Schule „steht und fällt mit den Lehrkräften“

(bikl) Seit 2003 lockt Jörg Pilawa mit dem PISA-Test in der ARD bis zu acht Millionen Zuschauer vor die Mattscheibe. Jetzt lässt sich das Quizspiel auch unabhängig vom Fernsehen - etwa in trauter Familienrunde – spielen. Zur Frankfurter Buchmesse ist sein Buch zur Sendereihe erschienen. bildungsklick.de sprach mit Jörg Pilawa über das deutsche Bildungssystem nach PISA und ob Fernseh-Sendungen und Bücher auch etwas bewirken können.

22.10.2006 Artikel

Falsch abgebogen


bildungsklick.de: PISA-Test ist eine äußerst erfolgreiche Sendereihe. PISA selbst aber steht eher als Synonym für Schock und Bildungskatastrophe. Wie beurteilen Sie die Ergebnisse der internationalen Vergleichstudien und die Reaktionen in Deutschland?

Pilawa: Nach den PISA-Ergebnissen sind wir ja in eine große Depression verfallen. Ich sehe diese Depression bei meinen Kindern und bei Kindern generell überhaupt nicht. Kinder wollen lernen. Die haben Spaß daran. Wenn ich sehe, wie meine fünfjährige Tochter unbedingt das Lesen lernen will, oder wie mein neunjähriger Sohn Sudoku-Zahlenreihen mit Begeisterung löst, obwohl ich sie nicht dazu genötigt habe, frage ich mich: Warum klappt das in der Schule nicht? Da sind wir Deutschen in der Bildung in den letzten Jahren ein paar Mal falsch abgebogen.

Länger gemeinsam lernen


bildungsklick.de: Wo hätten Sie einen anderen Weg gewählt?

Pilawa: Ich glaube, wir müssen das Schulsystem in Deutschland grundlegend ändern. Ich halte überhaupt nichts davon, das Fallbeil der Entscheidung nach der vierten Klasse hinabrasen zu lassen und zu sagen: Du bist Abiturient und du bist zukünftiger Haupt- und Realschüler. In den Ländern, die wirklich gut abgeschnitten haben, in Finnland und Kanada zum Beispiel, lernen alle Schüler von der ersten bis zur neunten Klasse gemeinsam. Sie lernen soziale Kompetenz, sie lernen damit umzugehen, dass es schwächere Schüler gibt und dass es stärkere Schüler gibt. Sie helfen sich gegenseitig. Und nach neun Jahren kann man dann die Entscheidung treffen, aber bitte nicht nach vier Jahren. Ich halte das für völlig falsch.

bildungsklick.de: Die Politik sieht das aber beinahe unisono anders. Über Schulstruktur möchte man dort gegenwärtig gar nicht mehr diskutieren. Ist es denn nicht an der Zeit, dass andere aktiv werden?

Pilawa: Genau. Wir reden derzeit im Prominentenumfeld darüber und denken daran, so etwas wie ein „außerparlamentarisches Parlament“ zu konstruieren, bei dem es ganz stark um Bildungspolitik geht – aber auch zum Beispiel um die Gesundheitsreform. Es gibt ja positive Ansätze in unserem Land, aber die Politik erstickt sie im Keim. Wir sammeln momentan. Ich denke, dass wir im Frühjahr nächsten Jahres wesentlich weiter sein werden.

Schieflage


bildungsklick.de: Haben sie noch andere Vorschläge für die Bildungspolitiker?

Pilawa: Ja. Es gibt zum Beispiel eine Schieflage bei uns in der Wahrnehmung des Lehrerberufs. Die entscheidendsten Jahre sind doch die Grundschuljahre. Wenn ich aber sehe, was eine Grundschullehrerin leisten muss: Sie muss mit einer enormen Geräuschkulisse von 9 bis 13 Uhr Konflikte schlichten, Klassengemeinschaften aufbauen und vieles mehr. Und wenn ich das dann vergleiche mit einem Lehrer in der Sekundarstufe II, der vielleicht Geografie und Sport unterrichtet und der fast das Doppelte verdient und gesellschaftlich wesentlich besser angesehen ist als eine Grundschullehrerin – dann kann ich nur eine deutliche Schieflage in unserem System feststellen. Deswegen gibt es ja auch keine Männer an der Grundschule.

Das Interesse ist da


bildungsklick.de: Mal abgesehen vom „außerparlamentarischen Parlament“, glauben Sie, dass Sie auch mit dem Quiz etwas bewegen können, vielleicht das Interesse an Bildung und Lernen fördern?

Pilawa: Ich glaube, wir bewegen schon etwas. Wir zeigen in dieser Sendung, dass Bildung und Lernen Spaß machen. Man kann lachen und man kann auch dazu stehen, etwas nicht zu wissen. Das tägliche Quiz zum Beispiel läuft jetzt seit sechs Jahren. Jeden Tag um 19.20 Uhr gucken vier, fünf Millionen Menschen zu. Das heißt, das Interesse ist auf jeden Fall da.

bildungsklick.de: Und deswegen gibt es den PISA-Test jetzt auch als Buch?

Pilawa: Wir hatten nach den Sendungen unheimlich viele Nachfragen. Das Buch zu machen war die logische Konsequenz. Ich kann mir gut vorstellen, dass Eltern mit ihren Kindern zu Hause die eine oder andere Frage nachspielen oder auch einen Wettstreit daraus machen.

bildungsklick.de: Also Trivial Persuit als Buch?

Pilawa: Nicht ganz. Denn der Unterschied ist, dass bei Trivial Persuit oder anderen Spielen dieser Art Wissen abgefragt wird, PISA hat ja einen anderen Ansatz. Es geht darum, Gelerntes im Alltag anzuwenden. Es geht um Alltagsfragen, die einem täglich begegnen können …

bildungsklick.de: … und für die man in der Schule das passende Handwerkszeug bekommen sollte. War das bei Ihnen so und sind Sie gern zur Schule gegangen?

Pilawa: In der Grundschule habe ich die beste Lehrerin gehabt, die man sich vorstellen kann. Ich habe meine Lehrerin geliebt. Es war eine moderne, junge Lehrerin, die mich zu nehmen wusste als Typ, die die Klasse führen konnte und ich glaube ich kann für meine Klassenkameraden in der Grundschule sprechen: Alle sind gern zur Schule gegangen. Auf dem Gymnasium habe ich ein Martyrium von der 5. bis zum Ende der 11. Klasse erlebt. Ich habe mich gequält. Es war grauenhaft. Ich bin mit den Lehrern nicht klar gekommen, ich bin mit der Schule nicht klargekommen, ich bin immer gerade so in die nächste Klasse gerutscht. Zur 12. Klasse habe ich dann die Schule gewechselt. Ich habe dort zwei total tolle Abiturjahrgänge mit phantatstischen Lehrern erlebt und danach ein gutes Abitur gebaut – deswegen weiß ich aus eigener Erfahrung: Es steht und fällt mit den Lehrkräften.

Mehr zum neuen Buch von Jörg Pilawa auf lernklick.de


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