lehrkräfte irgendwann obsolet?
Ab dem Jahr 2050 könnten wir eine voll funktionsfähige Gehirn-Computer-Schnittstelle haben, das heißt Signale und Informationen direkt zwischen Gehirn und Computersystemen austauschen, ohne Sinnesorgane oder Extremitäten zu benutzen. Wir brauchen dann keine Tafeln und Whiteboards, keine Beamer und im Grunde auch keine Klassenzimmer mehr. Schule wäre überall, wo man Empfang hat. 


Wie verändern sich dadurch die Aufgaben der Lehrkraft?
Sie müssten keine Zeit mehr für die Wissensvermittlung einsetzen. Sie könnten sich auf die individuelle Betreuung ihrer Schüler konzentrieren – und auf die Verwaltungsaufgaben, die dann ebenfalls hoffentlich stark digitalisiert und automatisiert ist. 

Welche Rolle wird die Familie für die Bildung spielen?
Eltern werden komplett entlastet, wenn wir den digitalen KI-Tutor jederzeit bei uns tragen. Keine Mutter muss mehr Fragen nach Pythagoras beantworten, wenn das Kind mit den Hausaufgaben nicht zurechtkommt. Eltern können sich voll auf ihre Rolle als Vorbild und Life Coach fokussieren. 

Und die Gesellschaft – welche Verantwortung trägt sie für die Bildung?
In diesem Techno-Szenario kann es sein, dass die Gesellschaft ihren Bildungsauftrag vollständig an die großen Technologieunternehmen wie Apple, Amazon und Google abgibt. Der Bildungsapparat alter Prägung kann schlicht nicht die Software für eine hoch technologisierte Bildung bereit stellen. Es wäre aber zu wünschen, dass das Schulsystem dank großer Anstrengung der digitale Bildungsanbieter der Zukunft wird. Denn ein so staatstragendes Thema wie Bildung komplett in unternehmerische Hände zu geben, wäre leichtsinnig.

Sie sagten zu Beginn, dass es möglich sei, dass sich im Bildungssystem nicht viel ändern wird. Welche Voraussetzungen braucht es, damit solche Zukunftsvisionen wahr werden? 
 Im schlimmsten Fall mehrere Krisen wie Corona in kurzer Folge. Im besseren Fall ein Generationswechsel in Politik und Wirtschaft. Eine dritte Möglichkeit: Weitere Nationen hängen uns bei zentralen Zukunftsthemen wie Digital Health, Industrie 4.0, Open Education oder Open Science ab – dann wären wir gezwungen, aufs Gas zu treten. 

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in:
didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen, Ausgabe 2/2020, S. 52-56, www.didacta-magazin.de



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