Bayern

Mehr Raum für Sexualkundeunterricht an Schulen

Sexualkunde spielt im Unterricht kaum eine Rolle. "Weil umfassende und offene Aufklärung an den Schulen rar ist, werden Heranwachsende mit ihren Problemen oft allein gelassen. Der Bedarf nach professioneller Aufklärung, die weit über die rein körperlichen Abläufe hinausgeht, steigt aber", erklärte der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, heute in München.

20.11.2012 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

Kinder und Jugendliche verbringen Stunden im Internet und werden dabei auch mit pornografischen Bildern konfrontiert. Hier werden oftmals extreme Rollenklischees transportiert und Gewaltdarstellungen erotisch verpackt. Pornografie führt bei Kindern zu Überforderung, Verstörung, Ekel. Zudem besteht die Gefahr, dass dargestellte Rollenbilder adaptiert und nachgeahmt werden. "Junge Menschen brauchen Orientierung und Hilfestellung, einen Raum für Gespräche." So ein Raum könne und müsse in den Schulen angeboten werden. "Natürlich können Schulen nicht alle Probleme lösen. Sie können auch nur bedingt eingreifen - sie sollten aber bestmöglich vorbereitet sein. Eine große Rolle kommt der Lehrerbildung zu. "Weil hier Sexualpädagogik eine eher untergeordnete Rolle spielt, muss die Lehrerbildung entsprechend reformiert werden. Vor allem aber brauchen Schulen Möglichkeiten, sich bei Bedarf externe Berater zu holen."

Seit Mai 2010 ist dies aber nicht mehr so einfach. Laut Anweisung aus dem Sozialministerium dürfen Grundschulen keinen von externen Experten wie Pro Familia oder Donum Vitae durchgeführten Sexualkundeunterricht anbieten. Das Argument: Sexualpädagogik sei Sache der Lehrkräfte und außerdem im Lehrplan fest verankert. Die Gelder für den Mehraufwand an den Beratungsstellen wurden gestrichen. Viele Pädagogen, aber auch die Beratungsstellen kritisierten dieses Vorgehen heftig. "Sie wissen, dass sich Heranwachsende wohler fühlen, wenn sie Möglichkeiten haben, mit Personen über das heikle Thema zu sprechen, denen sie nicht täglich im Unterricht begegnen", erklärte Wenzel. Grundschulen hätten nicht zuletzt auch deshalb gerne auf externe Berater zurückgegriffen.

Generell fühlten sich viele Lehrkräfte mit dem Thema überfordert. "Sie haben das Gefühl, für alle Probleme verantwortlich zu sein und alles in der Schule lösen zu müssen. Das kann nicht sein und kann auch nicht funktionieren." Natürlich müsse in der Lehrerbildung angesetzt werden, um junge Lehrkräfte wesentlich intensiver auf die schwierige Problematik vorzubereiten - das allein reiche aber nicht aus, stellte Wenzel klar. Er forderte das Sozialministerium auf, die damalige Entscheidung noch einmal kritisch zu überdenken. "Schulen, die sich externe Unterstützung holen wollten, sollten dies auch tun dürfen. Die nötigen Gelder hierfür müssen wieder bereit gestellt werden." Außerdem bräuchten alle Lehrkräfte deutlich bessere Möglichkeiten zur Fort- und Weiterbildung.

Aufklärung sei in Zeiten sexueller Übergriffe auf Kinder und einer extrem sexualisierten Gesellschaft wichtiger denn je. "Pornografie ist im Internet für jeden einfach und leicht zugänglich. Das bedeutet, Kinder und Jugendliche sind den Einflüssen schutzlos ausgeliefert", kritisierte Wenzel. Das sei der eigentliche Skandal. "Die Gesellschaft kümmert sich wenig darum und konfrontiert Kinder rücksichtslos mit brutalsten Formen von Sexualität. Weil viele Eltern nicht wissen, wo sich ihre Kinder im Internet aufhalten und was sie konsumieren, werden Heranwachsende mit den Eindrücken und Bildern allein gelassen."

Nötig sei ein aufklärendes Lernen, das genau auf diesen Sachverhalt eingeht und sich nicht nur auf die rein körperlichen Abläufe konzentriert. Sexualität müsse umfassender begriffen werden. "Kinder und Jugendliche müssen vor allem wissen, dass pornografische Bilder nicht die Realität abbilden und nicht die Norm darstellen. Sie müssen von Erwachsenen hören, dass diese Bilder in aller Regel Mädchen und Frauen erniedrigen, unterwerfen und, dass dies falsch ist."

Vielfach kooperieren Mittel,- Realschulen und Gymnasien bereits mit Einrichtungen wie z.B. Pro Familia. Externe Experten kommen in die Schule und klären auf. "Solche Formen von Aufklärung sind sehr sinnvoll, deshalb müssen sie weiter vorangetrieben und fest etabliert werden - an allen bayerischen Schulen, dazu müssen auch wieder die Grundschulen gehören", sagte Wenzel.


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