Mit Schulbüchern eine neue Sprache und Kultur entdecken
(kb) Die Aachener Autorin Sylvie Schenk wurde für ihre erfolgreichen Romane ("Heute ist auch noch ein Tag") und Erzählungen mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet. Nur wenige wissen, dass die gebürtige Französin und ausgebildete Lehrerin auch mit großem Erfolg Schulbücher für Französisch schreibt. Dabei treffen zwei ihrer Leidenschaften zusammen: Jungen Menschen eine Tür in die Welt von Literatur und Sprache zu öffnen sowie selber schreibend zu gestalten. Ihr Bestseller: das neue Französisch-Lehrwerk "À plus" von Cornelsen. Was für sie ein gutes Schulbuch auszeichnet, schildert sie im Gespräch.
12.04.2006 ArtikelSchulbuchautorin, wie wird man das eigentlich?
Sylvie Schenk: Ich schrieb schon immer gern und fand die damaligen Lehrbücher, mit denen ich als Lehrerin unterrichten musste, ziemlich langweilig. Also schickte ich Probetexte und Sketche an Schulbuchverlage und an den WDR-Schulfunk – und bekam Aufträge für "traditionelle" Lehrbuchtexte und Übungen, aber auch für Chansons, Comics, Gedichte und Kurzgeschichten.
Was zeichnet für Sie gute Schulbücher aus?
Sylvie Schenk: Alles muss wie bei einem Orchester zusammenstimmen! Klare Methodik, effiziente Übungen, angenehmes Layout, gute Illustrationen, eine sorgfältig erarbeitete Grammatik. Und die Texte müssen echt sein.
Was meinen Sie mit "echt"?
Sylvie Schenk: Mit "echt" meine ich, dass sie niemals nur Träger grammatischer Inhalte sein sollen und sich auch den Jugendlichen nicht anbiedern dürfen. Jugendliche reagieren mit Recht allergisch gegen öde Klischees. Sie haben ein Gespür für "das Falsche". Die Sprachbücher müssen mit ihren Alltagsthemen und den Lehrbuchpersonen die Schüler persönlich ansprechen – ohne Identifikationsmöglichkeit wird alles schnell langweilig – sie müssen aber auch ihre Neugier für das Land der Zielsprache erwecken.
Authentizität im Lehrbuch: Wie schaffen Sie das?
Sylvie Schenk: Ich lebe 3 bis 4 Monate im Jahr in Frankreich und spreche mit Jugendlichen, lese ihre Zeitschriften! Wir versuchen nach und nach einige wichtige Ausdrücke aus der Jugendsprache in die Texte einfließen zu lassen, die die Schüler sicher hören werden und selbst verwenden können. Die Sprache eines Lehrbuchs kann jedoch nicht absolut authentisch sein: Schüler brauchen auch in den ersten Jahren eine Standardsprache, die sie in jeder Situation verwenden können. Diese Standardsprache ist auch die Basis der Jugendsprache. Es wirkt oft lächerlich, wenn ein Ausländer flotten Slang benutzt, meistens verkehrt.
Unterscheidet sich die Arbeit an Schulbuchtexten von der Arbeit an einem literarischen Werk?
Sylvie Schenk: Beim Lehrbuch sind meiner Phantasie klare sprachliche wie thematische Grenzen gesetzt. Wir müssen uns streng an die Lehrpläne halten. Im ersten Lernjahr muss ich je nach Schulform mit zwischen 400 und 500 Vokabeln auskommen. Also mit einem Tropfen im Sprachozean! Aber das ist eine Herausforderung, die mir gefällt. Nicht die Unmenge an Vokabeln, die seltenen, schönen Worte, machen gute Texte aus. Ich habe sicherlich auch in meiner literarischen Arbeit von diesen strengen Maßstäben profitiert: Beim Schreiben frage ich mich immer wieder: Was ist überflüssig? Was kann man einfacher und prägnanter sagen?
Welche Bedeutung kann das Erlernen einer fremden Sprache für Schülerinnen und Schüler haben?
Sylvie Schenk: Wichtig ist, dass sie eine neue Autonomie gewinnen. Sie sollen irgendwann verstehen, dass das Erlernen einer Sprache ihnen zu einem Stück Selbstständigkeit verhilft. Sie werden in einem fremden Land nicht abhängig von Leuten sein, die ihre Muttersprache kennen. Das Lernen einer Sprache schenkt ihnen viel: Sie werden sich selbst neu entdecken, weil sie durch eine fremde Sprache und ein neues Land immer neue Situationen erleben. Natürlich können Sprachwerke die Kommunikation zwischen Schülerinnen und Schülern verschiedener Nationen anstoßen. Man kann natürlich auch zusammen musizieren, essen und Fußball spielen. Es ist wichtig, etwas zusammen zu "machen", aber auch das geht nicht ohne Sprachkenntnisse.
Interview: Kirsten Berker
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