Thüringen

Lehrerinnen und Lehrer wollen Pädagogen sein und keine Kultusbürokraten

Am 12. März 2012 startete die GEW Thüringen die Onlinebefragung "Arbeitsbedingungen und Personalsituation an den Thüringer Schulen" für Erzieher/innen, Lehrer/innen, Sonderpädagogische Fachkräfte und Schulleiter/innen. Bis zum 16. April 2012 haben bereits 1.417 Beschäftigte den Fragebogen beantwortet, 890 von ihnen vollständig. Hintergrund für die Onlinebefragung sind die laufenden Verhandlungen zur Personalentwicklung an Schulen, welche die GEW Thüringen seit Beginn des Jahres mit dem Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur führt. Ziel ist neben der Realisierung von Neueinstellungen bessere Arbeitsbedingungen an den Schulen zu erreichen.

19.04.2012 Pressemeldung GEW Thüringen

"Wir sind ob der hohen Beteiligung überrascht. Für uns heißt es, rund 40.000 Antworten auf 80 Fragen zu den Arbeitsbedingungen und zur Personalsituation auszuwerten. Das ist angesichts der Fülle eine Herausforderung, gemessen an dem, was die Kolleginnen und Kollegen tagtäglich in den Schulen leisten aber dringend geboten", stellt Torsten Wolf, Vorsitzender der Thüringer Bildungsgewerkschaft GEW klar. "Wir haben mit der Umfrage eine umfangreiche Rückmeldung zu den tatsächlichen Verhältnissen an den Schulen erhalten und sehen darin auch den Auftrag, unsere Verhandlungen zur Personalentwicklung stärker an den Bedürfnissen der Beschäftigten an den Schulen auszurichten."

In einer ersten Zwischenbilanz stellt die GEW Thüringen fest, dass es insbesondere um die Zufriedenheit mit der räumlichen und sächlichen Ausstattung der Schulen schlecht bestellt ist (siehe Anlage). Etwa ein Drittel ist mit der Ausstattung insgesamt eher unzufrieden. Mit einem Durchschnitt von 3,15 über die abgefragten Items (1 = voll zufrieden/ 3 = zufrieden / 5 = unzufrieden) liegt zwar der Wert nur knapp unter der Zufriedenheitsgrenze, einzelne Items jedoch zeigen die hohe Unzufriedenheit mit der Ausstattung. So wird flächendeckend die soziale Ausstattung mit Raumgröße, Rückzugsmöglichkeiten als unbefriedigend wahrgenommen. Traurige Spitzenplätze belegen hier die Schulen in den Landkreisen Kyffhäuserkreis (4,27), Unstrut-Hainich-Kreis (4,24) und Saale-Holzlandkreis (4,23). Auch die technische Ausstattung in den Klassenräumen lässt mit einem Durchschnitt von 3,4 zu wünschen übrig. Hier sind es vor allem die Landkreise Unstrut-Hainich-Kreis und Weimarer Land (beide 4,1) und wiederum der Kyffhäuserkreis (3,94), die eine bessere Ausstattung z. B. mit PCs, Beamer und Whiteboard erwarten. Diese Werte korrelieren mit der Unzufriedenheit in der sächlichen Ausstattung im Gemeinsamen Unterricht, dort gaben knapp zwei Drittel der Befragten an, eher unzufrieden bzw. unzufrieden zu sein.

Befragt wurden die Teilnehmenden auch zu ihren Erfahrungen mit Abordnungen und Versetzungen (siehe Anlage). 523 Beschäftigte gaben an, bereits einmal versetzt oder abgeordnet worden zu sein. Die Erfahrungen könnten unterschiedlicher nicht sein. Einige kommen zu dem Schluss, dass die Abordnung/Versetzung eine Erweiterung der Handlungsspielräume darstellt und neue Impulse für Unterricht und Schulentwicklung gibt, andere bemängeln den fast täglichen Wechsel zwischen den Arbeitsorten und den damit verbundenen höheren Zeitaufwand sowie die Tatsache, sich an keiner Schule voll einbringen zu können und wenig Unterstützung zu erhalten. Damit sinkt auch die Bereitschaft für Abordnungen und Versetzungen. In der Altersgruppe von 50 bis 64 Jahre ist nur ein gutes Viertel der Befragten zu einem erneuten Wechsel bereit, in der Altersgruppe von 35 bis 49 Jahre immerhin noch die Hälfte.

