Lernerfolg

Im Zentrum muss der Lehrer stehen

Der Lehrer ist entscheidend für den Bildungserfolg der Schüler, so der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie in seiner viel beachteten Studie. Doch was macht einen guten Lehrer aus und welches Handwerkszeug braucht er? Das wollten wir von Michael Felten wissen. Der Gymnasiallehrer hat gemeinsam mit der Lernforscherin Elsbeth Stern jetzt darüber ein Buch geschrieben.

19.03.2013 Artikel
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Herr Felten, Ihr neues Buch heißt "Lernwirksam unterrichten". Sollte es nicht selbstverständlich sein, dass Lehrer lernwirksam unterrichten und dass sie eine entscheidende Rolle im Unterricht spielen?

Michael Felten: Das stimmt. Weder aus Sicht der Schulpädagogik noch aus der Sicht der empirischen Bildungsforschung ist die Erkenntnis über die entscheidende Rolle des Lehrers neu, aber wir haben lange Zeit eine Blickverengung gehabt, weil die Debatten immer um Punkte gekreist sind wie: Wir brauchen mehr Geld, neuere Medien, ein anderes Schulsystem oder wir brauchen viel weniger Lehrersteuerung und viel mehr Schülerselbstständigkeit. Das hat viel Geld, Zeit und Papier gekostet, war aber häufig entweder sekundär oder irrelevant oder sogar irreführend.

Und was ist zielführend?

Michael Felten: Der Lehrer muss sich intensiv darum kümmern, was eigentlich von dem, was er an Prozessen angeregt hat, tatsächlich bei den Schülern ankommt. Seine Fragen sollten lauten: Was setzen die Schüler um und wie muss ich als Lehrer darauf reagieren? Das Neueste und Besondere an Hatties Aussagen ist wohl seine Zuspitzung auf ein aktives Feed-Back-Verhalten des Lehrers. Der Erziehungswissenschaftler Ewald Terhart von der Uni Münster hat das so zusammengefasst: Die alte Debatte ´lehrerzentriert oder schülerzentriert` sei jetzt ganz klar beantwortet: Im Zentrum muss der Lehrer stehen und für ihn müssen die Schüler im Zentrum stehen. Dabei geht es nicht um die methodeneuphorische Blickweise, die Schüler irgendwie zu motivieren und zu beschäftigen. Es geht vielmehr darum, die Schüler kognitiv zu aktivieren, denn nur das bewirkt aus Sicht der Lernforschung Lernen und Lernfortschritt.

Ist das gleichzeitig ein Plädoyer für den Frontalunterricht, wenn der Lehrer wieder im Zentrum stehen soll?

Michael Felten: Ich würde mich freuen, wenn die Debatte vom Begriff des Frontalunterrichts wegkäme, denn dieser Begriff ist negativ aufgeladen und lädt zur Vereinfachung ein. Empiriker sagen, besonders lernwirksam ist ein Unterricht, bei dem zwei Dinge zutreffen: ein hohes Maß an Schüleraktivität und ein hohes Maß an Lehrersteuerung. Das ist aber nicht gleichbedeutend mit Frontalunterricht. Lehrer brauchen eine breite Fülle von Steuerungsmaßnahmen. Das kann zum Beispiel eine spannende fünfminütige Präsentation sein, das kann ein Erklärungsimpuls sein, das kann die Anregung einer Gruppenarbeit sein, das kann auch das Begleiten von Stillarbeit sein: Lehreraktivitäten in sehr großer Vielfalt und mit viel Abwechslung.

Klingt anstrengend. Welche Voraussetzungen brauchen Lehrer für diese Anforderungen?

Michael Felten: Es ist zu wenig bekannt, dass der Lernerfolg einer Unterrichtsstunde etwa zur Hälfte davon abhängt, inwieweit das Vorwissen der Schüler solide vorhanden war und aktiviert wurde. Das vergessen viele Lehrer, möglicherweise vor lauter Sorge, sie hätten nicht genug Zeit für den neuen Stoff. Es ist aber wichtig, am Anfang eine Aktivierung durchzuführen, um das, was man an Voraussetzung braucht, in den Köpfen der Kinder wachzurufen oder auch zu ergänzen.

Und wie bekommen Sie das heraus - durch Abfragen?

Michael Felten: Ich setze gern meine Methode des Miniselbsttests ein. Am Anfang der Stunde stelle ich zwei, drei Fragen, durch die das Wissen, das ich für den neuen Schritt in dieser Unterrichtsstunde brauche, wieder wachgerufen wird. Die Schüler schreiben ihre Antworten auf und diskutieren dann, beispielsweise in Zweiergruppen, ihre Antworten. Erst danach gebe ich die richtigen Ergebnisse in die Klasse und stehe für Fragen zur Verfügung. Einen solchen Miniselbsttest kann man mit ein bisschen Erfahrung sehr schnell abwickeln und hat, ohne dass ein Schüler sich blamieren müsste und ohne Mehrarbeit für den Lehrer - etwa durch Korrekturen - ein ganz hohes kognitives Aktivierungspotenzial.

Merkt der Lehrer denn nicht schon allein durch die Unterrichtsbeteiligung, dass der Stoff bei den Schülern angekommen ist?

Michael Felten: Oft denkt man: Fünf Schüler haben die richtige Antwort gegeben, der Stoff wurde also verstanden. Das ist aber häufig eine Verständnisillusion des Lehrers, in Wirklichkeit haben möglicherweise 20 Schüler eine ganz wichtige Stelle missverstanden.

Und wie kann er diesen 20 Schülern beim Verstehen helfen?

Michael Felten: Die muss er erst einmal identifizieren, etwa in Übungsphasen; dann wird er für passende Hilfsmittel sorgen - Musterlösungen oder einfachere Aufgaben - , oder er organisiert zusätzliche Unterstützung durch Mitschüler oder inszeniert eine Kleingruppenphase für die Langsameren. Entscheidend ist eine ermutigende Grundhaltung, um gute Resultate zu erzielen, dazu kommt dann ein sehr reichhaltiger Rezeptkasten mit vielen verschiedenen Wegen. Die ermutigende Grundhaltung heißt, dass man ein sehr entwicklungsoptimistisches Bild vom Kind hat, nach dem Motto: Jedes Kind kann unheimlich viel lernen. Dazu kommt das Bewusstsein des Lehrers, dass er als Person eine ungleich wichtigere Instanz ist als jeder äußerer Umstand.

Zur Person

Michael Felten ist Gymnasiallehrer für Mathematik und Kunst in Köln, Lehrbeauftragter an Pädagogischen Hochschulen sowie Autor erfolgreicher pädagogischer Fachbücher. Sein neues Buch, das er gemeinsam mit der Lernforscherin Elsbeth Stern von der ETH Zürich geschrieben hat, heißt Lernwirksam unterrichten. Im Schulalltag von der Lernforschung profitieren und ist erschienen im Cornelsen Verlag.


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