Programm "Bildung elementar" darf nicht Fehlinvestition werden

"Auch wenn Minister Kley Millionen in die Kindergärten stecken will, kann die Bildungsgewerkschaft nicht darüber hinweg sehen, dass in diesem Jahr in Sachen "Bildung Elementar" nichts passieren soll", erklärte GEW-Landeschef, Thomas Lippmann heute.

23.02.2006 Sachsen-Anhalt Pressemeldung GEW Sachsen-Anhalt

"Wir können nicht warten, bis eventuell 2007 die avisierten EU-Mittel kommen. Das Land muss gemeinsam mit den Kommunen und den Trägern der Jugendhilfe sofort handeln."

Hintergrund für diese Erklärung ist, dass seit mehr als einem Jahr das neue Bildungsprogramm "Bildung elementar" Arbeitsgrundlage für die inhaltliche Arbeit in den Kindertagesstätten Sachsen Anhalts ist, nun aber die Gefahr bestehe, dass es zur Fehlinvestition wird. Das Land hatte seinerzeit zur Erarbeitung dieses Programms eine knappe Million Euro zur wissenschaftlichen Erarbeitung zur Verfügung gestellt. Aus Sicht der GEW war dies der erste Schritt in die richtige Richtung, um das Ziel "Bildung von Anfang an" in allen Kindereinrichtungen unseres Landes umsetzten zu können.

In den Kindertageseinrichtungen werden nun aber immer mehr Fragen laut: "Wie geht es jetzt weiter?" "Bleibt dieses wissenschaftlich erarbeitete Programm ein Orientierungspapier, wird es zu einer verbindlichen Vorgabe oder entwickelt es sich zu einer kompletten Fehlinvestition?

" Die GEW schätzt ein, dass sich die Erzieherinnen mit all ihren Fragen und Problemen zur praktischen Umsetzung des Bildungsprogramms allein gelassen fühlen. Laut KiFöG sind sie verpflichtet, sich fachlich fortzubilden. Tatsächlich wollen sie dies auch, andererseits aber bleibt völlig unklar wie dies in der Praxis erfolgen kann. Der momentane Ist-Stand sieht so aus, dass Erzieherinnen fast ausschließlich Fortbildungen in ihrer Freizeit absolvieren, da der "maßgeschneiderte" Personalschlüssel schon bei Urlaub und Krankheit in den Einrichtungen nicht zu kompensieren ist.

Die GEW hat im Prozess der Umsetzung des gesetzlichen Bildungsauftrages Verantwortung in der Fortbildung wahrgenommen und kann deshalb die Situation einschätzen.

In den letzten 1 ½ Jahren haben mehr als 2000 Erzieherinnen aus den Kindereinrichtungen unseres Landes an Fortbildungsangeboten der GEW zum neuen Bildungsprogramm teilgenommen. Aus fast allen Veranstaltungen kamen die Forderungen der Beschäftigten nach Verbesserungen der Rahmenbedingungen, um das anspruchsvolle Bildungsprogramm wirklich umsetzen zu können.

Die GEW Sachsen-Anhalt schlägt deshalb vor:

· das Land muss sich nicht erst in einem EU-geförderten Programm, dessen Terminierung noch ungewiss ist, sondern ab sofort finanziell an den Kosten für Fort –und Weiterbildung beteiligen.
· für alle in Kindereinrichtungen beschäftigte Erzieherinnen sind verbindliche Vor- und Nachbereitungszeiten unerlässlich.
· ErzieherInnen benötigen ein berufbegleitendes modulares Weiterbildungssystem
· Die Finanzausstattung der KITAS muss sich an den Forderungen aus dem Bildungsprogramm orientieren.
· Nicht nur berufsbegleitende Studiengänge zur Weiterbildung sondern grundständige Fachhochschulstudiengänge sollen eingerichtet werden
· An den Schnittstellen (Übergang KITA/Schule) sollten gemeinsame Fortbildungen mit den Lehrkräften aus den Grundschulen angeboten werden.
· Die Leitung von Kindereinrichtungen ist für die Leitungstätigkeit freizustellen.

"Wir unterstellen, dass Herr Kley nicht nur Wahlkampf gemacht hat. Deshalb fordern wir die jetzige Regierung und ihre Nachfolgerin sofort zum Handeln auf. Das Jahr 2006 muss genutzt werden. Im Interesse der Kinder darf keine Zeit verloren werden", sagte Lippmann.

Hintergrundinformationen:

Im Bereich der Kindereinrichtungen sind gegenwärtig mehr als 12.000 Erzieherinnen in rund 1.937 Einrichtungen beschäftigt. Dem gegenüber stehen rund 20 Fortbildungsangebote in ca. 40 Veranstaltungen des Landesjugendamtes. Auch wenn man noch die vereinzelt von den Trägern angebotenen Fortbildungsveranstaltungen hinzurechnet, wird sehr schnell klar, dass diese Angebote nicht wirklich ausreichend sind, um qualitativ etwas zu verändern und wirkungsvoll an der Umsetzung des Bildungsprogramms zu arbeiten.

Auch die 40 Multiplikatorinnen/Fachberaterinnen für 1.937 Einrichtungen sind keine wirkliche Hilfe vor Ort, da diese Beschäftigten in ihren Einrichtungen zum Personalschlüssel gehören und keine zusätzliche Zeit für ihre Aufgaben als Multiplikatorinnen erhalten. Die von Minister Kley genannte Zahl von weiteren 111 Fachberaterinnen ist zwar nicht nachzuvollziehen, ist aber als Ziel zu unterstützen.

Geradezu kurios ist, dass das umzusetzende Bildungsprogramm als wichtigstes Arbeitsinstrument für die Erzieherinnen im Handel nicht käuflich erworben werden kann.

Um damit aber arbeiten zu können, muss jede ErzieherIn in der Lage sein, mit ihrem eigenen Exemplar umzugehen. Auch bei den Trägern selbst gibt es sehr unterschiedliche Sicht- und Herangehensweisen in Bezug auf die Umsetzung des Programms.

Einige wenige große Träger haben ganzheitliche Fortbildungskonzepte für die bei ihnen beschäftigten ErzieherInnen (z. B. die AWO) entwickelt, andere schulen nur die Leiterinnen oder die Verwaltungsangestellten, in der Hoffnung dass sie die nötigen Impulse weitervermitteln.

Aus Sicht der GEW halten sich insbesondere die kommunalen Träger sehr zurück, wenn es um die Umsetzung des Bildungsprogramms geht. Kleine Gemeinden bzw. deren Bürgermeister haben vielerorts noch nicht einmal erfahren, dass es hier etwas "Neues" gibt. Dies ist aus Sicht der GEW eine fatale Folge der finanziellen Notlage der Träger und der völligen Unterschätzung der Wichtigkeit des Bildungsprogramms.

Ansprechpartner

GEW Sachsen-Anhalt

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