"Rassistische Diskriminierung ist eine Alltagserfahrung für viele Schülerinnen und Schüler"
Jugendliche mit Zuwanderungsgeschichte besuchen doppelt so häufig die Hauptschule wie herkunftsdeutsche Jugendliche. Viele brechen die Schule ab und verlassen sie, ohne überhaupt einen Abschluss erworben zu haben. Im Gegensatz dazu ist der Anteil der Schulabgängerinnen und -abgänger ohne deutschen Pass, die 2012 die Schule mit einem Hochschulabschluss verlassen haben, nicht einmal halb so hoch wie bei den herkunftsdeutschen Schulabgängerinnen und -abgängern. Noch immer sind die Bildungschancen im Einwanderungsland Deutschland also höchst ungleich verteilt. Was läuft falsch im Bildungssystem und welche konkreten Veränderungen sind notwendig? Antworten dazu von der Koordinatorin im [MigrantenElternNetzwerk Niedersachsen](http://www.men-nds.de/), Beate Seusing.
24.02.2015 ArtikelFrau Seusing, was sind die Gründe, die zu einer so starken migrationsspezifischen Auslese im deutschen Schulsystem führen?
Beate Seusing: Ein wichtiger Grund ist die Mehrgliedrigkeit (nicht nur) des niedersächsischen Schulsystems. Die Selektionsmechanismen am Übergang von der Grundschule in die weiterführende Schule betreffen Kinder aus bildungsfernen Schichten und Kinder mit Zuwanderungsgeschichte in starkem Maß. Selbst Eltern mit Zuwanderungsgeschichte mit akademischem Hintergrund wird – auch mit besten Absichten – von Lehrkräften vielfach unterstellt, dass sie bildungsfern und nicht am Schulerfolg ihrer Kinder interessiert sind. Oder es wird bezweifelt, dass sie die erforderlichen Unterstützungsleistungen für den schulischen Erfolg der Kinder erbringen können. Deshalb bekommen Kinder mit Zuwanderungsgeschichte häufiger als herkunftsdeutsche Kinder auch bei gleichen Leistungen eine Empfehlung für eine Haupt- oder Realschule.
Auch aus diesem Grund begrüßen wir als MigrantenElternNetzwerk die geplante Abschaffung der schriftlichen Schullaufbahnempfehlung in Niedersachsen. Ebenfalls begrüßen wir das Vorhaben, dass Integrierte Gesamtschulen mit dem neuen Schulgesetz in Niedersachsen zur Regelschule werden sollen. Kinder mit Zuwanderungsgeschichte werden davon profitieren, denn alle relevanten Studien weisen nach, dass Kinder mit Migrationshintergrund grundsätzlich bessere Chancen haben, einen höheren Schulabschluss zu erwerben, wenn sie nicht nach der 4. Klasse einer (meist niedrigen) Schulform zugewiesen werden. Ein Grund hierfür ist die stärkere Durchlässigkeit des Gesamtschulsystems und seine Anforderungen an den Umgang mit Diversität in den Klassen. Mit einer systematischen Lerndiagnostik sollte zudem jedem Schüler, jeder Schülerin geholfen werden, seine/ihre Lernpotenziale zu entwickeln und auszuschöpfen – an allen Schulen.
Welche Erwartungen hat das MigrantenElternNetzwerk Niedersachsen in diesem Zusammenhang an die Politik?
Beate Seusing: Ein wichtiges Thema im MigrantenElternNetzwerk Niedersachsen ist die Förderung der Mehrsprachigkeit. Viele Eltern, aber auch Lehrkräfte und ErzieherInnen sind sich immer noch nicht bewusst, dass die beste Sprachförderung in der Familie darin besteht, wenn die Eltern mit ihren Kindern die Sprache sprechen, die ihnen am nächsten ist – und nicht Deutsch um jeden Preis. Viele Studien weisen inzwischen nach, dass die gute Beherrschung einer Sprache die beste Grundlage legt für den Erwerb einer zweiten Sprache. Zu diesem Thema besteht bei Eltern mit Zuwanderungsgeschichte noch immer eine große Unsicherheit und ein großer Informationsbedarf. Das MigrantenElternNetzwerk Niedersachsen fordert deswegen, dass die Bildungsinstitutionen nicht nur die Entwicklung der deutschen Sprache fördern, sondern auch die Entwicklung der Herkunftssprache zu einer Bildungssprache. Diese Förderung muss durchgängig, das heißt bis zum Schulabschluss auch an weiterführenden Schulen und in allen Fächern erfolgen. Der "Erlass zur Förderung von Bildungserfolg und Teilhabe von Schülerinnen und Schülern nichtdeutscher Herkunftssprache", der in Niedersachsen seit Juli 2014 in Kraft ist, ist ein erster Schritt. Er eröffnet aber durch viele "kann" und "sollte" Formulierungen Ausweichmöglichkeiten. Die Umsetzung wurde noch nicht evaluiert. Es gibt aber Hinweise, dass die tatsächliche Umsetzung der Planung hinterherhinkt, auch weil hierfür nicht ausreichende Ressourcen von der Landesregierung zur Verfügung gestellt werden.
