Schulbücher: Kaufen statt mieten

(bikl) "Wissen ist käuflich" und "Wertpapier mit garantiertem Gewinn" oder "Eigene Schulbücher wirken schneller" – mit einer großen Plakataktion will der Verband der Schulbuchverleger, VdS Bildungsmedien, derzeit in Hamburg und Niedersachsen Eltern davon überzeugen, Schulbücher für ihre Kinder zu kaufen statt zu mieten. bildungsklick.de fragte den Sprecher des Verbands, Rino Mikulic, warum denn das eigene Schulbuch wirklich so viel besser als das gemietete sein soll.

27.05.2005 Artikel

bikl: Warum startet der VDS Bildungsmedien diese Kampagne?

R.M.: Wir haben ganz konkrete Änderungen in zwei Bundesländern. In Niedersachsen und in Hamburg stehen die Eltern jetzt vor der Situation, dass sie Schulbücher nicht mehr kostenlos von den Schulen ausleihen können, sondern diese entweder selbst kaufen oder mieten müssen. Und wir wollen mit einer pfiffigen, einer provokanten Informationskampagne den Eltern die Überlegung nahe legen, dass man Schulbücher auch kaufen kann.

bikl: Aber warum sollten Eltern das tun?

R.M.: Es gibt sehr harte pädagogisch-didaktische Gründe für das eigene Buch. Jeder, der mit Büchern gearbeitet hat, weiß, dass man sich den Text erst durch das Notizenmachen und durch das Markieren aneignet. Also, dass ich die richtigen Stellen memorieren kann und mir so auch das spätere Nachschlagen erleichtere. Das sind die Vorteile des eigenen Buches, die ich beim Mietbuch - genauso wie beim Ausleihbuch zuvor - nicht habe. Dort ist es strikt verboten, dass Anmerkungen, womöglich sogar Lösungen, im Buch eingetragen werden, weil eben jemand danach kommt, der mit dem gleichen Buch arbeiten soll.
Ein weiteres Argument: Es wird in Hamburg und Niedersachsen jetzt auch landesweite zentrale Abschlussprüfungen geben. Das heißt, die Schulen bekommen zwar bei der Wahl ihres pädagogischen Weges Freiheiten, die Ergebnisse aber werden durch Abschlussprüfungen landesweit abgefragt. Und hier gewährleistet das Schulbuch, dass der Schüler alle Lernstoffe zur Hand hat, um sich auf diese Prüfungen vorzubereiten. Er muss eben auch mit Büchern arbeiten können, die zwei, drei Schuljahre zurückliegen. Und da ist der Vorteil des eigenen Buches ganz offensichtlich, das nicht nach einem halben Jahr oder einem Schuljahr abgegeben werden muss.

bikl: Das heißt, Schüler, die gemietet haben, können später nicht mehr nachschlagen?

R.M.: Die müssen sich im Zweifelsfall die Materialien dann woanders besorgen.

bikl: Mal abgesehen vom Nachschlagen und Notizen machen, ein Argument gegen die Lernmittelfreiheit war doch bislang, dass Schulbücher durchschnittlich neun Jahre lang ausgeliehen wurden und entsprechend veraltet waren. Beim Mietsystem werden die Bücher alle drei Jahre erneuert - das ist doch eigentlich eine positive Entwicklung?

R.M.: Nach drei Jahren ist nicht ganz richtig. Denn im Mietsystem werden die Bücher drei Jahre vermietet und erst im vierten Jahr übereignet. Sie werden also erst nach vier Jahren erneuert. Das ist die Theorie. Bei Mehrjahresbänden ist es so, dass sie erst nach sechs Jahren erneuert werden. Nur: Beim Ausleihsystem gab es auch eine Theorie. Und die hieß, dass nach fünf Jahren erneuert werden soll. Tatsache war, dass nach neun Jahren erneuert wurde. Also darauf würde ich mich nicht verlassen.

bikl: Sie haben in Niedersachsen bereits Erfahrungen mit dem Mietsystem - welche?

R.M.: Das war im letzten Jahr etwas überstürzt eingeführt worden, da hatten die Eltern allerdings nur die Möglichkeit zu sagen: Ich kaufe oder ich miete pauschal - also alles. In diesem Jahr wird es anders sein. Die Eltern können im Regelfall von Schulbuch zu Schulbuch entscheiden, ob sie dieses mieten oder jenes kaufen wollen.

bikl: Viele Eltern, so sagen Sie, könnten sich Schulbücher leisten und sollten das auch tun. Was aber ist mit denen, die diese Ausgaben tatsächlich nicht aufbringen können?

R.M.: Die Eltern und Schüler, die es sich nicht leisten können, sind ja in all diesen Ländern - ob das Niedersachsen oder Hamburg ist - in großem Umfang ausgenommen. Ob das Sozialhilfeempfänger, Wohngeldempfänger, kinderreiche Familien sind, ob das Arbeitslosengeld II Empfänger sind - das ist ein großer Kreis - 20 -25 Prozent der Schüler und Familien - die eigentlich nichts zahlen müssen. Sie bekommen allerdings keine eigenen Schulbücher. Es sei denn, man würde ein anderes System wählen. In Rheinland-Pfalz zum Beispiel arbeiten alle Schüler mit eigenen Schulbüchern. Dort erhalten die Schüler aus sozial schwachen oder kinderreichen Familien so genannte Schulbuchgutscheine, mit denen sie die Bücher selbst in den Buchhandlungen kaufen können. So arbeitet jeder - derjenige, der privat kauft und derjenige, der vom Staat unterstützt wird - mit eigenen Schulbüchern. Das ist eine politische Entscheidung.

bikl: Der Verband hat das, was die Familien für Bildungsmedien ausgeben, mit den Ausgaben für Spielesoftware und Konsolen verglichen. Für letzteres scheint reichlich Geld vorhanden zu sein. Glauben Sie, Familien haben den Ernst der Lage nicht begriffen und setzen mehr auf Unterhaltung denn auf Bildung?

R.M.: Ich glaube schon, dass die Eltern den Ernst der Lage begriffen haben. Wenn man fragt, was man von Schulbüchern hält, dann wird jeder sagen, dass diese Bücher wichtig sind. Es ist aber so, dass man sie als Selbstverständlichkeit betrachtet, man hat sie so in seiner Jugend kennen gelernt. Es ist über Jahrzehnte so gewesen, dass man sie kostenlos bekam. Jetzt beginnt eigentlich erst dieses Umdenken, weil die Bundesländer anfangen, die Lernmittelfreiheit abzuschaffen. Jetzt stehen die Eltern vor dieser Entscheidung: Miete ich diese Bücher, indem ich einfach nur als Kostenträger an die Stelle des Staates trete und selbst keinen Gegenwert mehr bekomme? Oder soll ich die Schulbücher besser selbst kaufen, dann habe ich eigene Bücher, mit denen die Kinder vernünftig arbeiten können? Mieten selbst ist nicht billig. Es kostet 30 bis 40 Prozent des Neupreises.

Weitere Informationen und Hintergrundmaterialien auf der Website der Kampagne:
www.eigenes-schulbuch.de


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