Mit positivem Schulklima gegen rechte Gewalt

Der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, sieht in integrativen Bildungssystemen den Schlüssel zum Erhalt einer friedlichen, demokratischen, sozialen und ökologischen Gesellschaft.

03.02.2012 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

"Eine der vordinglichsten Aufgaben der Zukunft wird sein, Segregationstendenzen zu stoppen, denn sich gegenseitig ausgrenzende gesellschaftliche Gruppierungen stellen eine Gefahr für den sozialen Frieden dar." Junge Menschen müssten in Kindergärten und Schulen erfahren dürfen, dass Heterogenität als Bereicherung und Anderssein als Chance zu begreifen seien. "Dieses Denken lässt sich aber in den etablierten Schulsystemen nur schwer umsetzen, denn es dominieren Konkurrenz und Ausgrenzung", sagte Wenzel heute in München. "Kinder erleben früh: Wer nicht funktioniert, muss raus, wer schneller lernt, darf eine Klasse überspringen, wer zu langsam ist, hat das Nachsehen und wer anders ist, hat es schwer." Bundesweit verlassen jährlich 40.000 bis 50.000 junge Menschen die Schule ohne Abschluss und ohne Perspektive. Weil sie nichts zu verlieren haben und sich an den gesellschaftlichen Rand gedrängt fühlen, sind sie besonders gefährdet für politische Radikalismen wie Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus. Wenzel forderte deutlich mehr Unterstützung für die Schulen. Zudem müsse der Geschichts- und Sozialkundeunterricht aufgewertet und erhöht werden. Rechtsradikal ansozialisierte Jugendliche bräuchten wirksame Hilfen und Angebote, die ihnen den Weg in die Demokratie weisen.

"Freilich: Für die Verbreitung rechtradikaler Tendenzen in unserer Gesellschaft kann nicht die Art und Weise eines Schulsystems verantwortlich gemacht werden", betonte der BLLV-Präsident. Gleichzeitig dürften aber die Erfahrungen, die junge Menschen in den Bildungseinrichtungen machen, nicht unterschätzt werden. "Sie sind vielfach negativ und sie sind gekennzeichnet von Ausgrenzung, jahrelangem Leistungsdruck und leider auch Ungerechtigkeit. So stehen auf der einen Seite viele Jugendliche aus sozial benachteiligten Haushalten ohne Aussicht auf ein beruflich erfolgreiches Leben da, auf der anderen Seite zerbrechen viele Kinder gerade aus Wohlstandsfamilien an dem auf sie lastenden Druck. Ein liebevoller, geduldiger und verständnisvoller Umgang mit Heranwachsenden sieht meines Erachtens anders aus - und er wäre sicher auch ein guter Ansatz, Radikalismen - gleich welcher Art - im Keim zu ersticken." Studien belegten, dass es auch und gerade Frustrationserlebnisse sind, die junge Menschen anfällig für rechtsradikale Tendenzen machen. Schulen müssten daher in die Lage versetzt werden, junge Menschen zu integrieren, sie zu stärken und ihr Vertrauen in die eigenen Kräfte zu wecken - ihre Herkunft dürfte dabei keine Rolle spielen.

Mit einem positiven Schulklima lässt sich am wirksamsten gegen ausländerfeindliche Parolen oder antisemitische Einstellungen vorgehen. "Schulen, in denen Toleranz anstatt Konfrontation gelebt wird, in denen andere Meinungen angehört und diskutiert werden können, schaffen ein Klima des Vertrauens", sagte Wenzel. "Lehrkräfte brauchen also genügend Zeit und Raum, um für jeden einzelnen Schüler da sein zu können, um ihn da abzuholen, wo er emotional gerade steht. Wenn sie merken, dass mit einem ihrer Schüler etwas in die falsche Richtung läuft, müssen sie auch wissen, was sie tun können, wo sie welche Hilfe bekommen und welche Präventionsprogramme es gibt. In der Regel lehnen Schüler ein Gespräch nicht ab - im Gegenteil, sie suchen es. Lehrer müssten aber entsprechend vorbereitet sein, sie brauchen Argumentationshilfen, sie brauchen Zeit und sie müssen wissen, wie ein solches Gespräch am besten zu führen ist."

Die Bereitschaft der bayerischen Lehrkräfte, radikalen politischen Einstellungen von Schülern entgegenzutreten, sei hoch. "Pädagogen sind auch um ein gutes Schulklima bemüht, doch vorherrschende Strukturen wie z.B. das gängige Lern- und Leistungsverständnis oder der Zwang, Schüler ständig um- und aussortieren zu müssen, erschweren solche Prozesse. Zudem könnten in den Schulen nicht alle Probleme der Gesellschaft gelöst werden. "Wenn die Stimmung in der Gesellschaft in hohem Maß ausländerfeindlich ist, ist es schwer, in der Schule dagegen anzugehen."

Wenzel forderte eine Aufwertung und deutliche Erweiterung des Sozialkunde- und Geschichtsunterrichts an allen Schulen. "Hier wurden Stunden eingespart und gestrichen. Zwar gebe es Unterrichtseinheiten zum Nationalsozialismus, doch leider sei es so, dass die politische Bildung für viele Schüler eine eher untergeordnete Rolle spielt. "Es ist alarmierend, wenn, wie jüngst veröffentlicht, nur jeder fünfte Jugendliche weiß, was in Auschwitz geschah." Neben der Aufklärung im Unterricht spiele aber auch die Beratung von Eltern eine wesentliche Rolle.

Als besonders gefährdet für politische Radikalismen gelten sozial benachteiligte Jugendliche, Jugendliche aus bildungsfernen Schichten oder strukturschwachen Regionen, Jugendliche mit Demokratiedefiziten, Verhaltensauffälligkeiten, kriminellen Karrieren oder Gewaltneigung. "Wir müssen versuchen, Betroffene zu erreichen und zurückzuholen", forderte Wenzel. Das sei eine teure Arbeit, die aber geleistet werden müsse. "Rechtsextremistisch ansozialisierte Jugendliche dürfen nicht sich selbst überlassen werden." Sie brauchen Hilfe und attraktive Angebote, sie brauchen vor allem auch berufliche und soziale Perspektiven und eine Jugendarbeit, die ihnen das Gefühl gibt, ernst genommen zu werden." Lokale Gesamtstrategien, die es ermöglichten, adäquat vor Ort arbeiten zu können, machten hier Sinn.


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