Rinn in die Kartoffeln – Raus aus die Kartoffeln
Der Eindruck ist nicht mehr von der Hand zu weisen: in der Bildungs- und Schulpolitik geht es manchmal zu wie im Tollhaus. Erstes Beispiel: Seit ihrer Gründung wird in der Bundesrepublik Kulturföderalismus praktiziert, wegen der Kulturhoheit der Länder auf der einen und wegen des Verfassungsgebots der Angleichung der Lebensverhältnisse im Gesamtstaat auf der anderen Seite. Aber als Rot-Grün (Bund) bei Schwarz (Land) der Schulpolitik Beine machte – mit Barem, wie sonst, z.B. durch die Anschubfinanzierung der Ganztagsschulen –, da musste die Förderalismus-"Reform" dies umgehend unterbinden.
26.05.2008 ArtikelResolute Vorkämpferin: die Landesministerin Schavan. Jetzt gehen die Länder ihrer Wege – und sogleich wird im Namen von "Standards" und "Vergleichbarkeit" nach gesamtstaatlichen Kompetenzen gerufen. Eifrige Einmischerin in Dinge, die sie nichts angehen: die Bundesministerin Schavan. Hü und hott. Schulen als Beute der Parteipolitik.
Zweites Beispiel: In den alten und neuen Bundesländern gab es G9- und G8-Gymnasien. Gestört hat das keinen. Und zeitweise gab es im G9 die G8-Züge. Gefallen hat das allen. Oder G8 war häufig genug in Wirklichkeit G9: wegen der "Ehrenrunden". Das fand jeder normal (was an sich nicht normal war). Und dann wurde G8 "einfach so" Norm – in einigen Bundesländern mit so katastrophalen Folgen für den Schulalltag, dass nicht zuletzt deshalb die CDU-Regierung in Hessen gekippt und eine Kultusministerin zum Amtsverzicht genötigt wurde. Und siehe da: Auch der Berufsverband der Gymnasiallehrer in Baden-Württemberg empfiehlt die Rückkehr zu G9. Wach geworden? Reichlich spät.
Rolle vorwärts und Rolle rückwärts: das geht nur am stabilen Reck. Rinn in die Kartoffeln – raus aus die Kartoffeln: da muss jemand überhaupt erst mal Kartoffeln gepflanzt haben. Das Personal in den Schulen nämlich. Es hält nach Kräften einen stabilen Betrieb aufrecht und kümmert sich um all die kleinen und großen Sorgen und Nöte, Lichtblicke und Erfolge. Das Personal pflanzt und düngt, schafft Raum für Wachstum. Es verzichtet gern auf jeden parteipolitischen Schlingerkurs, auf das Ersetzen alter Probleme durch neue – was die Politik heutzutage "Reform" zu nennen pflegt.
Das Florieren eines Betriebs hängt nicht zuletzt von der Zufriedenheit des Personals ab, seiner Selbstwirksamkeit und Selbstverantwortung. Höchste Zeit, dass sich auch Schulpolitiker/innen das zu Herzen nehmen. Besser noch, sie würden mal auf den Kartoffelacker und in die Kartoffelferien geschickt: Buddeln "erdet", und sie müssen mal wieder lernen, dass das Garen der Kartoffeln im Kartoffelfeuer parteipolitisch weder verhindert noch beschleunigt, sondern im Zweifel nur verdorben werden kann.
Erschienen in Grundschule /Westermann Heft 06/2008 zum Themenschwerpunkt: Wort: Schatz!
Zur Person
Dr. Ulrich Herrmann war Professor für Allgemeine und Historische Pädagogik an der Universität Tübingen und Leiter des Seminars für Pädagogik an der Universität Ulm. Der im Jahr 2004 emeritierte Wissenschaftler leitet das Forum Kritische Pädagogik und das Pädagogische Journal
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