Bayern

Kinder brauchen Verständnis und Zuwendung

Der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, hat anlässlich der Zeugnisvergabe am Freitag Eltern schulpflichtiger Kinder zur Besonnenheit aufgerufen. "Es hilft Kindern nicht, wenn sie wegen schlechter Noten Enttäuschung und Druck spüren", sagte er heute in München. "Kinder brauchen Verständnis und Zuwendung. Wenn sie das Gefühl haben, die Liebe ihrer Eltern hängt von ihren schulischen Leistungen ab, kann dies schlimme Folgen haben." Der Schulbesuch sei für viele Heranwachsende mit großen Belastungen verbunden. "Viele sehen in der Schule einen Ort des Wettbewerbs. Nur die Stärksten behaupten sich und die, die zusätzlich gefördert werden." Bereits Schulanfänger wüssten, dass Zukunftschancen in erheblichem Maß von Schulzeugnissen abhängen. Die Angst zu versagen sei entsprechend groß. "Jedes Jahr stellen Experten fest, dass immer mehr Kinder seelisch und körperlich erkranken." Es sei kein Geheimnis, dass viele Heranwachsende Medikamente brauchen, um mit den Belastungen fertig zu werden. Die Vergabe der Zwischenzeugnisse sollte Anlass sein, diese Vorgehensweise kritisch zu betrachten.

16.02.2011 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

"Wenn Kinder auch noch zu Hause unter Druck gesetzt werden, haben sie keinen Ort mehr, an dem sie zur Ruhe kommen können - das sollten Eltern bedenken, wenn sie in bester Absicht ihre Kinder auf gute Noten trimmen", sagte Wenzel. Sein Rat: "Eltern sollten versuchen, auf schlechte Noten im Zwischenzeugnis nicht verärgert oder enttäuscht zu reagieren. "Es hilft dem Kind viel mehr, wenn sie sich zunächst einmal über die ´guten Noten´ freuen und sich lobend dazu äußern." Gute Leistungen dürften nicht als Selbstverständlichkeit abgetan werden. Die meisten Schüler müssten hart dafür arbeiten.

Auch bei schlechten Noten brauchen Heranwachsende positive Unterstützung: "Eine Strafpredigt hilft wenig - viel besser ist der Weg zur Lehrkraft. Sie kann genau erklären, wo die Probleme liegen und was dagegen unternommen werden kann. Entscheidend ist, dass Kinder merken, Erwachsene wollen ihnen helfen und sie nicht noch mehr unter Druck setzen. In der Regel leiden Kinder unter schlechten Noten am meisten."

Besonders dramatisch sei die Situation für Kinder, die die vierte Grundschulklasse besuchen und im Mai das Übertrittszeugnis erhalten: "Weil der Sprung aufs Gymnasium keinesfalls verpasst werden darf, sind diese Wochen für viele Familien eine Zeit extremer Belastungen", so der BLLV-Präsident. "Was sich da in manchen Familien abspielt, ist alarmierend."

Das Lernen an den Schulen sei weitgehend deformiert. Es gehe nicht um den individuellen Zuwachs an Wissen und Können, nicht um Interesse und Freude an Neuem, im Mittelpunkt stehe vielmehr die Jagd nach guten Noten, Übertritten und Berechtigungen. Wenzel: "Auf diese Weise verkümmert das Lerninteresse und pervertiert das Bildungsverständnis. Lernen wird flüchtiger und oberflächlicher. Sobald die Noten feststehen, wird der Stoff abgehakt." Wissenschaftlich unumstritten sei jedoch, dass Kinder und Jugendliche nachhaltiger lernen, wenn sie angeregt werden, Probleme selbst zu lösen, wenn sie ihren Lernprozess selbst regulieren können. "Lernen muss daher frei sein von Versagensängsten. Es sollte selbstverständlich sein, dass Schüler Fehler machen dürfen. Leistungsbereitschaft entwickelt sich durch Ermutigung und Anerkennung, nicht durch Enttäuschung und Ablehnung. Lernerfolg wächst aus Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein, nicht aus Versagensängsten und Verunsicherung."

Eltern sollten sich daher klar machen, dass Noten relativ wenig über den Lernfortschritt eines Heranwachsenden aussagen. "Lehrkräfte wissen dies, müssen ihre Schüler aber unentwegt bewerten. Sie haben außerdem zu wenig Möglichkeiten, ihre Schüler bei festgestellten Defiziten entsprechend zu fördern." Das frustriere Lehrer wie Schüler gleichermaßen.

"Letztlich sind alle, die mit Schule zu tun haben, Opfer des Systems, das immerzu aussortiert und ´gute´ wie ´schlechte´ Schüler auf verschiedene Schulen verteilt", stellte der BLLV-Präsident fest. Er appellierte an Eltern, sich möglichst frei zu machen von dem ständigen Selektionsdruck. "Dieser Druck macht viele Kinder und Jugendliche krank und nimmt ihnen Freude am Lernen."


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