Welche Ansätze in den Familien und in den Schulen verfolgt das Netzwerk, um eine gerechtere Verteilung von Bildungschancen zu erreichen?
Beate Seusing: Rassistische Diskriminierung in Bildungsinstitutionen ist - beabsichtigt oder nicht, individuell oder strukturell - eine Alltagserfahrung für viele Schülerinnen, Schüler, Eltern und Lehrkräfte mit Zuwanderungsgeschichte. Eltern müssen in die Lage versetzt werden, diese Diskriminierungen zu thematisieren. Dafür werden unabhängige Anlaufstellen und Ansprechpersonen benötigt, an die sich die Betroffenen wenden können, ohne fürchten zu müssen, dass die Beschwerde sich negativ auf die Beurteilung der Kinder auswirkt. Schulen müssen sich viel stärker als bisher mit der Heterogenität im Klassenzimmer in positiver Weise auseinandersetzen. Maßnahmen, die das fördern können sind unter anderem die verpflichtende Auseinandersetzung mit Interkulturalität in der Lehreraus- und -fortbildung. Die Heterogenität in der Schülerschaft soll sich im Lehrerzimmer wiederfinden. Jugendliche mit Migrationshintergrund sollen viel stärker als bisher motiviert werden, den Lehrerberuf zu ergreifen. Die Geschichte der Zuwanderung ist ein Teil der bundesdeutschen Geschichte und soll Eingang in die Curricula finden. Sie ist die familiäre Geschichte von derzeit rund 30 Prozent der niedersächsischen Schülerinnen und Schüler.
Dazu auf der didacta 2015 in Hannover
Dienstag, 24. Februar 2015
Inklusion durch Enkulturation – ein ESF-Programm zur Unterstützung inklusiver kommunaler Prozesse
Verschiedenheit wertschätzen, gleichberechtigte Teilhabe für alle Kinder ermöglichen: Die an der Bildung der Kinder und Jugendlichen Beteiligten sollen durch geeignete Maßnahmen in die Lage versetzt werden, entsprechende Unterstützung unter Berücksichtigung der individuellen Bedürfnisse und Ressourcen jedes Einzelnen und Achtung der verschiedenen kulturellen Identitäten und Überzeugungen zu leisten. Schwerpunkt des Programms ist neben der Qualifizierung des pädagogischen Fachpersonals der Ausbau und die Weiterentwicklung von Netzwerken bestehend aus Schulen, Kitas, Jugendeinrichtungen und anderen Institutionen unter besonderer Berücksichtigung der Elternbeteiligung. Die Referentin wird mit Gästen aus der Praxis darstellen, wie das Programm zur Veränderung kommunaler Bildungslandschaften beitragen kann. Referentin: Birgit Wenzel, Referatsleiterin im Niedersächsischen Kultusministerium, Forum Unterrichtspraxis, 11:00 bis 12:00 Uhr, Halle 16, Stand E36
Donnerstag, 26. Februar 2015
Multikulti in der Klasse: Wie muss Schule sich verändern
Längst sind Kinder mit Migrationshintergrund in Deutschland keine kleine Minderheit mehr. Schülerinnen und Schüler mit Wurzeln überall in der Welt, Flüchtlinge, Asylsuchende, Deutsche – Klassen in deutschen Schulen sind heute extrem heterogen. Wie kann es gelingen, diese vielfältige Schülerschaft zu unterrichten, ohne Gruppen zu benachteiligen? "In der Stadt Hannover zum Beispiel haben 50 Prozent der Neugeborenen einen Migrationshintergrund", sagt Beate Seusing, die als Koordinatorin beim MigrantenElternNetzwerk Niedersachsen zu den vier Diskussionsteilnehmern gehört. "Kinder mit Migrationshintergrund sind keine Randgruppe mehr. Daher muss die Schule diese Kinder fördern. Davon profitieren letztendlich alle Schüler", betont sie. Bei der Veranstaltung, die vom Forum Bildung präsentiert wird, diskutieren ferner Dr. Ilka Hoffmann, Vorstandsmitglied GEW, Leiterin des Organisationsbereichs Schule, Peter Schütz, Schulleiter der IGS Linden in Hannover, und Dr. Ulrich Jahnke, Referatsleiter bei der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration. Es moderiert der Kölner Journalist Lothar Guckeisen. 15.30 bis 16.45 Uhr, Forum Bildung, Halle 16, Stand E20.
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