Regionale Schulentwicklung braucht eine Chance

Der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes, (BLLV), Klaus Wenzel, hat die Staatsregierung aufgefordert, Modellversuche zur "Regionalen Schulentwicklung"(RSE) in Bayern zu zulassen und sie wohlwollend zu begleiten. "Andernfalls stehen Hunderte weiterer Schulen vor dem Aus", gab er heute bei einer Pressekonferenz zu bedenken. Mit dem Verlust der Schule werden betroffene Gemeinden empfindlich geschwächt. Unter "Regionaler Schulentwicklung" sind passgenaue Konzepte zu verstehen, die auf die Bedürfnisse einzelner Gemeinden zugeschnitten sind und den Erhalt einer anspruchsvollen Schule am Ort ermöglichen. Voraussetzung ist, dass sich Schulen weiterentwickeln dürfen und sich Eltern, Lehrer und Schüler mit den neuen Schulen identifizieren können. Der BLLV will eine konstruktive Diskussion, die sich von der traditionellen Schulstrukturdebatte löst. "Es geht um pragmatische Lösungen zum Erhalt einer möglichst wohnortnahen Schulversorgung mit hoher pädagogischer Qualität. Die Schule als landesweit normiertes Einheitsmodell hat ausgedient", erklärte Wenzel.

21.01.2008 Bayern Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

Ausgangspunkt sind Befunde verschiedener Studien, die auf den Rückgang der Schülerschaft bis zu 30%, steigende Übertritte auf Gymnasien und Realschulen und auf immer schlechtere berufliche Perspektiven von Hauptschülern hinweisen. Der Bayerische Bildungsbericht 2006 deckt die alarmierende Tendenz auf, dass Bildungsgänge von der sozialen, ethnischen und regionalen Herkunft abhängig sind. "Es wird deutlich, dass die derzeitige Schulstruktur in Bayern den Anforderungen des 21. Jahrhunderts in keiner Weise gerecht werden kann", betonte Wenzel. "Sie führt außerdem zur Verödung gewachsener Schullandschaften."

Gemeinden müssen die Abwanderung ihrer Schüler nach der vierten Grundschulklasse auf weiterführende Schulen verkraften. Seit Einführung der sechsstufigen Realschule hat sich die Zahl der Hauptschulstandorte von 1689 um 41 Prozent auf 996 reduziert, weitere 300 sind in ihrem Fortbestand gefährdet. Die Folgen sind für die betroffenen Gemeinden katastrophal: Die zum Teil aufwändig renovierten bestehenden Schulgebäude im Ort stehen leer. "Bürgermeister müssen feststellen, dass mit dem Verlust der Schule ein deutlicher Verlust an Attraktivität einhergeht, Familien wandern ab, neue ziehen nicht mehr zu. Weit über 200 Bürgermeister haben sich bereits an den BLLV gewandt, um sich über das neue Konzept der "Regionalen Schulentwicklung" zu informieren. Sie suchen nach Instrumentarien, die passgenaue und regional angemessene Konzepte möglich machen. Ihr Anliegen ist es, ein attraktives schulisches Angebot am Ort zu schaffen, um Schüler und Eltern an den Ort zu binden. Knapp 50 Gemeinden arbeiten bereits an konkreten Schulmodellen und wollen einen entsprechenden Genehmigungsantrag beim Kultusministerium einreichen. "Sie verfolgen das Ziel, eine Schulschließung in ihrem Ort zu verhindern", erklärte Wenzel. Die Modelle sehen unterschiedlich aus, eines jedoch haben sie gemeinsam: Sie bieten den Schülern unterschiedliche Schulabschlüsse an - das kann der Hauptschulabschluss, der Qualifizierende Hauptschulabschluss oder der Mittlere Schulabschluss mit Anschlussmöglichkeiten an die gymnasiale Oberstufe sein - wenn es gewünscht und für die Gemeinde sinnvoll ist. Voraussetzung ist, dass verbindliche Bildungsstandards eingehalten werden - zentrale Prüfungen sichern gleichwertige Kompetenzen. Das von BLLV-Experten erarbeitete Konzept der "Regionalen Schulentwicklung" muss nicht zwingend die Zusammenlegung von Haupt- und Realschule zur Folge haben", stellte Wenzel klar. "Vielmehr geht es um mehr Autonomie vor Ort."

"Wir sind optimistisch, dass das Kultusministerium unser Konzept unterstützen wird", erklärte Bürgermeister Fritz Wittmann von der Gemeinde Essenbach bei Landshut. "Unserer Hauptschule droht kurz- und mittelfristig die Einzügigkeit. Als 11.000-Einwohner-Gemeinde wollen wir unseren Schulstandort erhalten und stärken. Mit den guten Ansätzen des Hauptschulkonzeptes und den speziellen Anforderungen in unserer Gemeinde lässt sich unser Konzept umsetzen. Warum sollte es nicht möglich sein in Essenbach verschiedene Schulabschlüsse anzubieten - vom Hauptschulabschluss bis zur Mittleren Reife -, die Schüler an ihrem Wohnort zu belassen und die Gebäude sinnvoll zu nutzen?"

"Gut funktionierende Schulen werden mehr und mehr zur zentralen Frage für Gemeinden. Sie sind ein Standortfaktor, der letztlich über die Zukunft einer Gemeinde entscheidet", betonte Wenzel. "Familien fragen bei der Entscheidung über ihren Wohnort vor allem nach Kinderbetreuungsplätzen und attraktiven Schulen. Kann eine Gemeinde nicht beides anbieten, schwächt sie das empfindlich, wie der Familienatlas 2007 deutlich zeigt." Der Gemeinderat in Essenbach hat inzwischen gehandelt und sich für die Entwicklung eines neuen Schulmodells ausgesprochen. "Wir haben bereits Gespräche mit den Elternvertretern unserer Schulen geführt und großen Zuspruch erhalten. Wir gehen davon aus, dass wir die meisten auf unserer Seite haben werden, denn auch Eltern haben ein vitales Interesse daran, dass ihre Kinder am Ort lernen dürfen", informierte Wittmann.

"Das Beispiel aus Niederbayern zeigt, dass die Ausgangslage einzelner Gemeinden sehr unterschiedlich ist", betonte Wenzel. "Sie brauchen daher deutlich mehr Entscheidungsfreiheit." Kompetenzen vor Ort müssen gestärkt, Entscheidungsbefugnisse an die unmittelbar Betroffenen verlagert werden. Ein "regionaler Schulausschuss", der aus Kommunalpolitikern, Eltern, Vertretern der lokalen Wirtschaft, Lehrern und Schulaufsicht bestehen kann, sollte vor allem über die äußere Organisation befinden. Lehrerinnen und Lehrer entscheiden über Lehrpläne und Fragen der inneren Organisation. Die Vorteile liegen in den finanziellen, räumlichen und personellen Synergie-Effekten. "Das Kultusministerium sollte nicht länger zögern, solche Modelle zu genehmigen und zu unterstützen." Klar ist auch, dass sich die Situation in Ballungsgebieten wie München, Augsburg, Würzburg, Regensburg oder Nürnberg anders darstellt. Der BLLV arbeitet bereits an einem weiteren Konzept, das die besondere Situation in Großstädten berücksichtigt.


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Weiterführende Links

  • Modell des BLLV zur regionalen Schulentwicklung

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