Kritik

"Thüringer Bildungsministerium schafft Bildung ab"

Ein Kommentar des Jungen tlv zum geplanten Beschluss der automatischen Versetzung für die Klassen 4 bis 8.

22.01.2021 Thüringen Pressemeldung thüringer lehrerverband
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Heimlich, still und leise will am heutigen Tag das Thüringer Bildungsministerium den letzten Federstrich unter die Abschaffung des Sitzenbleibens setzen. Damit übergeht das TMBJS die seit Jahren geäußerte Forderung nach der Ermöglichung eine Wiederholung, wenn die entsprechenden schulischen Leistungen nicht erbracht wurden. Stattdessen „rücken die Schüler der Klassenstufen 4, 6 und 8 in die nächsthöhere Klassenstufe auf.“ (§ 16, Erste Verordnung zur Änderung der Thüringer Verordnung zur Abmilderung der Folgen der Corona-Pandemie im Schulbereich), was sie laut aktueller Schulordnung auch schon in Klasse 5 und 7 tun.

Nicht zuletzt seit der Änderung der Thüringer Schulordnung kritisieren wir als tlv thüringer lehrerverband die automatische Versetzung in Klassenstufe 5 und 7 sowie die automatische Versetzung an Thüringer Gemeinschaftsschulen bis Klasse 8. Bereits im November 2019 übergaben wir dem Bildungsministerium einen Stapel Postkarten, die wir anlässlich des Weltlehrertages gesammelt hatten, mit den zahlreichen Wünschen, die automatische Versetzung endlich abzuschaffen.

Jetzt soll auch noch in allen anderen Jahrgangsstufen die Versetzungsentscheidung wegfallen.
Im Rahmen des für den heutigen Tag angesetzten Bildungsausschusses ist eine Mitsprache von Eltern-, Schüler- und Lehrervertretungen nicht vorgesehen, sodass es in der aktuellen Interims-Phase dem Bildungsministerium zu gelingen droht, die Stimmen der unmittelbar von der Entscheidung Betroffenen zu übergehen und dies, so laut Rolf Busch, Landesvorsitzender des tlv thüringer lehrerverband, „unter dem Deckmantel der Pandemie festzulegen“.

Doch was sind die Folgen? 

  • Wie kann Bildung fair sein, wenn Kinder, die die Grundlagen aus den vorherigen Schuljahren nicht beherrschen, überfordert sind und keine Chance auf Anschluss erhalten, weil sie pflichtversetzt wurden?
  • Auf Basis nicht veränderter Lehrpläne werden vermittelte Themen von manchen Schülerinnen und Schülern nicht verstanden, wodurch die Erfolgsaussichten und die Lernmotivation drastisch abnehmen.
  • Richten sich Abschlussprüfungen künftig nach dem Lehrplan und nach dem, was vermittelt wurde, oder nach den kognitiven Leistungen der Schüler und deren möglichen Lücken? Hier ist mit einer drastischen Klagewelle zu rechnen, wenn kein stabiles Bildungsfundament für alle Schülerinnen und Schüler gelegt wird.
  • Künftige Studierende und Auszubildende werden deutliche Bildungslücken aufzeigen, weil ihnen Lerninhalte fehlen, die Grundlagen für ein Abschlusszeugnis und Voraussetzung für den weiteren Bildungsweg hätten sein sollen.
  • Kinder verlernen, Leistungen zu erbringen, da sie durch die neue Regelung nicht mehr lernen sollen, sich und ihr Erbrachtes zu reflektieren und an ihren Erfahrungen zu wachsen.

Mit der Corona-Versetzung wird aber auch dem Wunsch der Thüringer Lehrerinnen und Lehrer widersprochen, dass ihre Schüler in jedem Schuljahr die Chance auf eine leistungsbezogene Wiederholung bekommen: Über 1000 Lehrer sprachen sich bereits in einer vom tlv beauftragten Umfrage im Dezember 2019 dafür aus.
Und auch letzte Woche forderte der tlv dazu auf, dass eher darüber nachgedacht werden soll, denjenigen Schülerinnen und Schülern, die durch die aktuelle Krise den Anschluss verloren haben, das Angebot zu unterbreiten, ausschließlich in diesem Schuljahr einmal mehr auf eine freiwillige Wiederholung des Schuljahres zurückgreifen zu können (ggf. auch zum Halbjahr), als es in der aktuellen Schulordnung festgeschrieben ist (s. Kommentar: Das TMBJS gesteht eigenes Versagen ein).  Es bringt einem Schüler keinen Bildungserfolg, wenn er thematisch in Klasse 6 stehengeblieben ist und die Abschlussaufgaben in Klasse 9 nicht lösen kann.

Nur durch eine weitere mögliche Wiederholung, die nicht angerechnet wird, kann es gelingen, auf den Bildungszug aufzuspringen, den Teile der Schülerschaft aufgrund der bisherigen massiven Versäumnisse des Thüringer Bildungsministeriums während der Pandemie verpasst haben. Nur durch zuverlässig erworbene und gefestigte Grundlagen sind ein erfolgreicher Aufstieg und die Bewältigung einer aussichtsreichen Schullaufbahn möglich. Ein Beschluss wie der für heute vorgesehene jedoch dient in erster Linie der Vertuschung der eigenen Fehler.


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