Bayern

Kriegskinder in Übergangsklassen brauchen Hilfe

Sie kommen aus Kriegs- und Krisengebieten der ganzen Welt. Sie sind häufig traumatisiert, depressiv, nicht alphabetisiert und von Zukunftsängsten geplagt. Manche wollen sich das Leben nehmen. Die Rede ist von Flüchtlingskindern. An Grund- und Mittelschulen werden sie in sogenannte Übergangsklassen geschickt.

09.05.2012 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

"Die Vorrausetzungen, um diese Kinder einfühlsam und sensibel betreuen zu können, sind dort aber nicht optimal." Darauf hat der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, heute in München hingewiesen. Hauptproblem sei, dass sich die Zusammensetzung der Übergangsklassen in den vergangenen Jahren drastisch verändert habe, die Schulen darauf aber nicht oder nur wenig vorbereitet seien. "Wurden Übergangsklassen bisher überwiegend von Schülern europäischer Länder besucht, kommen seit einigen Jahren immer mehr Kinder und Jugendliche aus Krisenregionen, wo es nicht immer einen geregelten Schulbesuch gibt. Falls schulische Inhalte vermittelt werden, divergiert das Bildungsniveau stark. Viele dieser minderjährigen Flüchtlinge halten sich ohne Begleitung von Erwachsenen in Deutschland auf, was zusätzlich eine erhöhte sozialpädagogische Betreuung erforderlich machen würde", schilderte Wenzel. Damit Integration gelinge und die Kinder in ein halbwegs normales Leben zurückgeführt werden könnten, müssten entsprechende Voraussetzungen geschaffen und die Lehrkräfte in ihrer engagierten Arbeit mehr unterstützt werden - bereits vor dem Eintritt, während des zweijährigen Besuches einer Übergangsklasse und unmittelbar im Anschluss daran.

"Derzeit werden die Kinder ohne Vorbereitung in die Übergangsklassen geschickt. Das löst oftmals Ängste aus. Die jungen Menschen wissen nicht, was sie erwartet, sie sprechen kein Wort deutsch und sind völlig überfordert. Die Lehrkräfte sind in der Regel nur wenig über den gesundheitlichen und seelischen Zustand der Kinder informiert", berichtete der Integrationsbeauftragte im BLLV, Harun Lehrer. Gemeinsam mit anderen Kolleginnen und Kollegen, die in Übergangsklassen unterrichten, hat er eine Petition verfasst, in der nicht nur eine Situationsanalyse vorgenommen wird, sondern konkrete Lösungsvorschläge gemacht werden. Die Petition wurde vom BLLV-Landesausschuss einstimmig akzeptiert und ist bereits an das Bayerische Kultusministerium geschickt worden.

"Wir hoffen auf eine Reaktion und natürlich auch auf konkrete Verbesserungsmaßnahmen", sagte Lehrer, der aktiv mit Flüchtlingskindern an der Münchner Mittelschule an der Schleißheimer Straße arbeitet. Das Leid der zum Teil noch sehr jungen Betroffenen sei unermesslich. Sie sind in der Regel in Ballungsräumen wie München, Nürnberg, Würzburg oder Regensburg untergebracht und besuchen dort für zwei Jahre Übergangsklassen in Grund- und Mittelschulen, danach besteht die Möglichkeit, in eine Regelklasse zu wechseln. In einem ersten Schritt müsse dafür gesorgt werden, dass die Flüchtlingskinder Angebote für eine medizinische Untersuchung erhalten, vergleichbar mit der bei der Einschulung in die Grundschule, heißt es in der BLLV-Petition. "Dafür sind in der Regel Dolmetscher nötig." Es sei für die Gesundheit der Mitschüler und Lehrer zudem wichtig, über eventuelle chronische oder ansteckende Erkrankungen Bescheid zu wissen.

Auch während des Besuchs einer Übergangsklasse seien Verbesserungen nötig: So sollte die Höchstgrenze der Klassenstärken bei 16 Schülern liegen, Schulsozialarbeit angeboten und Kräfte des Mobilen Sonderpädagogischen Dienstes bereitgestellt werden. "Am dringendsten sind Möglichkeiten für Team-Teaching" betonte der BLLV-Integrationsbeauftragte. Ziel müsse sein, dass in Übergangsklassen immer ein zweiter Lehrer oder ein Förderlehrer zur Verfügung stehen." Zu vermeiden sei, dass Kinder, wenn die Kapazitätsgrenze an allen anderen Schulen erreicht sei, in Regelklassen "abgeschoben" würden - "das kommt leider immer wieder vor", erklärte er. Für die Betroffenen könnte dies fatale Folgen haben: "Sie ziehen sich zurück oder geben sich auf."

Die Betroffenen sollten zudem die Möglichkeit haben, wahlweise eine Förderung im Fach Englisch zu erhalten, um die Grundkenntnisse der Sprache zu erwerben und zu erweitern. "Optimal ist es, wenn die Schüler möglichst schnell den Anschluss an die Regelklasse finden und in der gewohnten Umgebung bleiben können", so Harun Lehrer. Dazu müssten sie aber weiterhin derselben Schule zugewiesen bleiben. Der Förderunterricht im Fach Englisch sollte zudem auch in der Regelklasse fortgesetzt werden können. "Die Vorteile liegen auf der Hand: wir vermeiden Zeitverlust. Weil die Stärken und Schwächen der Schüler bereits bekannt sind, kann weiterhin zielgerichtet gefördert werden." Die Schulen brauchen hierfür extra Stunden. "Mit dem Gießkannenprinzip funktioniert das nicht, die Förderung muss vielmehr in Gruppen mit Schülern mit vergleichbaren Deutschkenntnissen durchgeführt werden können." Mehr Unterstützung ist auch in der Berufsschule erforderlich: "Es braucht Sonderregelungen, um den Einstieg ins Berufsleben zu erleichtern."

Natürlich müssten grundsätzliche Rahmenbedingungen stimmen: In der BLLV- Petition wird daher gefordert, Übergangsklassen doppelt zu zählen, zusätzliche Budgets bereitzustellen, den Kopieretat zu erhöhen und ein Dolmetscher-Netzwerk für Schulen mit Übergangsklassen zu errichten.


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