Bayerischer Lehrerverband

Noch immer kein pädagogisches Konzept in Sicht

Das bayerische Gymnasium wird nicht zur Ruhe kommen. Der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, befürchtet vielmehr, dass das noch kurz vor den Sommerferien angekündigte Flexibilisierungsjahr die Situation für Schulleitungen und Lehrkräfte verschärfen und den Schülern wenig nutzen wird.

05.12.2012 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

Auch die erneut punktuell vorgenommenen Kürzungen im Lehrplan werden die Probleme nicht lösen. "Seit der Schulzeitverkürzung um ein Jahr leiden Gymnasien am Mangel eines pädagogischen Konzeptes. Dieser Mangel hat bis heute zu gravierenden Irritationen geführt", sagte er kurz vor der heutigen Fachanhörung des BLLV mit dem Titel "Geht 8 anders?" Zugesagt haben Bildungsexperten aus ganz Deutschland, um mit dem BLLV über die Zukunft des bayerischen Gymnasiums zu diskutieren. "Das Gymnasium ist nur zu retten, wenn die Bayerische Staatsregierung ihre Verweigerungspolitik beendet und tatsächliche Reformen zulässt", erklärte Wenzel. Das Flexibilisierungsjahr ist für Wenzel eine reine Luftnummer. Keines der bestehenden Probleme werde damit gelöst. Er warf der Staatsregierung vor, mit sogenannten "Neuerungen" lediglich ein Ziel zu verfolgen: "möglichst alles so zu lassen, wie es ist, und die Öffentlichkeit zu beruhigen."

Die Praxis werde zeigen, wie unausgegoren und unüberlegt die im Juli beschlossene Einführung eines Flexibilisierungsjahres und die nur vereinzelt vorgenommenen Kürzungen im Lehrplan seien, sagte Wenzel. "Dem freiwilligen Wiederholen einen neuen Namen zu geben, ist noch kein pädagogisches Konzept." Vielmehr werde sich der Stress für Schulleitungen und Kollegien weiter erhöhen. "Sie sind es, die für eine minimale Zahl an Schülerinnen und Schülern die Abläufe im Einzelnen organisieren und strukturieren müssen - ohne die dafür nötigen Ressourcen zu erhalten. Gleichzeitig müssen sie dafür sorgen, dass der Schulbetrieb davon ungestört bleibt und weiterläuft. Es werden sich viele Detailfragen ergeben, die ungelöst sind, die aber, und das ist bereits abzusehen, Mehrarbeit und zeitlichen Aufwand erfordern." Es scheint, als habe die Staatsregierung den "Schwarzen Peter" den Schulleitern und Lehrern aufgehalst. "Sie sollen lösen, was die Politik vermurkst hat."

Der BLLV-Präsident forderte die Staatsregierung auf, Denkverbote zu überwinden und konstruktive Reformen zuzulassen, die die Qualität des bayerischen Gymnasiums sichern helfen und den Weg aus der Krise ebnen:

"Im Mittelpunkt muss die Erarbeitung eines professionellen pädagogischen Konzeptes stehen, welches auch eine Neudefinition des bestehenden Lern- und Leitungsverständnisses beinhaltet und das Erkenntnisse der modernen Hirn- und Lernforschung berücksichtigt. In Folge dessen müssen die Lehrpläne konsequent überarbeitet und neue Unterrichtsmethoden etabliert werden. Die momentane Stofffülle in den Sachfächern und in den Naturwissenschaften erschwert nachhaltiges Lernen. Das Lehrplanpensum erfordert ein zu hohes Lerntempo und verleitet zur Reduktion des Unterrichts auf abprüfbares Wissen. Der schnelle Wechsel der Unterrichtsfächer führt zu oberflächlichem Lernen. Im Mittelpunkt stehen zu stark das bloße Faktenwissen und die Erarbeitung der Fachbegriffe." Der BLLV fordert stattdessen feste, angemessene Zeitfenster für curricular verankerte fächerübergreifende Projekte. Das Curriculum ist fächerübergreifend zu entwickeln. "Solche Veränderungen ziehen konsequenterweise auch Reformen in der Lehrerbildung wie eine Aufwertung der Erziehungswissenschaften nach sich. Gymnasiale Lehrkräfte brauchen didaktische und diagnostische Kompetenzen, um auf die Herausforderungen einer heterogeneren Schülerschaft vorbereitet zu sein." Das bayerische Gymnasium müsse sich darüber hinaus von der Halbtags- zur rhythmisierten Ganztagsschule entwickeln dürfen - "zumindest überall dort, wo es gewünscht ist. Eine Bedarfserhebung gibt es bis heute nicht, so dass unklar ist, wie groß die tatsächliche Nachfrage ist."

Nach all den Jahren des Hin und Her habe er den Eindruck, dass mit der überstürzten Einführung des G8 Veränderungen durchgedrückt wurden, die ein Ziel verfolgten: Bayern als innovatives Bundesland zu präsentieren, bei gleichzeitiger Beibehaltung überholter Strukturen, sagte Wenzel. "Weil das nicht funktionierte, wurde an einzelnen Schrauben gedreht, die in der Summe die Unruhe aber lediglich verstärkt haben. Als sich im Juni 2012 abzeichnete, dass erneut mehr Gymnasiasten durchs Abitur gefallen waren als früher und sich die Spreizung von sehr guten und eher schlechten Schülern vergrößert hat, reagierte das Kultusministerium fast panisch." Ohne groß zu überlegen seien noch Ende Juli Tatsachen geschaffen worden wie eine zusätzliche Lernzeit in Form eines Flexibilisierungsjahres und einzelne Kürzungen im Lehrplan.

"Wenn Ministerpräsident Horst Seehofer vor diesem Hintergrund Reformruhe in der Bildungspolitik anmahnt, übersieht er, dass es die Hektik und Unüberlegtheit seines Vorgängers waren, die die Misere von heute ausgelöst haben. Heute alles so zu lassen, wie es ist, wäre verantwortungslos den Schülern und Lehrern gegenüber. Sie sind es schließlich, die täglich die Konsequenzen schul- und bildungspolitischer Fehler ausbaden müssen. Wenn in Bayern 42 Prozent aller Kinder auf ein Gymnasium gehen, aber nur 58 Prozent dieser Kinder letztlich das Abitur machen, stimmt etwas nicht."

Die Fachanhörung "Geht 8 anders?", zu der wir Sie herzlich einladen, findet heute Nachmittag, 5. Dezember 2012, in den Räumen der BLLV-Landesgeschäftsstelle in München am Bavariaring 37 statt. Beginn: 14.30 Uhr, voraussichtliches Ende gegen 18 Uhr.


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