Fach Deutsch

Literatur im Unterricht vor dem schleichenden Verfall?

(Heinfried Tacke) Deutschland ist stolz darauf, Land der Dichter und Denker zu sein. Umso größer die Schmach der PISA-Studien: Deutschlands Schüler scheiterten selbst an den einfachsten Texten. Als Antwort auf PISA folgten sowohl die Einführung von Bildungsstandards wie auch des Zentralabiturs. Nicht ohne erneute Kritik: Die literarische Bildung verkomme darin vollends. Ein Für und Wider.

10.08.2012 Artikel
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Kann die Schule überhaupt adäquat ins unermessliche Reich der Literatur einführen? Die Frage ist bald so alt wie das Anliegen selbst. Nur: Wozu ist die Schule überhaupt noch in der Lage? In modernen Zeiten werden ihre Aufgaben eher mehr als weniger. Denn kaum ein Thema oder Skandal in der öffentlichen Diskussion, die nicht darin münden, der Schule aufs Neue weitere Themen und Kompetenzen aufzuhalsen. Die Lehrer beklagen diese Überfrachtung. Dennoch: Ob zwölf oder 13 Jahre bis zum Abi – an Zeit mangelte es eigentlich nicht zur Lektüre eines reichen Schatzes an Dramen, Novellen, Romanen und Gedichten. Nur die Gewichte sind längst anders verteilt. Die meisten Fächer monieren den Mangel an Stunden, um ihren Aufträgen zu genügen, wovon sich die Literatur als ureigener Part im Fach Deutsch nicht ausnimmt. So gilt das Einverständnis, hierin nur ein Grund- und Orientierungswissen zu vermitteln. Einzelne Epochen sollen gekannt werden und beispielhaft Texte und Autoren. Ein exemplarisches Wissen – mehr nicht. Liebhaber der Literatur würden es eh bestenfalls als Stückwerk bezeichnen. So die Ausgangslage.

Fundamentalkritik an PISA und Zentralabitur

Trotzdem meldet sich Kritik, wie jüngst mit der Literatur in der Schule umgegangen wird. Sie äußerte sich an prominenter Stelle in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, erstmals im Jahre 2007, zuletzt im August 2011. Ihr Urheber ist Michael Bengel, ein erfahrener Ausbilder für das Fach Deutsch am Studienseminar Leverkusen, 32 Jahre in diesem Dienst tätig. An diversen Beispielen zeigt er, wie die Deutschaufgaben fürs Zentralabitur an den literarischen Vorlagen vorbeizielten und zu Fehlinterpretationen anleiteten, jedoch erfolgreich Punkte fürs Abi einbrachten. Die Exempel sind ihm aber nur Belege für eine fundamentalere Kritik: Die literarischen Quellen würden behandelt wie Sachtexte. Sie verkämen zum Steinbruch, beliebig genutzt für andere Aspekte und thematische Brücken, die wenig noch mit den Ausgangstexten zu tun hätten. Er macht dafür die neue Vorherrschaft von PISA in der Bildung verantwortlich. Diese Studien ständen unter der Obhut der OECD, einer Organisation, die bezeichnenderweise die wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit fokussiere. Ökonomische Nutz- und Anwendungsgedanken herrschten mithin vor, was sich zugleich im Kompetenzbegriff der Bildungsstandards spiegle. Texte zu verstehen im deutenden, Horizonte öffnenden Sinne – das philosophische Geschäft der Hermeneutik – fände darin wenig Platz.

