Künstler bewegen Schulen
(gd) "Schule kreativ - the ART of learning" ist eine Initiative von renommierten Künstlern und Autoren, die sich das Ziel gesetzt hat, künstlerische und freie gestalterische Herangehensweisen in Bildungseinrichtungen zu stärken und über Medien verfügbar zu machen. In einer dreijährigen Entwicklungsphase - gefördert von der Robert Bosch Stiftung - wurden Projektideen aus den Bereichen Musik, Kunst, Theater und Film zu konkreten Unterrichtsbausteinen weiterentwickelt.
21.06.2005 ArtikelKunst und Musik sind als "Nebenfächer" etabliert, werden aber - darüber klagen seit Jahrzehnten diejenigen, die diese Fächer unterrichten - oft nicht richtig ernst genommen. Die Kreativfächer helfen allerdings bei der Profilbildung: durch das viel beachtete Konzert des Schulorchesters oder eine gelungene Ausstellung des Kunst-Leistungskurses.
Inzwischen ist die Schere noch weiter aufgegangen: Auf der einen Seite gibt es Stimmen, die diese Fächer für völlig entbehrlich halten und der Meinung sind, entsprechende Kenntnisse sollten privat vermittelt werden. Auf der anderen Seite steht die Renaissance des Kreativen in der Bildung als idealer Motivator, Katalysator und Wissensbegleiter. Abzulesen z. B. auch am Erfolg des Projektes "Rhythm is it" der Berliner Philharmoniker (siehe Klett-Themendienst 28, Dezember 2004 oder bildungsklick.de/serviceText.html?serviceTextId=7465 oder www.rhythmisit.com).
Was aber macht eine Schule, wenn sie einen Text- oder Filmworkshop, ein Musik- oder Theaterprojekt oder ein Selbsterfahrungswochenende in der Natur durchführen möchte, Know-how und die nötigen Partner - professionelle Künstler und Medienschaffende - aber fehlen? Selbst wenn mit Mühe eine geeignete Person gefunden ist, bleibt die bange Frage: Kann der- oder diejenige auch mit den Kindern? Ist der Künstler bereit, seine eigenen Maximen mit den pädagogischen Ansprüchen der Schule abzugleichen?
Hier verspricht ein neuer Ansatz das nötige Maß an Schulnähe und gleichzeitig hohe Professionalität. Kurt Bubeck, ursprünglich Fachlehrer für Englisch und Musik, verdient seinen Lebensunterhalt seit gut 25 Jahren als Musiker und Komponist. Er und seine Frau, Vardan E. Bubeck, sind Initiatoren und Keimzelle der im Frühjahr 2000 gegründeten Initiative "Schule kreativ - the ART of learning". Inzwischen haben sich 20 Künstler aus Musik, Kunst, Theater und Film zusammengefunden, die sich "wie freie Indianer" (Bubeck) regelmäßig in der Mittelmühle im hohenlohischen Ettenhausen treffen. "Immer wieder haben wir darüber diskutiert, wie wenig Kinder und Jugendliche im normalen Schulbetrieb die Möglichkeit haben, die Bandbreite kreativen Handelns kennen zu lernen", erinnert sich Bubeck. So entstand die Idee, ein Angebot "von außen" zu schaffen - mit Projekt-Modulen in verschiedenen Kunstformen. Für finanzielle Unterstützung sorgte die Robert Bosch Stiftung, die für das dreijährige Modell, das in diesem Jahr ausläuft, im Rahmen ihres Programms "Kreation Schule" insgesamt 90 000 Euro zur Verfügung gestellt hat.
Schüler in Bewegung setzen
Mit der benachbarten Grund-, Haupt- und Realschule in Schrozberg konnte "Schule kreativ" seit 2002 verschiedene Ideen beispielhaft umsetzen und so weit entwickeln, dass sie sich jetzt als Unterrichtsbausteine problemlos auf andere Bildungseinrichtungen übertragen lassen. So erarbeitete der Regisseur und Choreograph Pavel Mikulastik - beauftragt von der Schule und dem örtlichen Jugendzentrum - während einer intensiven Woche mit einer Gruppe von Jugendlichen ein Theaterstück und konnte erleben, "wie die Schüler in Bewegung gesetzt wurden". Besonders erfreulich für das Team von "Schule kreativ": Das Jugendzentrum und die Schule haben nach Abschluss der Aktion eine dauerhafte Kooperation verabredet.
