KMK-Vorsitzende Ute Erdsiek-Rave diskutierte mit Fachleuten über eine geschlechtergerechte Schule

"Mädchen und Jungen sollen Schule als Ort erleben, der für sie da ist, der auf ihre Bedürfnisse eingeht - auch auf die geschlechterbedingten. Schule soll ihnen Wege öffnen und Jungen wie Mädchen Selbstbewusstsein vermitteln."

01.09.2006 Schleswig-Holstein Pressemeldung Ministerium für Schule und Berufsbildung des Landes Schleswig-Holstein

So definierte die schleswig-holsteinische Bildungsministerin und diesjährige Vorsitzende der Kultusministerkonferenz (KMK) Ute Erdsiek-Rave heute (31. August) das Ziel einer "Schule für Mädchen und Jungen". Unter diesem Titel hatte Erdsiek-Rave Fachleute aus Schule und Wissenschaft zu einer eintägigen Tagung in die schleswig-holsteinische Landesvertretung nach Berlin eingeladen.

Erdsiek-Rave: "Jungen, insbesondere aus bildungsfernen, sozial schwachen und Migrationsfamilien haben ein hohes Risiko, in unserem Bildungssystem zu scheitern." So seien zwei Drittel aller Schulabbrecher und drei Viertel der Sonderschüler männlich. Andererseits hätten Mädchen zwar in der Schule Erfolg - immerhin 56 Prozent der Abiturienten seien weiblich. Doch weder in der Berufsausbildung noch an der Universität oder im späteren Berufsleben könnten die Mädchen diese Vorteile umfassend nutzen. Nach wie vor entscheide sich der größte Teil der jungen Frauen für ein schmales Spektrum "weiblicher" Berufe, oft im Erziehungsbereich. "Diese Berufsbereiche verweiblichen in einem Maße , dass sie für Männer immer weniger in Frage kommen", so die Ministerin. Es seien jedoch gerade in der Erziehung und der Bildung mehr männliche Kompetenzen wünschenswert. Eine "Männerquote für Kindergärten und Schulen" lehnte Erdsiek-Rave allerdings als nicht praktikabel ab.

"Es besteht ein problematischer Zusammenhang zwischen Bildungserfolg und Geschlecht", so die Ministerin. Der müsse aufgebrochen werden, damit sich die Bildungs- und Berufschancen für beide Geschlechter verbessern könnten. Die Ministerin forderte deshalb dazu auf, ein neues Verständnis von Schule zu entwickeln, bei dem die individuelle Förderung der Schülerinnen und Schüler stärker im Mittelpunkt steht. "Es muss uns mehr als bisher gelingen, die geschlechtsspezifischen Festlegungen aufzubrechen. Mädchen sind nicht per se mathematisch unbegabt und Jungen sind längst nicht immer lesefaul." Da stecke noch viel Begabungspotenzial, dass gefördert werden müsse. Die Ministerin regte eine engere Zusammenarbeit von Schule und Wissenschaft, Forschung und außerschulischen Partnern an insbesondere, um neue Impulse zur Jungenförderung zu geben.

Auf der Fachkonferenz in Berlin stellten Jugendforscher, Pädagogen und Erziehungswissenschaftler nicht nur die Ergebnisse jüngster Forschungen zum Thema "Geschlechtergerechtigkeit in der Schule" vor, sondern fragten auch nach den Gründen für diese Entwicklungen und berichteten anhand praktischer Erfahrungen über Modelle zur Überwindung der Probleme.

Frank Beuster von der Gesamtschule Bergstedt aus Hamburg stellte die Probleme von Jungen an einer "frauendominierten Schule" dar: "Vieles, was Jungen mögen, hat im Alltag keinen Platz mehr". Das angepasste, pflegeleichte Mädchen sei zum Maßstab geworden. Beuster stellte eine Reihe von Projekten zur gezielten Jungenförderung zur Diskussion wie zum Beispiel Sozialpraktika, Väterabende oder "Schule-Fit-Mach-Kurse" für Jungen.

Dr. Waltraud Cornelißen vom Deutschen Jugendinstitut München ging in ihrem Referat auf den Prozess der Selbstfindung bei jungen Menschen ein. Der ist ihrer Ansicht nach noch immer sehr an Geschlechterstereotypen orientiert. Sie forderte, dass Schule "Mädchen und Jungen die Möglichkeit bietet, auch ihre geschlechtsuntypischen Potenziale zu erproben und wahrzunehmen".

Wie die Schulen im Rahmen ihres Schulprogramms das Thema einer geschlechtsbewussten Schule aufgreifen können, das war Inhalt des Vortrages von Prof. Barbara Koch-Priewe vom Institut für Allgemeine Didaktik und Schulpädagogik an der Universität Dortmund. Sie erläuterte, dass man auf die Sicherung der Chancengleichheit auch von Jungen achte müsse, da eine Reihe von ihnen insbesondere in der Sekundarstufe I Probleme in der Schule habe. Da müsse mit gezielten Konzepten zum Beispiel bei der Berufswahlorientierung oder in den Fachdidaktiken gegengesteuert werden.

"Geschlechtsstereotype Vorstellungen von Seiten der Lehrenden beeinflussen die Interaktion im Unterricht und verhindern, dass sich Mädchen und Jungen ihren individuellen Begabungen und Interessen entsprechend entfalten." Diese These vertrat Prof. Helga Stadler vom Institut für Theoretische Physik der Universität Wien. Sie plädierte unter anderem dafür, Lehrkräfte in der Aus- und Weiterbildung besser mit dem Thema vertraut zu machen und neue Unterrichtsmodelle zu entwickeln, die das Entdecken und Erleben eigener Kompetenzen fördern.

Prof. Uwe Sielert von der Universität Kiel unterbreitete generelle Thesen und Vorschläge für eine gendergerechte Schule. Als Ziel definierte er eine "Geschlechtermultikulturalität", bei der "die verschiedenen Elemente der Geschlechter nicht abgeschafft, sondern neu zusammengesetzt werden können, um die volle Bandbreite geschlechtsbezogener Praktiken für alle verfügbar" gemacht werden.

Der Programmleiter des Stuttgarter Thienemann Verlages, Stefan Wendel, berichtete aus seinen Erfahrungen mit Jugendbuchreihen speziell für Mädchen und speziell für Jungen. Er plädierte für mehr Bücher, die inhaltlich und äußerlich speziell auf die Bedürfnisse der Jungen zugeschnitten sind. Er forderte außerdem die weiblichen "Literaturvermittler" auf, sich mehr auf die Lesebedürfnisse der Jungen einzulassen.


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