Rechtsanspruch ohne Qualität: Wie soll der Ganztag zum Bildungsort werden?
Am 1. August tritt der Rechtsanspruch auf ganztägige Förderung für Grundschulkinder in Kraft – zunächst für die erste Klassenstufe, bis 2029 für alle Jahrgänge. Bund und Länder haben ihn 2021 gemeinsam beschlossen, Milliarden für den Ausbau bereitgestellt und stufenweise Fristen vereinbart.
28.07.2026 Bundesweit Pressemeldung Bildungswende JETZT!Was bis heute fehlt, ist eine Antwort auf die entscheidende Frage: Wie soll der Ganztag zum Bildungsort werden?
Bildungswende JETZT! sieht darin einen bildungspolitischen Konstruktionsfehler. Der Bund hat einen Anspruch auf Zeitfenster geschaffen, aber keinen auf Qualität. Verbindliche Standards für Personal, Räume unpädagogische Konzepte gibt es bundesweit nicht. Die Folge ist ein Flickenteppich: Ob ein Kind nachmittags gefördert wird oder lediglich beaufsichtigt, entscheidet sich künftig danach, in welchem Bundesland und in welcher Kommune es zur Schule geht – und wie es um deren Kassenlage bestellt ist.
„Familien hören: Ihr Kind bekommt einen Platz. Sie erwarten Bildung", sagt Sandra Noa, Mitglied im Sprecher*innen-Team von Bildungswende JETZT!. „Geliefert wird vielerorts aber nur Aufbewahrung. Nicht aus Unwillen, sondern weil Personal, Räume und Zeit für Absprachen nicht finanziert sind. Das kennen wir schon vom Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz: Auch der wurde über die Anzahl der Plätze definiert, nicht über Qualität. Beim Ganztag wiederholt sich derselbe Fehler.“
Der Bildungsbericht 2026 hat erneut bestätigt, dass die soziale Herkunft in Deutschland über den Bildungserfolg entscheidet. Der Ganztag wäre ein wirksames Instrument, um genau das zu ändern: Er erreicht alle Kinder, unabhängig davon, was ihre Eltern am Nachmittag leisten können. Ohne Qualitätsvorgaben aber droht er das Gegenteil zu bewirken und bestehende Ungleichheiten zu verfestigen.
Hinzu kommt die Finanzierungsfrage. Der Bund stellt 3,5 Milliarden Euro für Investitionen bereit und beteiligt sich an den Betriebskosten. Den weit überwiegenden Teil der laufenden Kosten aber tragen Länder und Kommunen – und damit genau jene Ebenen, die schon jetzt Personal suchen, das es auf dem Arbeitsmarkt nicht gibt. Wer Ausbauzahlen verspricht, aber den Betrieb nicht absichert, verlagert das Problem nach unten. Und dort endet es regelmäßig bei größeren Gruppen und weniger Fachkräften pro Kind.
Bildungswende JETZT! fordert deshalb vom Bund:
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bundesweit verbindliche Mindeststandards für den Ganztag – für Fachkraft-Kind-Relation, Qualifikation, Räume und Zeit für multiprofessionelle Zusammenarbeit,
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eine dauerhafte Beteiligung des Bundes an den Betriebskosten statt befristeter Ausbauprogramme,
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eine Ausbildungsoffensive für pädagogische Fachkräfte, ohne die jeder Standard ein Versprechen auf Papier bleibt,
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einen Bildungsgipfel auf Augenhöhe, der Ganztag als gemeinsame Aufgabe von Bund, Ländern und Kommunen verhandelt – mit denen, die ihn täglich gestalten.
Der Rechtsanspruch ist ein Versprechen an ganze Generationen. Ob es eingelöst wird, entscheidet sich nicht an der Zahl der Plätze, sondern an dem, was in ihnen stattfindet.
Am 19. September 2026 ruft Bildungswende JETZT! deshalb bundesweit zu Protestaktionen auf. Die zentrale Veranstaltung für ganz Deutschland findet in Köln statt. Aktionen sind darüber hinaus in zahlreichen weiteren Städten geplant. Alle Informationen finden Sier hier.
Bildungswende JETZT! ist ein überparteiliches Bündnis aus über 200 Organisationen – Gewerkschaften, Bildungsverbänden, Eltern-, Schüler*innen- und Studierendenvertretungen sowie zivilgesellschaftlichen Organisationen.
Ansprechpartner
- Frühe Bildung: Es werden weiterhin Plätze benötigt
- „Viele Probleme, die in Schule sichtbar werden, sind gar kein Problem von Schule“
- Eltern wünschen sich Verlässlichkeit UND pädagogische Qualität
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