Im Modul "Find YOUR song" wurden mit Schülern Themen und Rhythmen für ein mehrsprachiges Songprojekt entwickelt. Die Musiker brachten dafür ihre Instrumente und das nötige technische Equipment in die Schule mit. Als sich ein Schüler schließlich übers Wochenende die Drum-Maschine auslieh und ein Lied über den Tsunami in Asien komponierte, wusste Bubeck, dass auch dieses Modul funktioniert und Schüler mit entsprechender Begabung dadurch "spüren, was sie aus sich rausholen können".
"Find YOUR song" eignet sich aber auch für eintägige Projekte. Dann wird eine einfache Komposition entwickelt und ausprobiert. Gegen Ende des Tages steht die Produktion, der Song wird aufgenommen und später im Studio fertig gestellt. Alle Schüler erhalten eine CD mit ihrem Lied, die sie, so Bubeck, "dann jemandem, der ihnen besonders wichtig ist, zum Geburtstag schenken können".
Kunst im Bau
Einen bisher ungenutzten Raum des Schrozberger Schulzentrums gestalteten verschiedene Klassen, Lehrer und auch einzelne Schüler unter Anleitung von Künstlern in den letzten Jahren in einen Multifunktionsraum um, der jetzt für Theateraufführungen, Sprechübungen, Gymnastikkurse etc. genutzt wird. Eine Seite wurde als Spiegelwand gestaltet, die Türen sind kunstvoll bemalt und an der Decke zieht sich ein Sternenfries entlang. Finanziert wurden diese Arbeiten mit 10 000 Euro aus dem Fördertopf Gesamtschule, den die Bundesregierung für die Umstrukturierung von Schulen zu Gesamtschulen zur Verfügung gestellt hat.
Unter dem Motto "Bunte Schule" wurde von inzwischen 30 Schülern und Künstlern, darunter der Chilene Sergio Vesely, Sitzecken und Aufenthaltsräume realisiert, wodurch der Lebensraum Schule vielfältiger und individuell geworden ist. "Wenn das Klassenlied zum Klassenthema wird, die Leinwand mit Acrylfarben zum Spiegel der Gefühle, Sprachen sich in der Percussion-AG mit Rhythmen mischen, tauchen Schülerinnen und Schüler ins Miteinander. Es wird facettenreicher und dichter kommuniziert. Lernnester entstehen: Orte, an denen gern gelernt wird", so Mitorganisatorin Vardan E. Bubeck.
Zukunftsvisionen
Bisher nicht umgesetzt, in der Planung aber schon recht weit gediehen, ist das mehrwöchige Kunstprojekt "Zelte am Fluss": Auf dem 3,5 Hektar großen Gelände der Mittelmühle will die Künstlergruppe mit Schülern, Studenten und Pädagogen ein Tanztheater-Spiel entwickeln, einstudieren, aufführen und dokumentieren. Musik, Sprache, Tanz, Bühnenbild und Technik sollen dabei ineinander greifen und sich durch das gemeinsame Wohnen im Zeltdorf bei allen Beteiligten besonders intensiv einprägen.
Talente bündeln
Die Idee, Künstler für Schulprojekte zu engagieren, ist weder neu noch einmalig. Bubeck will sich von anderen Initiativen dadurch abheben, "dass wir einen organisch gewachsenen Talent-Pool für fast alle Themen anbieten". Theater spielen, malen, Skulpturen bauen, Gedichte schreiben, komponieren, musizieren, improvisieren, Bewegungsspiele und Tanz, Erkundungen in der Natur etc. Die Arbeit am Schrozberger Schulzentrum habe die Gruppe ermutigt, denn hier konnten die Künstler erfahren, dass, so Bubeck, "Schüler und Lehrer voll überraschender Talente und Potentiale sind, die das Spektrum schulischen Lebens erweitern können".
Neben dem Ziel, mehr erlebbare Kreativität in die Schulen zu bringen, geht es den Künstlern aber auch darum, im Lauf der Jahre eine Dokumentation beispielhafter Projekte zu erstellen und diese für die Lehrerfortbildung und andere Interessierte zur Verfügung zu stellen. Kontakte zu Filmprofis bestehen bereits. Durch eine solche Aufarbeitung, begründet Bubeck seine Idee, "können wir wichtige Impulse geben, auch wenn wir selbst nicht vor Ort sind. Unsere Herangehensweisen können nachvollzogen und in eigene Projekte integriert werden."
