Rechtschreibung: "Wir brauchen ­keinen Methodenstreit"

Alle Jahre wieder taucht die Diskussion über die richtige Methode des Schreibenlernens auf. Von Rechtschreibkatastrophe ist die Rede. Prof. Dr. Cordula Löffler von der Pädagogischen Hochschule Weingarten ordnet die Entwicklung ein. Die Fragen stellte Stefan Lüke.

27.03.2014 Pressemeldung Ernst Klett Verlag GmbH

Verkommt die deutsche Sprache?
Das ist sicher überzogen und wirkt wie ein ideologischer Grabenkampf. Es ist von richtigen und falschen Konzepten die Rede. Es würde hier wohl zu weit führen, die unterschiedlichen Ansätze darzustellen. Ich plädiere dafür, statt einer Schwarz-Weiß-Malerei zu schauen, welche Aspekte des Silben-, Fibeloder Spracherfahrungsansatzes hilfreich sind, um für die Lernenden die Sprache in den Blick zu rücken.

Würden Sie dem Eindruck widersprechen wollen, die Rechtschreibekompetenz unserer Schülerinnen und Schüler­ sei gegenüber "früher" gesunken?
Das wird immer wieder behauptet, es ist aber nicht nachgewiesen.

Worin unterscheiden sich die Ansätze im Wesentlichen?
In der Fibel werden die Buchstaben nach und nach ein­­geführt, die Texte in den Fibeln bestehen aus den eingeführten Buchstaben. Bei den Silbenansätzen werden zum Teil auch die Buchstaben eingeführt, aber die Silben werden für das Lesen hervorgehoben, für das Schreiben wird der Aufbau der Silbe in den Mittelpunkt gerückt. Der Spracherfahrungsansatz lässt den Kindern von Anfang an viel Raum für eigene Texte zu persönlich bedeutsamen Themen. Eine Schreibtabelle hilft den Kindern, die notwendigen Buchstaben zu finden. Aber es gibt auch eine Auseinandersetzung mit sprachlichen Strukturen, sodass Rechtschreiben gelernt wird.

Alle Ansätze klingen nachvollziehbar. Für welchen soll man sich entscheiden?
Das ist ja genau das Problem. Es gibt eigentlich keine Lösung. Grundsätzlich muss jedes Kind individuell in den Blick genommen werden. Viele Kinder erarbeiten sich – ähnlich wie beim Sprechenlernen – die Regelmäßigkeiten der Schriftsprache selbstständig. Andere Kinder brauchen mehr Unterstützung, z. B. stärker strukturierte Übungen, damit sie die Prinzipien und Regeln der Schrift erarbeiten können.

Was heißt das konkret?
Es muss geschaut werden, wie es an das Lesen und Schreiben herangehen kann. Welche Zugriffsweisen hat es? Es gibt Kinder, die lesen Wort für Wort, verstehen aber den Textzusammenhang nicht. Andere lesen den ersten Buchstaben, raten das Wort und reimen sich den Inhalt zusammen. Wieder andere nennen Laute, kriegen die einzelnen aber nicht verbunden.

Wie soll eine Lehrkraft im Unterricht auf so viel Unterschiedlichkeit eingehen?
Bis in die 90er Jahre waren Lehrer kaum in der Lage, zu merken, dass ein Kind mit einer bestimmten Methode nicht klarkam, dass es anders an Lesen und Schreiben herangeführt werden sollte. Die "Schuld" lag sozusagen­ beim Kind. Heute diagnostizieren Lehrer besser. Im Unterricht ist es die Aufgabe der Lehrkraft, die Erwerbsprozesse der Lernenden im Blick zu behalten, damit schnell Lernende weiterhin interessante Lernangebote und langsamer Lernende passende und inhaltlich ebenso attraktive Unterstützungsangebote erhalten.

Wie kann das aussehen?
Jeder der genannten Ansätze ermöglicht Differenzierung. Das heißt nicht, dass 30 Kinder 30 unterschiedliche Dinge tun. Aber die Lernenden können auf unterschiedlichen Niveaustufen arbeiten. Während einige Kinder sehr viele, auch wiederkehrende Übungen brauchen, um sich neu eingeführte Buchstaben zu erarbeiten, können andere zur selben Zeit schon selbständig erste Wörter suchen und schreiben, die den neuen Buchstaben enthalten. Dann gibt es Kinder, die schnell über das gesamte Buchstabeninventar verfügen. Für sie sind solche Übungsphasen langweilig, sie können währenddessen Texte schreiben und lesen.

