Startschuss für ABC-Schützen: Wie Grundschüler Lesen und Schreiben lernen

Das neue Schuljahr rückt näher: Für die Erstklässler öffnet sich damit das Tor zum Lesen und Schreiben, der Basis jeder Schullaufbahn. Schritt für Schritt erfahren sie, was sich hinter den seltsamen Zeichen, "Buchstaben" genannt, verbirgt. Wie geht das Lesen- und Schreibenlernen in der Grundschule vor sich, welche unterschiedlichen Methoden gibt es und auf was können Eltern achten? Einige Fragen an Nicole Namour, Expertin der Cornelsen Schulverlage für den Bereich Erstlesen.

05.08.2011 Pressemeldung Cornelsen Verlag GmbH

Wie erfolgt denn der Schriftspracherwerb in den ersten Grundschulklassen?

Nicole Namour: In den ersten Klassen lernen die Kinder, wie die verschiedenen Buchstaben und Grapheme des Alphabets aussehen, welcher Laut durch welches Zeichen repräsentiert wird und wie man dieses Zeichen schreibt. Lesen ist ein höchst komplexer Prozess, bei dem zunächst bewusst gesucht und irgendwann unbewusst konstruiert wird. Es geht immer darum, den Zeichen einen Laut zuzuordnen bzw. den Wörtern – später dem Text – Bedeutung und Sinn zu entnehmen.

Bis zum souveränen Lesen durchlaufen Kinder verschiedene Phasen, wobei die Übergänge hier fließend sind. Am Anfang orientieren sie sich an einzelnen Buchstaben, Wörtern und Wortbedeutungen, die in ihrer Fibel vorkommen. Begleitende Erzählbilder sind als Unterstützung sehr wichtig. Kennen die Kinder bereits eine Reihe von Lauten und dazugehörigen Buchstaben, dann beginnen sie irgendwann, diese eigenständig zu Silben und Wörtern zu verbinden. Sie "erlesen" sich auch schon unbekannte Wörter, stolpern manchmal noch bei ähnlichen Lauten und Silben, besonders bei aneinandergereihten Konsonanten. In der nächsten Phase sollten die Kinder dann größere Einheiten lesen, die aus mehreren Silben oder gar mehreren Wörtern bestehen, wie z. B. die "Groß-eltern". Nach und nach gelingt das Lesen dann immer schneller, viele Wörter werden bereits ganzheitlich erfasst und erkannt, kleine Sätze sinnerfassend erlesen. Der Weg führt dann hin zu größeren Bedeutungszusammenhängen: Die Kinder stellen Bezüge zwischen den Sätzen her, verbinden diese zu Sinneinheiten und erschließen sich so nach und nach die Bedeutung eines ganzen Textes.

Was das Schreiben anbelangt, so wird immer häufiger die Druckschrift als Erstschrift eingeführt. Die Druckschrift entspricht nicht nur der Leseschrift, sie gibt, aufgrund der klaren Buchstabengrenzen, bereits die entscheidenden Hinweise auf die Laut-Buchstaben-Zuordnung und ist schreibmotorisch wesentlich leichter zu bewältigen. Es folgen alternativ unterschiedliche Schreibschriften: die "Lateinische Ausgangsschrift", die "Vereinfachte Ausgangsschrift" oder die "Schulausgangsschrift". Die letzten beiden werden besonders häufig verwendet.

Welche Basis brauchen die Kinder zum Lesen- und Schreibenlernen?

Nicole Namour: Zum erfolgreichen Lesenlernen tragen viele Fertigkeiten bei, die parallel zum Leselehrgang geschult werden können. Sehr wichtig ist das genaue Abhören und Erkennen von Lauten bzw. Lauteinheiten: Die Kinder müssen einzelne Laute erkennen und verstehen, aus welchen Lauten sich eine Silbe oder ein Wort zusammensetzen. Hierfür gibt es z. B. Aufgaben zum Analysieren von Anlauten, Reimübungen oder Aufgaben, die mit gleichen Anfangssilben spielen. Das Gliedern von Wörtern in Silben kann durch Klatschspiele oder das Schwingen von Silben unterstützt werden. Die Trennung der Silben in der Schrift entspricht dabei aber nicht immer dem Sprachrhythmus: Die Kinder müssen daher auch üben, "Schreibsilben" visuell zu erkennen und zu trennen, z. B. Son-ne, En-gel.

Wer Buchstaben auseinanderhalten will, muss ohnehin das genaue Hinsehen trainieren: Dabei helfen Aufgaben, die optische Unterschiede, Abweichungen oder Fehler suchen lassen.

Für das Schreiben spielt außerdem die Feinmotorik eine große Rolle. Die Erstklässler üben daher ihre Geschicklichkeit z. B. mit Mal- und Nachspuraufgaben, durch Ausschneiden und Einkleben.

