Inklusion

"Lehrer sind der Chancengleichheit verpflichtet"

Seit drei Jahren ist die UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland in Kraft. Damit wurde ein Rechtsanspruch auf inklusive Bildung geschaffen. Was bedeutet das für die Lehrer: Sind sie darauf vorbereitet, Kinder mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen gemeinsam zu unterrichten? Welche Unterstützungen und welche Konzepte gibt es? Das wollten wir von Prof. Dr. Annedore Prengel wissen, die an der Universität Potsdam die Professur für Grundschulpädagogik innehatte.

18.04.2012 Artikel
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Frau Dr. Prengel, was wird sich für die Lehrer in einem inklusiven Bildungssystem ändern?

Prof. Dr. Annedore Prengel: Für einige Schulen und Lehrer ändert sich gar nichts, weil sie bereits seit den 70er Jahren inklusiv arbeiten. Für andere wird sich sehr viel ändern, weil sie sich überhaupt noch nicht damit auseinandergesetzt haben, was Inklusion bedeutet. Diese Unterschiedlichkeit betrifft alle Schulstufen, wobei die Entwicklung in den Sekundarstufen noch langsamer vorangeht als in den Grundschulen. In den Grundschulen findet sich bereits eine große Bandbreite an professionellen Konzeptionen und es gibt Grundschulen, die schon seit Langem ganz bewusst und sehr erfolgreich mit heterogenen Lerngruppen arbeiten. Insgesamt aber gibt es in diesem Schulsystem Pädagogen, die noch nicht genau wissen, wie ein Unterricht aussehen soll, in dem man auf die Unterschiedlichkeit der Schüler eingeht. Es existiert weiterhin die Vorstellung, Schule sei so organisiert, dass man gemeinsam nach dem Lehrplan voranschreitet, und zwar so, wie es vom Lehrer von vorne für alle vorgegeben wird.

Haben Sie eine Erklärung für diese Situation?

Prof. Dr. Annedore Prengel: Meine Vermutung ist, dass viele Lehrkräfte an dem Modell der gleichschrittig voranschreitenden Jahrgangsklassen festhalten, weil sie damit eine klare Struktur vor Augen haben. Weil sie nicht wissen, wie die Arbeit mit einer heterogenen Gruppe strukturiert werden könnte. Sie fürchten, dass das Chaos ausbricht, wenn nicht mehr zielgleich unterrichtet wird. Aber die Integrationsforschung und auch schon die Reformpädagogik haben Modelle entwickelt, wie man der Heterogenität der Schüler gerecht werden kann. Man weiß, wie es geht und man weiß, dass es funktioniert. Es ist nichts Neues.

Das heißt, auch die Kultusbürokratie weiß dies und setzt es um?

Prof. Dr. Annedore Prengel: Lassen Sie mich ein Beispiel nennen: Der gemeinsame Rahmenlehrplan für die Grundschulen der vier Bundesländer Brandenburg, Berlin, Bremen und Mecklenburg-Vorpommern von 2004 enthält einen Widerspruch. Darin steht einerseits, dass man jedem Kind individuell gerecht werden und auf die heterogenen Lebenslagen und Bedürfnisse der Kinder eingehen soll und an einer anderen Stelle in diesem Plan steht, dass bestimmte Standards von allen erreicht werden müssen. Dieser Widerspruch zieht sich durch den gesamten Lehrplan und durch die ganze Debatte.

Wie lässt sich dieser Widerspruch lösen?

Prof. Dr. Annedore Prengel: Ich glaube, dass sich der Widerspruch nur lösen lässt, indem man die Standards stufenförmig auffächert. Ein Bildungsstandard bildet ja nur einen bestimmten Stand ab und auf diesem Stand ist ja immer nur ein Teil der Schüler. Eine ganze Gruppe ist schon längst darüber hinaus und eine andere Gruppe ist auf dem Weg dorthin. Und Standardsetzung nutzt im Grunde genommen nur der Gruppe, die sich etwas unterhalb dieses Standards befindet. Diese Kinder bekommen dann entsprechend Förderung, um diesen Leistungsstand zu erreichen. Aber die Kinder, die sich einem definierten Minimal- oder Regelstandard noch gar nicht annähern können, haben nicht viel davon. Sie werden in diesem Standarddiskurs offensichtlich weitgehend ausgeblendet. Aber wenn zum Beispiel in einer Inklusionsklasse ein Kind mit einer geistigen Behinderung anfängt, zu lesen, dann ist das als Annäherung an den Bildungsstandard Lesen zu sehen. Damit ist ein Weg aufgezeigt, wie man die Bildungsstandards auffächern muss: Indem man nicht eine einzige Stufe als verbindlich erklärt, sondern das gesamte Leistungsspektrum - von den basalsten Fähigkeiten angefangen bis hin zu weit entwickelten Fähigkeiten – im Sinne von Entwicklungszonen auffächert, damit für jeden Leistungsstand ein Einstieg gegeben ist. Ein solches Modell kann gerade für Lehrkräfte, die sich nicht vorstellen können, wie ein Unterricht organisiert werden kann, wenn jeder etwas anderes lernt, eine Struktur bieten.

