Inklusive Bildung

"Inklusion ist alternativlos aber nicht problemlos"

(red) Mit der Unterzeichnung der UN-Behindertenrechts-Konvention hat sich Deutschland vor drei Jahren verpflichtet, Kinder mit und ohne Förderbedarf künftig gemeinsam zu unterrichten. Doch bundesweit besucht derzeit nicht einmal jeder vierte Förderschüler eine Regelschule. Am Rand der Reckahner Bildungsgespräche 2012 zum Thema Inklusion erklärte der Sonderpädagoge Prof. Dr. Winfried Kronig gegenüber bildungsklick.de, warum weder überstürztes Handeln noch das Warten auf die idealen Bedingungen gut sind.

15.05.2012 Artikel
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Herr Prof. Kronig, Sie sagen: Inklusion stellt wenig neuen Fragen. Aber sind die alten überhaupt schon beantwortet?

Winfried Kronig: Wir haben jetzt mehr als 40 Jahre Bildungsforschung hinter uns und ich glaube nicht, dass wir völlig ohne Antworten sind. Etwa wenn es um die Bedeutung des Klassenklimas oder um die Wirkung heterogener Lerngruppen geht. Aber: Viele der alten Fragen wie etwa jene der Leistungsbewertung sind tatsächlich nicht abschließend beantwortet. Viele dieser klassischen Fragen stellen sich bei der Inklusion lediglich vor etwas verändertem Hintergrund: Was ist eine gute Schule? Was ist guter Unterricht?

Und nun werden mit der Inklusion auch diese alten Fragen beantwortet?

Winfried Kronig: Die Inklusion löst keine Probleme - oder nur einige wenige. Teilweise ist es sogar so, dass die Inklusion uns vor neue Probleme stellt, die wir vorher durch das System unterdrückt haben. Diese Probleme gab es unterschwellig schon, aber jetzt kommen sie zu Tage und wir haben sie zu lösen. Die integrative Praxis behauptet mit dem gleichen Recht wie die separative Praxis, dass sie erfolgreich ist. Über weite Strecken kann man das auch empirisch bestätigen. Aber die große Frage bleibt: Wie macht man das am besten? Die Praxis steht unter dem permanenten Druck, dies situationsangepasst und jeden Tag aufs Neue zu beantworten.

"Lehrer handeln professionell"

Darauf gibt es doch eine Antwort: Entscheidend sind die Lehrer …

Winfried Kronig: Diese Aussage wird von der Empirie so nicht gestützt. Lehrkräfte haben eine wichtige Rolle, das ist unbestritten. Aber erstens ist es bei den meisten Klassen so, dass die Lehrkräfte jedes Jahr wechseln. Und das darf man innerhalb der gesamten Bildungsbiografie nicht vergessen. Es handelt sich nicht um eine Person, sondern um eine Gruppe, die in sich wieder heterogen ist. Und zweitens: Ich sehe Systeme und Strukturen, in denen es Lehrkräften leichter gemacht wird, eine gute Arbeit zu leisten und ich sehe Systeme, die bei den Lehrkräften gewisse Formen der pädagogischen Frustration geradezu provozieren.

Das heißt konkret?

Winfried Kronig: Es geht zum Beispiel um die grundsätzliche Flexibilität, die einer Lehrkraft an die Hand gegeben werden muss. Lehrer sind ausgebildet, sie sind Profis, sie handeln professionell. Ich bin skeptisch bei dieser immer wiederkehrenden Professionalisierungsdiskussion, weil sie implizit unterstellt, dass die Lehrer bislang unprofessionell handeln. Das müsste man zuerst nachweisen. Ich habe meine Zweifel, ob das so einfach gelingen könnte. Lehrer handeln professionell - also brauchen sie Spielräume bei der Organisation der Wissensvermittlung um ihre pädagogische Wirkung besser zu entfalten.

"Entscheidung viel stärker vor Ort treffen"

Bleiben wir bei der eben von Ihnen erwähnten großen Frage in Bezug auf die Inklusion: Wie macht man es am besten - einfach tun?

Winfried Kronig: Mit spontanen und unüberlegten Umsetzungen würde man eine Reihe von Risiken eingehen und man könnte beispielsweise prognostizieren, dass eine gewisse Anzahl von Kindern ungenügend versorgt ist. Aber man kann auch nicht sagen, dass Deutschland jetzt aus dem Nichts heraus beginnen würde. Sie haben hier über 20 Jahre Erfahrung. Umgekehrt sehe ich Gefahren bei einer anhaltenden Strategie des Zögerns. Etwa wenn Forderungen nach langen Listen von Bedingungen gestellt werden, die zuerst erfüllt sein müssen. Denn dies wird wohl nie in der gewünschten Form der Fall sein. Wir haben in der Schweiz teilweise bessere Bedingungen, wir sind aber deswegen auch nicht weiter in der Inklusion. Wir können nicht auf Optimalbedingungen warten, um Inklusion umzusetzen. Die gibt es im Übrigen auch bei separierenden Systemen nicht.

Sondern?

Winfried Kronig: Wir müssen die Entscheidung viel stärker vor Ort treffen und in Bezug darauf, was möglich und vernünftig ist. Immer mit Blick auf die Inklusion, natürlich, denn wir sollten nicht dahin kommen zu sagen: Wir machen beides und nur diejenigen, bei denen es unumgänglich scheint, gehen zur Sonderschule. Diese Argumentation ist nicht schlüssig. Denn das war ja eigentlich vor 50 Jahren auch schon so. Oder hätte zumindest so sein müssen. Es muss klar bleiben, wohin die Reise geht, aber das Tempo und die Möglichkeiten müssen teilweise vor Ort mitbestimmt werden.

Vor Ort heißt?

Winfried Kronig: Auf Schulebene. Das heißt nicht, dass die Schulen sich mit Verweisen auf irgendwelche Rahmenbedingungen, die noch nicht erfüllt sind, drücken können. Aber es darf auch nicht dazu führen, dass wir einzelne Kinder einem Dogma opfern. Und das sage ich als starker Befürworter der Inklusion, die alternativlos ist, aber eben nicht problemlos. Wenn man sieht, dass es nicht geht, dann muss man dies auch begründen und man muss bemüht sein, Veränderungen herbeizuführen, damit es eben geht. Das beinhaltet auch eine ständige Beobachtung des jeweiligen Schulsystems und die Dokumentation seiner Veränderungen. Aber das brauchen wir ohnehin.

Das klingt nach einem langen Weg von zehn, zwanzig Jahren.

Winfried Kronig: Ja, das würde ich auch als einen langen Weg bezeichnen, für Bildungshistoriker allerdings sind 20 Jahre ein Augenzwinkern. Trotzdem: Ich bin für eine stabile langfristige Entwicklung auch über 20 Jahre, anstatt in blinden Aktionismus zu verfallen, alles zu verteufeln, was vorher gewesen ist, nur um in 20 Jahren sagen zu müssen, dass wir eigentlich auf der Stelle getreten sind. Da habe ich lieber noch ein bisschen Geduld. Aber eben auch nicht allzu viel davon.


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