Lehrerverband

Schulen sollten neue Wege gehen dürfen

Das Lernen an Schulen muss neu definiert werden. Schüler und Lehrkräfte müssen anders arbeiten dürfen. "Pädagogen wissen genau, wo es hakt. Sie stoßen im bayerischen Schulsystem immer wieder an vorgegebene Grenzen", erklärte der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, bei der 52. Landesdelegiertenversammlung in Würzburg.

03.06.2011 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

Der vorgelegte Leitantrag "Aufbrechen! Lernen im 21. Jahrhundert", er wurde von rund 500 Bildungsexperten aus ganz Bayern nach eingehender Beratung mit überwältigender Mehrheit verabschiedet, sei richtungsweisend für die bayerische Schul- und Bildungspolitik. Wenzel forderte die Staatsregierung auf, den Schulen Wege zu eröffnen, die neues Lernen ermöglichten. "Lehrkräfte wissen, was gute Schulen ausmacht, sie wissen aber auch, dass sie dieses Wissen nicht so umsetzen können, wie sie es gerne tun würden." Schulen müssten sich zu sehr nach an den Vorstellungen der Politik orientieren und könnten zu wenig nach ihrer Profession handeln. "Neues Lernen zu etablieren kann nur gelingen, wenn Schulen die dafür nötige Freiheit bekommen. Im Zentrum des neuen Lernbegriffs stehen individuelle Förderung und längeres gemeinsames Lernen."

Aus Sicht des BLLV ist der Lehrer der Zukunft kein Be-lehrer, sondern Lernberater oder Coach - und er stellt den Schüler mit all seinen Bedürfnissen in den Mittelpunkt. Er kann Grundsätze eines modernen Unterrichts leben und ist befreit von einem System, das auf Bewertungen, Punkten, Noten und Berechtigungen ausgerichtet ist. Er kann Lernbegleiter sein, Kinder individuell fördern, Lernfortschritte anerkennen, im Team arbeiten, in der Ganztagsschule seinen Arbeitsplatz gestalten und er kann Netzwerke nutzen. Er ist gestärkt in seiner diagnostischen Kompetenz und in der Gestaltung anspruchsvoller Lehr- und Lernumgebungen. Er kann dem Lernenden die Werkzeuge liefern, die er braucht und leistet Hilfestellung. In den Schulen der Zukunft werden verschiedene Professionen und Kompetenzen gebündelt, Schüler und Lehrer unterstützt: Es gibt Schulsozialarbeiter, Beratungsfachkräfte, Schulpsychologen, Alternative Schulische Angebote (ASA), Förderlehrer, Psychotherapeuten und Ergotherapeuten, Logopäden, Heilpädagogen und weitere Experten. Ihre Aufgabe ist es, auf die individuellen Bedürfnisse der Schüler einzugehen und die jeweilige Lehrkraft professionell zu begleiten. Die Zusatzangebote haben keinen Exotenstatus, sie sind vielmehr selbstverständlicher und verlässlicher Bestandteil jeder Schule.

"Leider sind wir vom Idealfall noch weit entfernt", stellte Wenzel fest. "Um ihn zu erreichen, müssen bestehende Strukturen aufgebrochen werden", betonte er. Notwendig seien Veränderungen in allen drei Phasen der Lehrerbildung sowie die Etablierung einer Förderkultur, bei der Lehrpläne durch kompetenzorientierte Standards ersetzt und Schüler-Relationen effektiv gestalten werden. "Schulen brauchen mehr Unabhängigkeit und sollten in erweiterter Verantwortung agieren dürfen. Sie müssen in die Lage versetzt werden, die Inklusionsidee umzusetzen, dezentralisierte Bildungsangebote und Heterogenität anzuerkennen, ausreichend Lehrerstunden bereit stellen zu können und Formen des längeren gemeinsamen Lernens zu ermöglichen."

"Wir wissen längst, dass diese Kriterien gute Schulen ausmachen und es stellt sich die Frage, warum sie in der Schulrealität nicht umgesetzt werden dürfen", so der BLLV-Präsident. Derzeit seien individualisierte und differenzierte Lernarrangements das ´Sahnehäubchen´ und ´nette Beiwerk", nicht aber Realität in jeder Unterrichtsstunde - genau das aber sollten sie sein." Stattdessen müssten Lehrerinnen und Lehrer mit eng gestrickten Vorgaben zu Recht kommen, die modernen Unterricht erschweren.

Es hilft einem Kind wenig, wenn es vom Lehrer für seine Plakatarbeit gelobt wird, dann aber doch nur die Note aus der Schulaufgabe zählt. Es hilft einem Kind auch nicht, wenn es in der Förderstunde unterstützt wird, dann aber die gleichen Proben wie die anderen Kinder schreiben muss. Pädagogen wissen auch, wie wertvoll Methodenwechsel im Unterricht ist und setzen ihn bewusst ein. Sie stoßen aber an Grenzen, wenn sie in vierten Grundschulklassen eine Projektwoche "Kunst" abhalten wollen. Gruppenarbeiten können auch schlecht präsentiert werden, wenn dafür nur zwei Unterrichtsstunden pro Woche vorgesehen sind. Lehrkräfte finden auch nicht die Zeit, für die Präsentation der Referate einzelner Schülergruppen. Zwar fixiert der Lehrplan die Methode als übergreifendes Lernziel, die Fülle des Stoffes lässt hierfür aber wenig Spielraum.

Im BLLV-Leitantrag wird festgestellt, dass Unterricht nur dann verändert und "aufgebrochen" werden kann, wenn sich einerseits die Lehrer auf den Weg machen. "Das tun sie und können sie." Andererseits aber könnten Lernarrangements nur so gut sein, wie das System es zulässt. "Ein auf Sortieren ausgelegtes System lässt jede Form des modernen Lernens scheitern." Der BLLV fordert deshalb, Formen längeren gemeinsamen Lernens zuzulassen und in diesen aufzuzeigen, wie fruchtbar Lernen in heterogenen Lerngruppen sein kann.

Der vollständige Leitantrag ist unter www.bllv.de zu finden


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