Bubeck und die Mitglieder seiner Gruppe sind davon überzeugt, dass ihre Projekte den Kindern, Jugendlichen und Lehrern weit mehr bringen als nur vorübergehende Freude am kreativen Erlebnis: "In allen Fächern, besonders auch in 'nichtkreativen', kann das Bewusstsein für die Intelligenz des schöpferischen Augenblicks sensibilisiert werden. Ein bewusstes Aussteigen aus Bewertung und Kontrolle ermöglicht, sich ganz neuen Facetten des miteinander Lernens zu öffnen. Lernen und Lehren wollen ab und zu gelüftet werden!"
Fazit
"Schule kreativ - the ART of learning" hat in drei Jahren "Feldforschung" praxisnahe Erfahrung mit dem System Schule gesammelt. Kreatives Gestalten, das Klima in der Klassengemeinschaft und Selbstverantwortung wurden zu zentralen Themen. AGs, Workshops und Unterrichtseinheiten hinterließen bleibende Eindrücke und zeigten neue Möglichkeiten, sich selbst und einander kennen zu lernen.
Hintergrund Mitglieder von "Schule kreativ - the ART of learning"
(Auswahl)
Kurt Bubeck, Musiker, Komponist und "Klangweber". Gestaltete u. a. das aktuelle Audio-Design für den Kinderkanal von ARD/ZDF. Veröffentlichte viele CDs unter dem Künstlernamen Shantiprem. Initiator von "The ART of learning".
Ralf Illenberger, Gitarrenvirtuose, Komponist. Zahlreiche Veröffentlichungen im eigenen Musikverlag. Weltweit Konzerte im Auftrag des Goethe-Instituts. Lebt in Sedona, USA.
Rolf Jost, seit 1982 freier Film-Produzent und Kameramann, spezialisiert auf szenische TV-Dokumentation. Dreht an den entlegendsten Orten der Erde.
Joe Koinzer, 15 Jahre Komposition für "Der grüne Punkt" und "Sendung mit der Maus". Dozent für Schlagzeug und Percussion. Kinderhörspielpreis von Terre des Hommes. Viele Literatur - Konzerte mit "Poesie und Musik". Deutscher Schallplattenpreis.
Jürgen Neckenich, Kommunikationsdesigner. Entwarf das Corporate Design für den Kulturkanal 3sat, gestaltete Themenabende für arte und das aktuelle Erscheinungsbild des Kinderkanals von ARD und ZDF.
Pavel Mikulastik, Regisseur und Choreograph. Ehemaliger Direktor der Choreographischen Theater Freiburg und Bonn. 1977 erster Direktor des "Schnawwl" Jugendtheaters Mannheim. Gilt als einer der besten Choreographen der Sparte Jugend- und Tanztheater.
Büdi Siebert, Dozent für Filmmusik an der Filmakademie Ludwigsburg und Spezialist für Ethno-Musik. Betreute jahrelang Kinderhörspiele und -sendungen beim SDR (heute SWR). Veröffentlichte zahlreiche CDs. Literatur - Konzerte mit "Poesie und Musik".
Anne Terlunen, unterrichtete nach ihrem Studium an der "Hogeschool voor de kunsten te Amsterdam" Kinder von sechs bis acht Jahren in "ARTIS Amsterdam". Für den Sender 3sat berichtete sie über Mode und Kultur. Gemeinsam mit Jürgen Neckenich gestaltete sie das Erscheinungsbild des Kinderkanals von ARD und ZDF.
Sergio Vesely, Musiker, Maler und Schriftsteller aus Chile. Veröffentlichte u. a. viele Kinderlieder und gibt seit 20 Jahren Konzerte, Liedermacher- und Mal-Workshops - auch an Schulen. Konzertlesungen mit Urs Fiechtner in deutscher und spanischer Sprache.
Friedemann Witecka entwickelte zwischen 1973 und 1980 in England mit David Moses das erfolgreiche Education-TV-Projekt "Tinderbox - Music and Stories for Children". Zurück in Deutschland wurde er zu einem gefragten Komponisten für audiophile Welt-Musik. Erhielt mehrmals den Deutschen Schallplattenpreis.
Ansprechpartner
Kurt Bubeck
Organisator
Schule kreativ - The ART of learning
Mittelmühle | 74575 Ettenhausen
Telefon: 0 79 36-7 77
Erstveröffentlichung und alle Rechte: Klett Themendienst
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