Und wie sieht dann eine solche Struktur aus?

Prof. Dr. Annedore Prengel: Wenn wir bestimmte als verbindlich zu erachtende Inhalte in solchen Stufenmodellen abbilden, dann ist voraussichtlich zu erwarten, dass eine Mehrheit der Kinder am Ende der zweiten Klasse auf Stufe x ankommt. Aber wir haben zugleich auch die anderen Stufen benannt, die für die langsamer oder schneller lernenden Schülerinnen und Schüler relevant sind. Im Sinne eines Kompetenzrasters wird für jeden Leistungsstand die Möglichkeit geboten, an der passenden Stelle einzusteigen und zu klären: Wo stehe ich und was ist mein nächster Lernschritt?

Das heißt also, die Lehrer müssen einfach nur die Unterschiede ihrer Schüler akzeptieren?

Prof. Dr. Annedore Prengel: Die Akzeptanz von Heterogenität heißt nicht, dass man quasi gleichgültig Unterschiede akzeptiert nach dem Motto: Na ja, jeder ist eben anders. Schule ist auch im Zeichen von Heterogenität der Chancengleichheit verpflichtet und muss dafür sorgen, dass jedes Kind soviel lernt, wie möglich - gerade in elementaren Kulturtechniken. Lehrkräfte sollten immer versuchen, die Kinder, die unterhalb eines angenommenen Standards sind, dahin zu bringen, ihn zu erreichen. Aber Kinder, die sich gerade auf anderen Stufen befinden, sollten nicht in eine andere Schule oder eine andere Klasse abgestuft werden, sondern auch sie sollen als Mitglieder ihrer Lerngruppe anerkannt und so weit wie irgend möglich gebracht werden.

Einfach klingt diese Aufgabe nicht …

Prof. Dr. Annedore Prengel: Binnendifferenzierung ist für zahlreiche Schulen und Lehrkräfte nicht schwierig, sondern erleichternd, weil sie mit der Leistungsentwicklung der Lernenden kongruent ist. Viele Klassen arbeiten gut und erfolgreich mit heterogenen Gruppen. Die Didaktik der Freiarbeit beispielsweise ist über 100 Jahre alt, Varianten wie Wochen-, Tagesplan- oder Stationsarbeit stehen ebenfalls zur Verfügung. Man braucht in der Freiarbeit eine angemessene Ausstattung mit Material und das kann nicht nur aus Arbeitsblättern bestehen. Gerade in der Grundschule braucht man eine systematisch aufgebaute Sammlung aus gegenständlichen Angeboten, die Kinder begreifend beim Lernen nutzen, für die älteren Schüler natürlich auch elektronische Medien und für alle Bücher.

Schulbücher sind also auch auf heterogenes Lernen ausgerichtet?

Prof. Dr. Annedore Prengel: Es gibt in der Zwischenzeit Fibeln, die sehr differenziert arbeiten und sehr viel Unterschiedliches anbieten, sodass in einer Klasse alle Kinder mit dem gleichen Buch lernen können, aber nicht unbedingt auf der gleichen Seite. Das entspricht einem Prinzip der integrativen Didaktik nach Georg Feuser: dem Lernen am gemeinsamen Gegenstand. Damit kann man nicht den gesamten inklusiven Unterricht bestreiten, es muss auch Lernen an unterschiedlichen Gegenständen geben. Aber das Lernen am gemeinsamen Gegenstand mit ganz verschiedenen Zugängen zu diesem Gegenstand ist ein wichtiger Baustein der inklusiven Didaktik.

Inklusion kann also gelingen?

Prof. Dr. Annedore Prengel: Ja, Inklusion gelingt vielerorts bereits, nicht perfekt und widerspruchsfrei, aber durchaus vorbildlich. Leider besteht die Gefahr, dass die Inklusion als Sparmodell genutzt wird, das ist ein großer Fehler. Wenn die Schüler mit besonderem Förderbedarf in die Regelschule gehen, ist es notwendig, dass die im Sondersystem eingebunden Ressourcen mitgehen. Das Personal, das jetzt in Sonderschulen arbeitet, muss die für bestimmte Formen von Behinderungen erreichten Erkenntnisse, z. B. der unterstützten Kommunikation, in die Regelschule einbringen. Kennzeichen von Inklusion ist, dass dieses Spezialwissen zum Kind in die wohnortnahe Schule kommt und nicht, dass das Kind erst viele Kilometer weit fahren muss, um sich dieses Spezialwissen abzuholen.

Zur Person

Prof. em. Dr. Annedore Prengel war in der Humanwissenschaftlichen Fakultät an der Universität Potsdam für das Lehrgebiet "Anfangsunterricht unter besonderer Berücksichtigung Sozialen Lernens und der Integration Behinderter" verantwortlich. Die Wissenschaftlerin ist unter anderem Beraterin des Cornelsen Verlags. Dort entstand unter ihrer Mitwirkung ein Leitfaden mit Materialien für die inklusive Praxis in der Grundschule. Der Leitfaden steht zum Download bereit unter www.cornelsen.de/presse


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