didacta-Themendienst

"Kinder kennen keinen Rassismus"

Mit dem Verein "Gesicht Zeigen!" besucht Dunja Hayali Schulklassen in ganz Deutschland, um Jugendliche für Rassismus und Extremismus zu sensibilisieren. Für ihr Engagement wird die Moderatorin des ZDF-Morgenmagazins auf der didacta 2016, Europas größter Bildungsmesse, als Bildungsbotschafterin ausgezeichnet. Im Gespräch verrät die Journalistin, warum sie dabei auch etwas von den Schülerinnen und Schüler lernt.

02.02.2016 Artikel
  • © Jennifer Fey

Frau Hayali, was genau machen Sie beim "Gesicht Zeigen!" e. V.?

Ich engagiere mich schon seit mehreren Jahren für das Projekt "Störungsmelder". Wir fahren quer durch die Republik, besuchen Schulen und sprechen vor Ort mit den Jugendlichen über alle möglichen Formen von Radikalisierung, wie Rechts- und Linksextremismus oder Homophobie und Antisemitismus. Die Gespräche finden auf Augenhöhe statt und es ist immer ein sehr schöner Austausch.

Was bedeutet Ihnen dieses Engagement persönlich?

Sehr viel. Wenn ich mit den Schülern spreche, geht es oft auch um Medien. Wir diskutieren Fragen wie: Warum nennen wir manchmal die Herkunft eines Täters, wann nicht? Für mich ist es immer ein Gewinn, weil die Schüler mit einem ganz anderen Blick Nachrichten schauen. Das entfernt Distanz und schafft einen Zugang zu einer Welt, die man mit über 40 halt nicht immer sieht. Man geht mit mehr Wissen und Eindrücken nach Hause und diese helfen mir wiederum in meinem Job als Journalistin.

Der Verein versucht, Kindern das Thema Rassismus spielerisch in Workshops zu vermitteln. Wie gehen Kinder mit dem Thema im Vergleich zu Erwachsenen um?

In den Schulklassen, die ja zum Teil sehr durchmischt sind, sitzt zum Beispiel ein Ahmed neben einer Steffi. Ob er nun einen Migrationsvordergrund hat, spielt aber für Steffi gar keine Rolle. Kinder kennen einfach keinen Rassismus. Für einen 10-Jährigen ist es völlig wurscht, ob Sie grün, schwarz, weiß, blau oder rot sind. "Ist doch egal, das ist einfach Ahmed". In den Workshops sprechen wir dann über Fragen und Aussagen wie: "Darf ich noch Negerkuss sagen?" oder "Was für ein schwuler Pass". So erkennen sie, dass jeder von uns unbewusste Vorurteile in sich hat. Und die zeigen sich manchmal anhand von kleinen Formulierungen, die sich in den Alltag einschleichen und sehr verletzend für das Gegenüber sein können. Wir müssen die Kinder also für das Thema Rassismus erst einmal sensibilisieren. Für sie ist der Begriff sehr abstrakt. Aber wenn man es schafft, ihn auf ihre Lebenswirklichkeit runterzubrechen, dann sind sie sehr pragmatisch. Bei älteren Schülern ist das etwas anders. Für sie sind die Grenzen schwammig. Zudem herrscht außerhalb der Schule eine andere Welt. Diese zwei Welten zusammenzubringen, ist für Jugendliche manchmal nicht so einfach.

Wie beurteilen Sie als Journalistin die mediale Darstellung der Flüchtlingsbewegung?

Unsere Aufgabe ist es, zu zeigen, was gerade los ist. Aber wir können uns der Wahrheit auch nur annähern und versuchen sie abzubilden. Als es im August 2015 mit der Willkommenskultur losging, haben wir diese gezeigt. Als es die ersten Probleme gab, haben wir auch das gezeigt. Wir versuchen immer, ein Gesamtbild zu erfassen.

In einem Facebook-Post haben Sie sogenannte "Ja-Aber"-Kommentare verurteilt, bei denen User sagen, sie hätten nichts gegen Flüchtlinge, aber im Nebensatz doch teilweise rassistische Einwände formulieren. Was wollten Sie damit bezwecken?

Ich akzeptiere jede "Ja-Aber"-Aussage, solange nach dem Aber nichts Fremdenfeindliches kommt. Was nicht geht, sind Beleidigungen, Pöbeleien, Beschimpfungen oder rassistische Äußerungen. Als ich das Posting veröffentlicht habe, gab es unheimlich viele rassistische Äußerungen und dagegen habe ich mich gewehrt. Ich möchte ganz klar sagen, dass jeder seine Ängste, Sorgen und Befürchtungen äußern kann.

Was brauchen Flüchtlingskinder, um in Deutschland Fuß fassen zu können?

Ich kann mir vorstellen, dass Trauma-Behandlung für viele Kinder extrem wichtig ist. Darüber sprechen wir kaum, weil wir erst mal alle versorgen und integrieren müssen. Wir sollten jetzt alle Sprach- und Bildungsangebote ausbauen.

Hintergrund

Jedes Jahr zeichnet der Didacta Verband Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die sich besonders für Bildung, Kinder und Jugendliche stark machen, als didacta Bildungsbotschafter aus. 2016 steht die Preisvergabe ganz im Zeichen der aktuellen gesellschaftlichen Ereignisse rund um das Thema Flucht und Integration. Die "didacta Bildungsbotschafter" engagieren sich für Bildungsgerechtigkeit und gegen Ausgrenzung: die Journalistin und Moderatorin Dunja Hayali, die sich besonders für Menschen mit Flucht- und Migrationserfahrungen einsetzt, sowie der Kölner Verein Arsch Huh, der anstiftet zu Zivilcourage und multikulturellem Zusammenwachsen.

Kommen Sie auf die didacta 2016 in Köln und besuchen Sie die Preisverleihung:

Forum didacta aktuell
didacta Bildungsbotschafter 2016: Dunja Hayali und Arsch Huh e. V.
17.02.2016
15:00 Uhr - 15:45 Uhr
Halle 6, C 61
Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft

Das Thema Flüchtlinge bildet einen Schwerpunkt auf der didacta 2016 in Köln. Auf Europas größter Bildungsmesse wird "Gesicht Zeigen!" e. V. ebenfalls mit Aufklärungs-Workshops vertreten sein.

Workshop "Lernen zum Anfassen"
Geschichte und Gegenwart: Everybody can be a Change Agent!
16. Februar 2016
11:00 Uhr – 12:00 Uhr
Halle 7, Stand E 38/F 39
Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft / "Gesicht Zeigen!" e. V.

Fliehen und Ankommen: Wie wollen und wie können wir gemeinsam handeln?
18. Februar 2016
09:00 Uhr – 12:00 Uhr
11:00 Uhr – 12:00 Uhr
13:30 Uhr – 14:30 Uhr
15:30 Uhr – 16:30 Uhr
Halle 7, E 38/F 39
Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft / "Gesicht Zeigen!" e. V.

Forum Berufliche Bildung
Flüchtlinge in Deutschland: Chancen für die berufliche Bildung
16. Februar 2016
12:15 Uhr – 13:15 Uhr
Halle 9, Stand A 36/B 39
Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft / Verband Bildungsmedien e. V.

Forum didacta aktuell
Deutsch für Flüchtlinge – Smartphones und Apps, reicht das?
16. Februar 2016
13:00 Uhr - 13:45 Uhr
Halle 6, Stand C 61
Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft / Verband Bildungsmedien e. V.


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