Moderne Perspektiven auf das Fach Latein: Interview mit Oldenbourg-Autorin Melanie Schölzel

Humorlos, verstockt – das Internet hält viele Adjektive bereit, wenn es um den vermeintlich typischen Lateinlehrer geht. Zu Beginn jeder Unterrichtsstunde sei er mit "Salve, Magister" zu begrüßen. Seine Klausuren sind mit Gemeinheiten gespickt. Schüler müssen hier überwiegend Vokabeln und Grammatik lernen. – Soweit die Vorurteile, so falsch die Einschätzung. Die Lateinlehrerschaft hat sich in den letzten Jahren gewandelt, ein Generationenwechsel findet statt. Richtig ist: Der typische Lateinlehrer im Jahre 2015 in Deutschland ist – eine Lateinlehrerin. Insgesamt gibt es 10.537 Lateinlehrer. Von den unter 35-Jährigen Lateinlehrern sind über 75 Prozent weiblich. Latein ist die am dritthäufigsten gewählte Fremdsprache an deutschen Schulen: Etwa 710.000 Schüler lernen die lateinische Sprache (Quelle: Statistisches Bundesamt 2014). Im Interview beleuchtet Latein- und Deutschlehrerin Melanie Schölzel aktuelle Entwicklungen im Fach. Sie ist Adeamus!-Autorin im Oldenbourg Schulbuchverlag.

18.11.2015 Pressemeldung Oldenbourg Schulbuchverlag

Dient der Lateinunterricht der Förderung des Geistes ohne praktischen Nutzen?

Melanie Schölzel: "Der konkrete materielle Nutzen sollte nicht der Maßstab sein, nach dem ein Unterrichtsfach beurteilt wird. Die Schulung des logischen Denkens und damit des eigenständigen kompetenten Handelns sehe ich jedoch durchaus als "materiellen Nutzen". Der zunehmenden Kompetenzorientierung der schulischen Bildung trägt Latein in vielfacher Weise Rechnung. Vor allem die literarische Kompetenz wird durch das Lateinische besonders gefördert, da hier historische Literaturgeschichte behandelt wird und ein historischer Diskurs erfolgt, wie in kaum einem anderen Fach."

Wie holen Sie heutige Schülerschaften mit dem Adeamus!-Konzept ab?

Melanie Schölzel: "Die heutige Schülerschaft ist heterogener und stark geprägt von den modernen Medien. Die Voraussetzungen, unter denen die Schüler am Gymnasium starten, werden immer unterschiedlicher: Gustav Schwab kennen beispielsweise viele nicht mehr. Darauf reagiert Adeamus! mit seinem innovativen Konzept der Vorentlastung in Bezug auf Kulturwissen, Wortschatz und Grammatik. Dieses Vorgehen hat mich von Anfang an überzeugt, denn es reagiert auf die Schwierigkeiten der Schüler beim Vokabellernen und sorgt durch das schrittige Vorgehen dafür, dass alle Schüler in einer Lektion die erforderlichen Inhalte erarbeitet haben, ehe diese im Lesestück gebündelt zur Anwendung kommen. Adeamus! ist fortschrittlich, ohne auf Bewährtes zu verzichten, kindgerecht, ohne kindisch zu sein, anspruchsvoll, ohne zu überfordern und holt die Schüler da ab, wo sie stehen. Außerdem bringen einen die Lesestücke wiederholt zum Schmunzeln – wie viele Lateinbücher können das schon von sich sagen?"

Stichwort Kompetenzorientierung – wie wird diese mit Adeamus! umgesetzt?

Melanie Schölzel: "Im Hinblick auf die zunehmende Kompetenzorientierung geht der moderne Lateinunterricht mit der Zeit: Statt reihum Satz für Satz zu übersetzen, finden kursorische oder transphrastische Texterschließungen zunehmend Verwendung. Wir reagieren darauf, indem wir zu jeder Lektion auch einen "kurzen Weg durch das Lesestück" anbieten. Außerdem bezieht Adeamus! bewusst verschiedene Sozialformen mit ein und gibt immer wieder Anregungen zu Projekten. Das Lehrwerk geht kumulativ vor, was zu einem vernetzten Wissen und damit auch zu zunehmender Sach- und Sprachkompetenz führt. Auch die Förderung der Methodenkompetenz spielt eine große Rolle: Explizit geschieht dies im Rahmen sogenannter Methodenseiten, wo beispielsweise Übersetzungstechniken oder die Bildbeschreibung gesondert vermittelt werden. Damit zeigt sich für mich optimal, was moderner Lateinunterricht zu leisten hat: Er knüpft an Traditionen an und reagiert gleichzeitig auf die neuen Anforderungen, mit denen sich moderner Unterricht konfrontiert sieht."

Informationen zum Lehrwerkskonzept

Zur Person: Melanie Schölzel ist Latein- und Deutschlehrerin am Hans-Sachs-Gymnasium in Nürnberg. Als große Chance ihres Berufs empfindet sie es, mit jungen Menschen zusammenarbeiten und Spuren hinterlassen zu können. Ihr Credo: Jeden Tag lernen nicht nur ihre Schüler von ihr, sondern auch sie von ihnen – und langweilig wird es dabei nie. Als Mitautorin der Lehrwerksreihe "Adeamus!", die zur didacta 2016 im Oldenbourg Schulbuchverlag erscheint, kennt sie die Anforderungen an modernen Lateinunterricht genau.

Ansprechpartner

Nico Enger
Oldenbourg:bsv
c/o Cornelsen Verlag GmbH
Mecklenburgische Str. 53
14197 Berlin
Telefon: 030/89785-591
Fax: 030/89785-97591
E-Mail: nico.enger@cornelsen.de
Web: http://www.oldenbourg.de/osv/


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