Hamburgs Schulsenator Ties Rabe will der "Rechtschreibkatastrophe" entgegenwirken, indem er der Sonderform "Lesen durch Schreiben" eine Absage erteilt. Er möchte, dass Kinder von Anfang an das Richtigschreiben trainieren und am Ende der Grundschulzeit mindestens 800 Wörter richtig schreiben können sollen. Ein richtiger Weg?
Natürlich ist es begrüßenswert, wenn Kinder nach der Grundschulzeit möglichst viele Wörter kennen und richtig schreiben können. Aber ich muss es noch einmal betonen: Es gibt nicht den einen Weg.

Nachgefragt: Ist die Idee von Ties Rabe nicht schon deshalb richtig, weil man weiß, dass mangelnde Leseund Schreibkompetenz Wissenserwerb erschwert, vielleicht sogar verhindert?
Allen Kindern sollte es ermöglicht werden, bereits in der Grundschule ausreichend lesen und schreiben zu lernen. Dafür brauchen wir Lehrkräfte, die Lernwege und Bedürfnisse der Lernenden im Blick haben. Keinen Methodenstreit.

Viele halten die Methode "Lesen durch Schreiben" für die Ursache mangelnder Rechtschreibfähigkeiten. Diese Methode lässt zu, dass Kinder anfangs in freien Schreibphasen nicht auf die Orthografie achten müssen, weil sie dadurch schneller Lesen und Schreiben lernen. Liegen diejenigen richtig, die dies kritisieren?
Das kann man nicht pauschal beantworten. Es gibt Kinder, die sich beim Schreiben so mit der Schriftsprache auseinandersetzen, dass sie später auch richtig schreiben. Aber es gibt aber auch jene, die sich die Regeln der Schrift nicht auf diese Weise erarbeiten können und mehr strukturierende Übungen sowie das Arbeiten mit einem Grundwortschatz brauchen. Ich möchte jedoch mit einem Vorurteil aufräumen: Der Spracherfahrungsansatz ist mehr als schreiben, was einem in den Kopf kommt. Neben dem Schreiben gibt es gemeinsame Phasen, in denen sprachliche Strukturen reflektiert und wichtige Wörter geübt werden.

Was empfehlen Sie, um Kinder einerseits ans Lesen und dann ans richtige Schreiben heranzuführen?
Es gibt die sogenannten vier Säulen zur Unterrichtsorganisation. Dazu zählen das "Freie Schreiben eigener Texte", das "gemeinsame (Vor)Lesen von Kinderliteratur", "die systematische Einführung von Schriftelementen und Leseverfahren" sowie "der Aufbau und die Sicherung eines Grundwortschatzes". Sie sollten sich bei jedem der beschriebenen Ansätze ergänzen.

Medientipp
Interaktiv schreiben können kleine Lerner mit der neuen Zebra-Schreib­tabellen-App für Android und iOS-­Geräte. Dabei wird die Laut-Buchstaben-Beziehung durch Hören der Laute und Anschauen des zugehörigen Bildes erlernt. Die eingeübte Beziehung kann auf das Schreiben neuer Wörter übertragen werden. Weitere Infos unter www.zebrafanclub.de.

Zur Person
Dr. Cordula Löffler studierte Sonderpädagogik und Deutsch an der Universität zu Köln und arbeitete mehr als zehn Jahre mit lese-rechtschreib-schwachen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Sie pro­movierte an der Universität Hannover über Analphabetismus. Seit 2006 ist sie Professorin für Sprachliches Lernen an der Pädagogischen Hochschule Weingarten mit den Schwerpunkten Spracherwerb, Schriftspracherwerb, Orthografie und Analphabetismus. Sie hat die Grundschullehrwerksreihe Zebra aus dem Ernst Klett Verlag wissenschaftlich begleitet.

Ansprechpartner

Ernst Klett Verlag GmbH
Anja Vrachliotis
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Rotebühlstraße 77
70178 Stuttgart
Telefon: +49 711 6672-1166
E-Mail: pr@klett.de
Web: www.ernst-klett-verlag.de


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