Schluss mit dem Grundschulabitur

Als pädagogisch fragwürdig, kinderfeindlich und in vielen Fällen demotivierend hat der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV), Klaus Wenzel, das alljährliche Ritual bezeichnet, Anfang Mai zehnjährigen Kindern ein Übertrittszeugnis auszuhändigen.

29.04.2009 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

"Viele Kinder werden durch den damit verbundenen Druck krank, Eltern nervös und Lehrkräfte extrem belastet. Einzig private Nachhilfeinstitute profitieren von der antiquierten und unzeitgemäßen Auslese von Kindern nach vier Jahren Grundschule." Erneut appellierte Wenzel an Bayerns Schulpolitiker, die gemeinsame Schulzeit deutlich zu verlängern und Schluss zu machen mit dem Grundschulabitur. "Lehrerinnen und Lehrer wollen ihre Schüler fördern und unterstützen, nicht länger sortieren und ständig nach Ziffernnoten bewerten müssen."

Es sei wichtiger, Kindern genügend Zeit zu geben. Sie sollten sich in Ruhe und altersgerecht entfalten und entwickeln dürfen. Dazu müsse schulisches Lernen so organisiert werden, "dass Kinder Lust auf Lernen bekommen und sich auf lebenslange Lernprozesse freuen." "Diesem Anliegen wird das bayerische Schulsystem kaum gerecht", monierte Wenzel. "Es geht nicht in erster Linie um Lernfreude und Kompetenzzuwachssondern um das Sammeln von Punkten und Noten, damit Datenmaterial für ein sehr fragwürdiges Sortier- und Verteilungsverfahren zur Verfügung steht." Wissenschaftliche Studien werfen ein bezeichnendes Licht auf die Folgen: So wird immer wieder nachgewiesen, dass viele Schulkinder Symptome von Stress aufweisen.

In einer Forsa-Umfrage vom vergangenen Jahr gaben 42% der befragten Eltern an, ihre Kinder litten häufig oder gelegentlich unter Stress. Bemerkbar mache sich die Belastung unter anderem durch Nervosität (57 Prozent) sowie Kopf- und Bauchschmerzen (50 Prozent). Zwölf Prozent der gestressten Schüler griffen deshalb zu Medikamenten. Befragt wurden 1002 Mütter und Väter im Juli 2008 in Deutschland, einen Monat später wurde die Studie veröffentlicht.

Im Oktober 2006 meldeten Nachrichtenagenturen, dass jedes fünfte Kindergartenkind und mehr als die Hälfte der Kinder am Ende des Grundschulalters bereits Kopfschmerzen kennen. Zwischen drei und elf Prozent der Kinder unter zwölf Jahren hätten sogar schon einen Migräneanfall erlebt. Laut Experten gebe es Hinweise, dass die Häufigkeit von Kinderkopfschmerzen in den vergangenen 30 Jahren deutlich angestiegen sei.

"Wir wissen, dass Schule und der damit verbundene massive Druck Kinder krank machen kann. Kommen noch andere Probleme wie beispielsweise die Trennung der Eltern, oder Armut hinzu, kann das Risiko für Kinder, körperlich oder seelisch krank zu werden, erheblich ansteigen. Auch viele Kinder aus intakten Familien erleben Schule inzwischen nicht als einen Ort, an dem sie sich wohl fühlen und entfalten können, sondern als einen Ort, an dem vor allem die in Form von Ziffernnoten gemessene Leistung zählt. Versagen und Fehler werden bestraft - häufig erleben Kinder schlechte Noten als demütigend oder aber sie entwickeln das Gefühl, nicht "gut genug" zu sein." Gerade in der Grundschule nimmt die starre Fixierung auf Ziffernnoten groteske Formen an, denn Kinder bewerten dort die Note "Drei" als "schlechte Note".

Wenzel sieht auch in den neuen Übertrittsregelungen keinen Ausweg. Im Gegenteil: "Sobald die Regelungen in Kraft treten werden, wird sich die Übertrittsphase auf dritte und fünfte Klassen ausweiten, viele Schülerinnen und Schüler werden dann unter Dauerstress stehen." Die Notengrenzen bleiben, die Eigenverantwortung wird nicht gestärkt. Lediglich im Fall eines Probeunterrichts reicht ein etwas schlechteres Ergebnis. Als "mutlos und absurd" bezeichnete Wenzel das Konstrukt "Gelenkklasse". Nach dem Übertritt soll nun an der neuen Schulart geprüft werden, ob die bereits vollzogene Entscheidung die richtige war. Stellt sie sich als falsch heraus, soll sie rückgängig gemacht werden. "Ich kann daran weder etwas Neues noch etwas Entlastendes erkennen", erklärte Wenzel. "Bislang war der Übertritt nach der fünften Klasse auch möglich und Kinder wurden von Gymnasium oder Realschule heruntergenommen. Mit dieser Minimalkosmetik wird sich an der belastenden Situation in den Grundschulen nichts verbessern, viele Eltern werden sich mit einer solchen Scheinreform kaum zufrieden geben."


Mehr zum Thema


Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden