Bayern

Mittelschulen warten noch auf den großen Erfolg

Wunsch und Wirklichkeit - auf diesen Nenner lässt sich das Ergebnis einer Befragung des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) von über 1.000 Mittelschullehrern bringen. Die Lehrkräfte, unter ihnen auch rund 200 Schulleiter, wurden gebeten, Aussagen aus dem Kultusministerium kritisch zu bewerten und einzuschätzen.

07.02.2013 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

"Wenn Kultusminister Spaenle zum Schuljahresbeginn 2012/13 feststellt, dass die Unterrichtsversorgung weiter verbessert worden sei, aber über 63% der befragten Lehrkräfte diese Ansicht nicht teilen und sogar knapp 84% angeben, nicht mehr Stunden für Arbeitsgruppen oder zusätzliche Angebote zur Verfügung zu haben als im Vorjahr, dann stimmt etwas nicht", erklärte BLLV-Präsident Klaus Wenzel bei der Vorstellung der Ergebnisse heute in München. Es sei erschreckend, wie groß die Kluft zwischen Ministerium und Lehrkräften inzwischen sei. "Schein und Sein gehen immer weiter auseinander." Anstatt das Gespräch mit den Beteiligten zu suchen und Lösungen zu erarbeiten, verschanze sich das Kultusministerium hinter Rhetorik und lasse Lehrer und Schulleiter im Stich. Für Wenzel eine ebenso unkluge wie kurzsichtige Politik. Er forderte Spaenle und sein Ministerium auf, die Situation an den Mittelschulen nicht länger zu beschönigen und umgehend dafür zu sorgen, dass sich die Lern- und Arbeitsbedingungen deutlich verbessern - "und zwar so, wie sie längst sein sollten, legt man kultusministerielle Maßstäbe zugrunde."

Wie ein roter Faden zieht sich die Kluft zwischen Verlautbarungen und Realität durch die Ergebnisse der BLLV- Befragung: So ist das Kultusministerium davon überzeugt, dass sich die Weiterentwicklung der Hauptschule zur Mittelschule als "Erfolgsmodell" bewährt habe - diese Auffassung teilen aber nur 12% der befragten Lehrerinnen und Lehrer, knapp 77% lehnen sie ab. Wenn Spaenle sagt: "Wir sind überzeugt, dass wir die Quote des Unterrichtsausfalls weiter senken können", halten 78% der befragten Lehrerinnen und Lehrer dagegen, dass es an ihren Schulen nicht ausreichend Lehrkräfte der Mobilen Reserve gibt, die für Vertretungen zur Verfügung stehen, fast genauso viele (73%) sind nicht der Meinung, dass im Vergleich zum Vorjahr Unterrichtsausfälle und schulinterne Vertretungen, zum Beispiel doppelte Klassenführungen, reduziert werden konnten.

Und so geht es weiter: Aus dem Kultusministerium heißt es, dass "an Mittelschulen die individuelle Förderung junger Menschen weiter ausgebaut werden konnte" - die befragten Lehrerinnen und Lehrer sind aber zu über 90% der Auffassung, weder mehr Zeit für den einzelnen Schüler, noch ausreichend Zeit für intensive Förderung zu haben. 82% beklagen das mangelhafte Angebot an Förderkursen, über 73% fühlen sich auch nicht von einer zusätzlichen Lehrkraft bzw. pädagogischen Fachkraft unterstützt.

Auch was die Wertigkeit verschiedener Schulabschlüsse betrifft, gehen die Meinungen weit auseinander: Das Kultusministerium wird nicht müde zu behaupten, dass der "der Mittlere Abschluss der Mittelschule gleichwertig zum Realschulabschluss" sei - die befragten Mittelschullehrer beurteilen die beruflichen Chancen ihrer Schüler jedoch schlechter. So geben knapp 77% an, dass Mittelschüler bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz geringere Chancen haben als Realschüler, 70% schätzen für ihre Schüler auch die Erfolgsaussichten an Fachoberschulen ungünstiger ein.

Auch zum Thema Schulsterben haben die Befragten im Gegensatz zum Kultusministerium eine andere Haltung: knapp 60% halten Mittelschulverbünde für kein geeignetes Instrument, Schulstandorte auf längere Sicht zu erhalten. 80% sind überzeugt, dass Schulverbünde Schulschließungen allenfalls zeitlich etwas hinaus zögern. Spaenle kündigte außerdem an, "junge Menschen sollen möglichst wohnortnah ein qualitätsvolles und differenziertes Bildungsangebot" nutzen können - dem stehen Erfahrungswerte der Mittelschullehrerinnen und -lehrer gegenüber: Fast 80% sehen nicht, dass sich mit der Entwicklung von Haupt- zur Mittelschule im Verbund die Qualität der Schule deutlich verbessert hätte.

Die Ergebnisse der BLLV-Befragung sollten aus Sicht Wenzels im Kultusministerium sehr ernst genommen werden. "Dort neigt man dazu, uns immer wieder vorzuwerfen, wir würden die Haupt- bzw. Mittelschulen schlecht reden, was unsinnig ist", sagte Wenzel. "Wir orientieren uns an den Rückmeldungen unserer vielen Mitglieder - und greifen diese auf. Sie sollten für das Ministerium ein Ansporn sein, die Augen nicht länger vor unbequemen Wahrheiten zu verschließen.

Bitter sei auch folgendes Ergebnis der BLLV-Unterschuchung: Knapp 80% der Befragten finden, dass in Bayern nicht alle Kinder die gleichen Bildungschancen haben - "wenigsten hier gibt es aber eine zumindest teilweise Überschneidung mit der Auffassung Spaenles", betonte Wenzel. Der Kultusminister hält nämlich gleiche Teilhabechancen für alle Kinder und Jugendlichen im Bildungsbereich für "essentiell".

Mehr zur Studie unter www.bllv.de/Wissen-Befragung-zur-Mittelschule-2012.8608.0.html


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