Software gegen Mobbing und Gewalt
(bikl) Mobbing und Gewalt unter Schulkindern sind nicht nur ein deutsches Phänomen. Deswegen haben sich. Forscher aus Deutschland, Großbritannien, Portugal und Italien nun gemeinsam das Ziel gesetzt, durch die Entwicklung einer computerbasierten Lern- und Spielumgebung Kindern ihnen Strategien an die Hand zu geben, um sich erfolgreich gegen Mobbing oder Gewalt zur Wehr zu setzen.
19.05.2006 ArtikelVirtueller Klassenverband
In dem von der Europäischen Union geförderten Projekt e-Circus (Education Through Characters With Emotional-Intelligence And Roleplaying Capabilities That Understand Social Interaction) soll emotionales und soziales Lernen durch interaktives Rollenspiel unterstützt werden. Dazu wird eine virtuelle Schulklasse mit künstlichen Charakteren simuliert, die je nach Lernszenario, das üblicherweise ein geschulter Lehrer auswählt, unterschiedliche Rollen einnehmen können. Da gibt es den Täter, der die Attacken anzettelt und dabei oft von Gleichgesinnten unterstützt wird. Virtuelle Zuschauer beobachten das Geschehen, ohne etwas dagegen zu unternehmen, und machen sich sogar noch über das Opfer lustig. Es kann jedoch auch vorkommen, dass sich ein virtueller Mitschüler heldenhaft auf die Seite des Opfers stellt. Innerhalb dieses virtuellen Klassenverbands hat das Kind die Möglichkeit, das Problem des Mobbings aus unterschiedlichen Perspektiven zu erleben und Problemlösungsstrategien in einer sicheren Umgebung auszuprobieren.
Herausforderung an Software
Das Informatikerteam der Universität Augsburg unter Leitung von Prof. Dr. Elisabeth André ist innerhalb des Projekts für die Entwicklung natürlicher Formen der Interaktion mit dem Computer verantwortlich, die es dem Kind erlauben, sowohl als Beobachter als auch als Akteur am Geschehen teilzunehmen. So kann das Kind dem virtuellen Opfer beispielsweise Ratschläge geben oder Trost spenden und so den weiteren Ablauf einer Geschichte aktiv beeinflussen. Dabei ist das Verhalten der Charaktere nicht von vornherein festgelegt, sondern wird dynamisch in Echtzeit generiert. Damit ergeben sich immer wieder neue Situationen im virtuellen Klassenraum. So wird der Ratschlag des Kindes nicht zwangsläufig angenommen. Ebenso wenig ist sicher, ob die Befolgung des Ratschlags tatsächlich zum Erfolg führt. Die Herausforderung für das Computersystem besteht darin, aus der Vielzahl an Varianten nur die Fortsetzungen der Geschichte zuzulassen, die tatsächlich zum pädagogischen Ziel beitragen.
PC „versteht“ Kinder
Neben der Simulation von Mobbing durch körperliche Gewalt interessiert die Augsburger Forscher, wie sich psychisches Mobbing, das sich beispielsweise durch Ausgrenzung aus der Klassengemeinschaft oder Lästern hinter dem Rücken äußert, in einer virtuellen Welt realisieren lässt. Dazu werden die virtuellen Charaktere mit einem kommunikativen Verhalten ausgestattet, das auf der Analyse typischer Gesprächsmuster von Kindern beruht. Auf Maus und Tastatur will das Forscherteam bei der Interaktion völlig verzichten. Stattdessen soll den virtuellen Charakteren mit Hilfe von Methoden des maschinellen Lernens beigebracht werden, spontan geäußerte Sprache und Gestik von Kindern zu verstehen.
Tests in deutschen und englischen Schulen
Das Computerspiel wird von Psychologen und Pädagogen als möglicher Baustein eines pädagogischen Gesamtkonzepts in deutschen und in britischen Schulen getestet. Nach einer gründlichen Evaluation des Beitrags zum emotionalen und sozialen Lernen wird die Software Schulen kostenlos in deutscher und englischer Sprache zur Verfügung stehen. Neben der Übertragung in mehrere Sprachen soll auch das Erscheinungsbild und Verhaltensweisen der künstlichen Charaktere an kulturspezifische Eigenheiten angepasst werden. So werden britische Schülerinnen und Schüler im virtuellen Klassenraum im Gegensatz zu deutschen mit Charakteren in Schuluniform interagieren.
Interdisziplinär
An dem von der Europäischen Union geförderten interdisziplinären Forschungsvorhaben wirken Informatiker, Psychologen, Pädagogen und Mediengestalter aus vier europäischen Ländern mit. Neben drei bayerischen Universitäten (Augsburg - Professorin Elisabeth André, Bamberg - Professor Harald Schaub und Würzburg - Prof. Dr. Wolfgang Schneider) sind Universitäten, Forschungsinstitute und Softwarefirmen aus Großbritannien, Portugal und Italien an dem Großprojekt beteiligt. Koordiniert wird das Projekt von der Heriot-Watt University in Edinburgh (Prof. Dr. Ruth Aylett).
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