Interview

"Inklusion ist eine Frage der pädagogischen Haltung"

(Stephan Lüke) Die Verpflichtung zur Inklusion gilt als größte Herausforderung für die Schulen, angefangen von der Grundschule bis in die Sekundarstufe. Über Chancen und Risiken äußert sich der Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Christian Fischer (Westfälische Wilhelms-Universität Münster).

17.05.2013 Artikel
  • © Juliette Ritz

Deutschland hat die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet. Die Verpflichtung zur Inklusion stellt die weiterführenden Schulen vor völlig neue Aufgaben. Sind sie darauf vorbereitet?

Christian Fischer: Ich glaube, sie sind es nur bedingt. Alle uns bekannten Studien belegen, dass in Deutschland der Übergang zur weiterführenden Schule nach wie vor zu stark zum Beispiel von der sozialen Herkunft des Kindes und weniger von seinen tatsächlichen Fähigkeiten abhängt. Und nach wie vor lautet zu häufig die Frage: Passt das Kind zur Schule und nicht, ob die Schule zum Kind passt? Die skandinavische Denkweise in Schulen, dass sie für alle Kinder zuständig sind, hat sich noch längst nicht überall bei uns durchgesetzt. Viele Schulen begründen ihre ablehnende Haltung gegenüber Inklusion mit mangelnden Ressourcen und unzureichender Qualifizierung.

Überzeugen Sie die Argumente?

Christian Fischer: Ich will sie gar nicht gering schätzen, schließlich entspringen solche Aussagen meistens der Sorge, den Kindern nicht gerecht werden zu können. Aber ich sage auch: Inklusion ist eine Frage der pädagogischen Haltung.

Den Inklusionsbegriff umfassend definieren


Viele verstehen unter Inklusion die Aufnahme von Kindern mit Behinderung. Eine zu enge Definition?

Christian Fischer: Inklusive Bildung ist nun geltendes Recht in Deutschland. Die Frage ist, welchen Inklusionsbegriff wir verfolgen. Es geht im Kern um Partizipation und Teilhabe am allgemeinen Bildungssystem von möglichst allen Gruppen, die von Ausgrenzung betroffen sind, und eben nicht nur von jenen Kindern mit Behinderung. Ich plädiere daher für eine weiter gefasste Inklusionsdefinition.

Die wie aussehen sollte?

Christian Fischer: Noch erleben wir beispielsweise bei der Ausschreibung von entsprechenden Lehrstühlen an den Universitäten, dass sich das Thema Inklusion zumeist auf die Frage der Sonderpädagogik und damit auf Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf konzentriert. Kinder mit besonderen Begabungen oder mit Migrationshintergrund werden noch zu wenig mitbedacht. Meines Erachtens sollte die verstärkte Partizipation von Kindern mit Zuwanderungsgeschichte und besonderen Potenzialen ebenfalls ein wichtiges Thema darstellen, da auch diese Kinder oftmals Ausgrenzung in unserem Bildungssystem erleben. Diese Ausgrenzung resultiert aus einer mangelnden Wertschätzung von Vielfalt in unserem Bildungssystem.

Teilen Sie die Sorge des Entwicklungspsychologen an der Universität Duisburg-Essen und wissenschaftlichen Leiters des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung, Prof. Dr. Haci-Halil Uslucan, dass in dieser Gruppe zahllose Talente "verschenkt" werden?

Christian Fischer: In jedem Fall. Die speziellen Talente und besonderen Begabungen von Kindern aus Familien mit Migrationshintergrund werden häufig nicht erkannt und deshalb auch nicht gefördert. Zumeist einfach nur, weil sie der deutschen Sprache trotz der umfangreichen Sprachförderprogramme nicht so mächtig sind, wie es für eine volle Teilhabe am Bildungssystem erforderlich wäre. Oft ist die Zuwanderungsgeschichte mit weiteren Risiken, wie Familienarmut und Arbeitslosigkeit, gekoppelt. Die Gefahr ist dann groß, dass diese Kinder ihre Fähigkeiten nicht offenbaren können. Und was folgt? Sie werden nicht selten auffällig. Das äußert sich bei den Betroffenen je nach Herkunftsland, aber auch geschlechtsgebunden unterschiedlich. Mädchen reagieren eher introvertiert, Jungen extrovertiert. Fortan gelten sie als störend und nicht leistungsbereit. Eine fatale Fehleinschätzung für jedes einzelne Kind persönlich, aber auch für die Gesellschaft. Deutschland wird künftig noch stärker auf Zuwanderung angewiesen sein, um den Fachkräftebedarf decken zu können. Schon jetzt erreichen nur 1,5 Prozent aller Schülerinnen und Schüler am Ende der 4. Klasse in Mathematik, Naturwissenschaften und Lesen gleichzeitig die höchste Kompetenzstufe. Das haben die Vergleichsstudien für Lesen (IGLU) und Mathe/Naturwissenschaften (TIMSS) erst Ende 2012 offenbart.

Die "Durchschnittsfalle"


Begabungen werden häufig nicht erkannt, oft aber auch nicht geschätzt …

Christian Fischer: Das ist in der Tat ein schwieriges Problem. Begabte und leistungsstarke Kinder werden von ihren Mitschülern häufig als Streber abqualifiziert – ein Begriff, den es vergleichsweise etwa in Kanada gar nicht gibt. Da wird Sprache verräterisch. Besonders Begabte leiden oft unter Ausgrenzung und Mobbing. Manch einer von ihnen baut bewusst Fehler in seine Arbeiten und Antworten ein, um nicht aufzufallen. Der Begriff der "Durchschnittsfalle" könnte treffender nicht sein.

Wie können die weiterführenden Schulen darauf reagieren?

Christian Fischer: Erst einmal müssen sie sich des Problems bewusst sein, und zwar nicht nur bezogen auf den beschriebenen Fall des besonders begabten Kindes mit Migrationshintergrund. Wir sprechen gerne von Kindern, die mehrfach außergewöhnlich sind. Da gibt es etwa jene, die mathematisch hochbegabt sind und zugleich Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten haben. Wir erleben eben nicht nur eine Heterogenität zwischen den Schülern einer Klasse, sondern auch der einzelnen Kinder. Darauf muss die Schule reagieren. Inklusion bietet da die große Chance, ein neues Verständnis für den Wert der Vielfalt zu entwickeln, die Teamarbeit in der Schule zu verändern, etwa wenn es darum geht, den Blick aufs Kind und seine unterschiedlichen Begabungen zu richten. Im Austausch miteinander werden viele Kollegen sich staunend anschauen und sich fragen, ob sie übers gleiche Kind sprechen. Vor allem aber darf die Schule nicht den Fehler begehen, eine einseitige Förderkultur zu praktizieren, die nur die Leistungsschwächeren im Fokus hat. Und es sollte vermieden werden, die Leistungsstärkeren nur als Lernhelfer für Schwächere einzusetzen. Sie müssen selbst auch gefordert und gefördert werden.

Kompakt

Der Hauptanstoß für inklusive Bildung erfolgte 1994 auf der Weltkonferenz "Pädagogik für besondere Bedürfnisse: Zugang und Qualität" in Salamanca. Mehr als 300 Vertreter von 92 Regierungen und 25 internationalen Organisationen diskutierten den erforderlichen, fundamentalen politischen Wandel, der nötig ist, um Schulen in die Lage zu versetzen, alle Kinder zu betreuen, insbesondere jene mit besonderen Bedürfnissen.

Erstveröffentlichung Klett Themendienst Schule Wissen Bildung Nr. 60


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