Und mit welchen Methoden wird Lesen und Schreiben gelernt?

Nicole Namour: Ans Lesen und Schreiben führen Fibeln und andere Arbeitsmaterialien heran. Es gibt unterschiedliche Ansätze und Methoden, für die sich die Lehrerinnen und Lehrer entscheiden.

Ein Vorgehen ist das "analytisch-synthetische". Analytisch-synthetische Leselehrgänge geben in der Regel eine bestimmte Buchstabenreihenfolge vor, nach der systematisch gelernt wird. Die Kinder lernen zunächst die Buchstaben, die am häufigsten vorkommen. Dazu gehören die u. a. die Vokale a, i, o sowie die Konsonanten n und m. "Nina" wäre dann z. B. ein erstes Wort, in dem die neu gelernten Buchstaben auftauchen. Jedes neue Wort wird lautlich analysiert und dann synthetisiert, das heißt, die Einzellaute werden wieder zu einem Wortklangbild zusammengefügt. Manche Fibeln konzentrieren sich darüber hinaus stark auf Silben als Leseunterstützung, beispielsweise die Jo-Jo-Fibel.

Thematische Zusammenhänge sind in allen Fibeln wichtig: Die Kinder bekommen dadurch inhaltliche Anhaltspunkte und werden zum Entdecken und Geschichtenverfassen angeregt. Eine wichtige Rolle spielen Identifikationsfiguren, wie etwa Mimi, die Lesemaus. Die Tobi-Fibel ist zum Beispiel angelegt wie ein Kinderbuch, mit Handlungssträngen und Sympathieträgern, die kleine Abenteuer erleben. Eine wichtige Rolle spielen auch Handpuppen, die motivieren und emotional ansprechen – viele Eltern werden sich noch an ihre eigenen erinnern.

Neben dem systematischen Vorgehen gibt es auch Ansätze, nach denen Kinder ohne feste Buchstabenfolge mit einer Anlauttabelle lernen. Mit dem Lehrwerk TINTO beispielsweise nähern sich die Kinder dem Lesen durch Schreiben. Sie ordnen den Lauten mithilfe eines "Buchstabenhauses" selbstständig die passenden Zeichen zu und führen auch hier die begleitenden Übungen zu Silben, zum Hören oder zur Wortschatzerweiterung aus. In welcher Reihenfolge das passiert, entscheiden die Kinder selbst: So lernen sie früh, Wörter zu schreiben, die ihnen wichtig sind.

Eltern fühlen sich oftmals verunsichert, wenn sie zum ersten Mal mit dem Ansatz "Lesen durch Schreiben" konfrontiert werden. Doch diese Methode basiert auf neuesten Erkenntnissen und wird von den Lehrerinnen sorgfältig betreut. Prinzipiell gibt es eine Bewegung hin zur Verbindung unterschiedlicher Ansätze, da dies der Verschiedenheit der Kinder gerecht wird. So enthalten beispielsweise inzwischen auch alle systematisch aufgebauten Fibeln Anlauttabellen.

Darüber hinaus ist es besonders hilfreich und motivierend, wenn die Schule auf die Vorerfahrungen der Kinder eingeht und von Beginn an eine Lese- und Schreibkultur aufbaut, beispielsweise durch Bücherecken, regelmäßige Buchvorstellungen oder die Einrichtung eines Klassenbriefkastens.

Was können Eltern tun, damit ihre Kinder Freude am Lesen finden?

Nicole Namour: Kinder werden zu kleinen Leserinnen und Lesern, wenn sie früh mit lesenden Erwachsenen in Berührung kommen. Eltern sollten ihren Kindern deshalb sooft wie möglich vorlesen. So entwickeln schon die Kleinsten einen Bezug zu Büchern und anderen Medien und verstehen, dass es darin etwas zu entdecken gibt. Die Neugier auf den Ausgang einer spannenden Geschichte, auf den Inhalt eines Briefes oder einfach die Freude an lustigen Figuren wecken den Wunsch, möglichst bald auch selbstständig sinnerfassend lesen zu können. Ein Leseheft oder ein Lese-Mal-Heft für die Schultüte sind außerdem schöne Anreize für Erstklässler.

Die Cornelsen Schulverlage bündeln die Verlage Cornelsen, Cornelsen Experimenta, Duden Schulbuch, Oldenbourg Schulbuchverlag, Brigg Pädagogik, Bayerischer Schulbuch Verlag, bsv/Patmos, Verlag an der Ruhr, Volk und Wissen sowie die Sauerländer Verlage AG, Veritas und Fraus.

Ansprechpartner

Cornelsen Verlag GmbH
Irina Groh
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Mecklenburgische Str. 53
14197 Berlin
Telefon: +49 30 897 85-563
Fax: +49 30 897 85-97-563
E-Mail: Irina.Groh@cornelsen.de
Web: www.cornelsen.de/presse


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