Multiple-Choice-Tests und Schulalltagsopfer Lesebücher

Wer mit Michael Bengel spricht, inzwischen im Ruhestand, merkt, dass ihm diese Kritik weiter unter den Nägeln brennt. Der Schulalltag seiner beiden noch jüngeren Kinder im Gymnasium liefert ihm genug neue Anschauung. "Multiple-Choice-Tests" zur Abfrage, ob Texte verstanden wurden und Gelerntes hängen blieb, übernehmen auch im Fach Deutsch das Sagen und damit das eigene Ausformulieren. "Mir tun nicht nur die Schüler, sondern die Lehrer genauso leid. Solche Tests sind ja gar nicht leicht zu konstruieren", bringt er sogar Verständnis auf. Dennoch verfehlen diese Tests für ihn das Ansinnen und Vermögen von Literatur, den "Möglichkeitssinn, wie Robert Musil es nannte, zu schulen", so Bengel. Im Gespräch schlägt der frische Ruheständler indes einen größeren Bogen aus seiner langen Berufszeit. In seinem Fach gab es seit den 70er Jahren die Aufteilung in Sprach- und Lesebücher. Im Schulalltag, wo die Pflicht meist vor jeglicher Kür kommt, seien die reinen Lesebücher schon seit längerem ins Hintertreffen geraten – in der Summe eine unglückliche Verkettung zu Ungunsten des Bildungsgutes Literatur.

Keine zwingenden Qualitätsverluste, aber "teaching for the test"-Effekte Diese Kritik stößt in der Fachdidaktik nicht zwingend auf Widerhall. Der angesehene Literaturwissenschaftler Michael Kämper-van den Boogaat von der Berliner Humboldt-Universität, der das Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) im Fach Deutsch berät, empfindet sie als zu oberflächlich. Seine Replik: "Das ist empirisch nicht belegt. Multiple-Choice-Test müssen nicht zu einem Qualitätsverlust im Umgang mit Literatur führen." Die Tests sind für ihn die richtige Antwort darauf, dass man sich zu lange über die Lesekompetenz der Schüler täuschte. Man nehme es nun genauer mit dem grundlegenden Verständnis. Zugleich erinnert er daran, dass das Fach Deutsch oft im Verruf stand, nur ein "Laberfach" zu sein, bei dem literarische Quellen als freier Stimulus für Beliebiges genutzt wurden. Allerdings sieht er zugleich die Gefahren eines zentralen Abiturs und deren einheitlichen Vorgaben, deren neue Ausformulierung in den Einheitlichen Prüfungsanforderungen (EPA II) sich immer noch hinzieht. Es drohe die "Kanonisierung des Faches" mit gleichen Texten, die jeweils in den Bundesländern von allen Absolventen gelesen würden (Modell Baden-Württemberg). Oder man lese nur kursorisch einzelne Textstellen, ohne das Gesamtwerk zu kennen oder gar zu verstehen (Modell Bayern). In beiden Fällen sei der Effekt, die Schüler lediglich für die Prüfung zu trimmen – nicht aber zur Literatur hinzuführen.

Lesefreude & Literatur ohne Vergleichsstress

So äußert auch der Berliner Fachdidaktiker Verständnis für die Lehrer, die einerseits torpediert werden mit ständig neuen Konzepten in ihren Fächern, anderseits oft den Schwebezustand langwieriger Einigungsprozesse bei bildungspolitischen Entscheidungen aushalten müssen. Lesefreude zu vermitteln oder literarische Interessen bei den Schülern zu fördern führe unter den Bedingungen schulischen Lernens nicht selten zu erheblicher Frustration, so Kämper-van den Boogaat, wozu der stete Druck der Überprüfungen und Tests seinen eigenen Beitrag leiste. Insofern: In dem Ansinnen, Spaß an guter und bildender Lektüre frei vom Nutzgedanken zu vermitteln, darin sind sich beide Parteien einig. Muse und Literatur sind eben nicht voneinander zu trennen – wohl die eigentliche Crux der Schule im Vergleichs- und Vereinheitlichungsstress.

Kompakt

Durch Einführung von Bildungsstandards, neuem Kompetenzbegriff und Zentralabitur steht die Leistbarkeit des Faches Deutsch zur Vermittlung literarischer Kenntnisse und Interessen in der Kritik: Ein schwelendes Für und Wider um den Sinn und Nutzen von Mutiple-Choice-Tests und zentralen Prüfungsaufgaben. Einig aber ist man sich darin: Literatur bräuchte mehr Zeit und Aufmerksamkeit in der Schule.

Erstveröffentlichung Klett Themendienst Schule Wissen Bildung 08/2012 | Nr. 58


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