Deutscher Lehrertag

Inklusion: Visionen, Hoffnungen und Anregungen

(red) "Ihr Beruf und mein Beruf haben ganz viel gemeinsam: Wir brauchen gutes Fachwissen. Aber das allein reicht nicht, wir brauchen auch Beziehungskompetenz - gute Lehrkräfte müssen auch Beziehungskünstler sein", erklärte der Freiburger Neurobiologe, Arzt und Psychotherapeut Prof. Dr. Joachim Bauer in seinem Eröffnungsvortrag auf dem Deutschen Lehrertag in Mannheim.

13.12.2012 Artikel

Mehr als 800 Lehrern waren der Einladung zum bundesweiten Weiterbildungstag Ende November gefolgt, der in diesem Jahr unter dem Motto stand: "Anders sein ist normal. Heterogenität als Herausforderung".

Spätestens seit der Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention steht die bundesdeutsches Schul- und Bildungspolitik vor der Aufgabe, ein inklusives Bildungssystems zu schaffen. Wie steht es um die Inklusion - etwa im gastgebenden Bundesland Baden-Württemberg? Was sagt der Neurobiologie zu den Herausforderungen an Lehrer und Schüler und was bedeutet Inklusion schließlich im Schulalltag? Auf all diese Fragen wollte der Deutsche Lehrertag, veranstaltet vom Verband Bildung und Erziehung und vom Verband Bildungsmedien, eine Antwort geben. Neben dem Experten aus der Neurobiologie referierte auch die baden-württembergische Kultusministerin und in den 25 Workshops ging es anschließend ganz konkret etwa um die Individualisierung im Englischunterricht, um die Binnendifferenzierung im Fach Mathematik oder um die individuelle Förderung beim Französischlernen.

Einig waren sich Politik, Wissenschaft und die Veranstalter darüber, dass ein inklusives Bildungssystem nur mit mehr personellen, sächlichen und räumlichen Ressourcen erreicht werden kann. Doch woher nehmen? "Nirgendwo in der UN-Behindertenrechtskonvention steht", so erklärte VBE-Vorsitzender Udo Beckmann, "dass die Bedürfnisse der Kinder das Wohl der Haushalte sichern müssen. Gewinner der Inklusion müssen die Kinder sein und eben nicht die Haushälter." Auch Andreas Baer, Geschäftsführer des VBM mahnte: "Fortschritt braucht Investition, neue Herausforderung braucht Investition." Lehrer benötigen mehr Kapazitäten für die Förderung ihrer Schüler - das stand auch für die baden-württembergische Kultusministerin Gabriele Warminski-Leitheußer außer Frage. Fraglich hingegen blieb, wie es mit der Umsetzung aussehen soll, denn sie machte sofort deutlich, unter welchen Zwängen die Politik steht: "Alle Bundesländer haben durch den Bundesgesetzgeber eine sogenannte Schuldenbremse vorgegeben und dürfen ab dem Haushaltsjahr 2020 nur noch das ausgeben, was sie tatsächlich einnehmen." Auch Baden-Württemberg müsse dramatisch einsparen: 2, 5 Mill Euro pro Haushaltsjahr.

Ein weiterer Streitpunkt beim Thema Inklusion: Was passiert mit den Sonder- und Förderschulen? Sie dürfen nicht aufgelöst werden, da waren sich Beckmann und Warminski-Leitheußer einig. Das Problem sei nicht damit gelöst, dass mit einem Federstrich ein großer Teil an Förderschulen geschlossen werde und die Förderschullehrer auf die allgemeinbildenden Schulen verteilt würden, betonte der VBE-Vorsitzende: "Förderschulen werden auch weiterhin Bestand haben müssen wenn man das Wahlrecht der Eltern ernst nimmt." Das Wahlrecht der Eltern - auch für Kultusministerin ein großes Gut: "Für Baden-Württemberg ist klar, wir werden beim Wahlrecht bleiben."

Auf die Beziehungskompetenz der Lehrer und auf die Stärken der Kinder setzte Joachim Bauer. "Inklusion zwingt uns ultimativ, die Beziehungsarbeit in der Schule ernst zu nehmen, dann ist Inklusion zu meistern und wir müssen die Welt nicht neu erfinden", betonte der Neurobiologe. "Wir müssen den Kindern, die Inklusion leben sollen, als Modelle, als Vorbilder dienen." Alle Kinder seien auf die Rückmeldung der Lehrer angewiesen. Es gelte, jedem einzelnen Kind zu zeigen, wo seine Entwicklungslinien sind: "Es gibt kein Kind, für das es nicht irgendeine Vision gibt."

Vielleicht nicht mit Visionen, aber mit Hoffnungen und konkreten Anregungen verließen die Teilnehmer den Deutschen Lehrertag. "Mir haben die Vorträge und Workshops sehr für meinen Unterricht geholfen", so das Resümee von Andrea Schmidt. Die Grundschullehrerin war aus dem benachbarten Saarland angereist. Und Marko Wegner aus dem baden-württembergischen Güglingen fühlte sich in seiner Einschätzung bestätigt, dass Inklusion wichtig und richtig ist. Aber auch "dass noch zu wenig angegangen wird und dass noch viel Arbeit geleistet werden muss, sowohl von der Politik, wie von den Lehrern."


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