Fast zwei Drittel der Befragten (683 von 1.126) gab zudem an, dass ihr die zusätzlichen Aufgaben wie Schulbürokratie, Sitzungstermine und Konferenzen Probleme bereiten. Insgesamt sind die Anforderungen an die Kolleginnen und Kollegen gestiegen. Die Veränderungen in der Thüringer Schulordnung erfordern eine höhere Anzahl von Kompetenz- und Elterngesprächen sowie einen erhöhten Dokumentationsaufwand für Kompetenzbögen, Förderpläne und schriftliche Leistungseinschätzungen. Dazu heißt es u.a in der verbalen Einschätzung der Teilnehmenden:

  • Gemeinsamer Unterricht: deutlich höherer Aufwand für Elterngespräche, Klassenkonferenzen, individualisierte Unterrichtsvorbereitung
  • Schulentwicklung (Implementation): schulinterne Lehrpläne, diverse Konzepte (z. B. Medienkonzept, Gesundheitskonzept, Sprachenkonzept) diverse Vergleichstest (z. B. Kompetenztests, PISA, Ländervergleiche) und alles als 'normale Arbeitsaufgaben des Lehrers' beschrieben, d. h. keinerlei Entlastung oder Vergütung als Gegenleistung

Als gesundheitsgefährdend werden in diesem Zusammenhang vor allem Lärm, Stress sowie dienstliche und pädagogische Anforderungen genannt (siehe Anlage).

Insgesamt sind die Beschäftigten an den Schulen mit dem Arbeitsklima jedoch zufrieden, hier wird ein Wert von 2,65 (1 = voll zufrieden/ 3 = zufrieden / 5 = unzufrieden) erreicht (siehe Anlage 4). Bei steigendem Druck von außen rücken Pädagogen und Schüler offenbar enger zusammen. Einen negativen Spitzenwert von 3,99 erreicht jedoch der Item "Einsatz von Schulpsychologen". Zu dieser Frage heißt es u. a.:

  • Leider fehlt es aber an regelmäßiger professioneller Unterstützung durch Schulpsychologen, Sozialarbeiter,
  • Bei gehäufter Anzahl von verhaltensauffälligen Schülern fühlt man sich völlig allein gelassen, Schulpsychologe müsste täglich vor Ort sein.

Die GEW Thüringen schließt daraus, dass die Zahl der eingestellten Schulpsycholog/innen und Schulsozialarbeiter/innen gemessen am bereits vorhandenen Krankenstand in den Kollegien nicht ausreicht, um tatsächliche Unterstützung zu leisten.

"Mit dieser Zwischenbilanz wird deutlich, wie dringend praktische und strategische Lösungen im Schulbereich nötig sind", kommentiert Torsten Wolf die ersten veröffentlichten Zahlen aus der Onlinebefragung. "Die Kolleginnen und Kollegen arbeiten oft bis an ihre Belastungsgrenze unter zum Teil schwierigen Arbeitsbedingungen. Deshalb sind wir mit dem TMBWK in Verhandlungen zu einem Personalentwicklungskonzept getreten, um kurz- und mittelfristig die Situation an den Schulen für alle Beschäftigten zu verbessern."

Sich für bessere Arbeitsbedingungen und bedarfsgerechte Personalplanung und -entwicklung einsetzen werden sich auch die GEW-Mitglieder in den Bezirkspersonalräten, die am Montag, den 23. April 2012 an den neuen fünf Thüringer Schulämtern gewählt werden.

Die Onlinebefragung ist noch bis zum Mitte Mai unter www.gew-thueringen.de/umfrage.html zu erreichen. Dann erfolgt auch die Auswertung der gesamten Befragung, u. a. zu den Themen Lehrergesundheit (Krankenstand, Langzeiterkrankungen und Gesundheitsgefährdung), Beschäftigungsumfang, Fort- und Weiterbildung, Gemeinsamer Unterricht und Altersstruktur des Lehrpersonals.

Ansprechpartner

GEW Thüringen

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