Philologenverband

Turboabitur retten um jeden Preis?

Als letzten verzweifelten Versuch, das G8 in den alten Bundesländern zu retten, hat der DPhV-Vorsitzende Heinz-Peter Meidinger den [Aufruf](http://www.dipf.de/de/dipf-aktuell/pdf-aktuelles/AufrufG8Endfassung090614.pdf) von Hochschulprofessoren, Arbeitgeberfunktionären, GEW-Vorstandsmitgliedern und ehemaligen Schulsenatoren kritisiert. Darin wird der Vorschlag gemacht, den Nachmittagsunterricht im achtjährigen Gymnasium weiter zu reduzieren und die bisherige Mindestgrenze von 265 Jahreswochenstunden von der 5. Klasse bis zum Abitur durch die Kultusministerkonferenz aufheben zu lassen.

10.06.2014 Pressemeldung Deutscher Philologenverband (DPhV)

"Auch wenn man Quantität nicht 1:1 mit Qualität gleichsetzen kann, erinnere ich daran, dass bereits durch die Gymnasialzeitverkürzung rund 15 - 20 Jahreswochenstunden insbesondere in den Kernfächern Mathematik, Fremdsprachen und Deutsch gestrichen worden sind. Schon heute zählt Deutschland zu den drei Ländern unter den Industriestaaten der OECD, die ihren Schülern bis zum Abitur den wenigsten Unterricht bieten, nämlich rund 9.400 Vollzeitstunden gegenüber einem OECD-Mittel von 11.500 Vollzeitstunden. PISA-Begleituntersuchungen haben gezeigt, dass Beschulungsdauer und Kompetenzerwerb sehr wohl in einem Zusammenhang stehen", betonte der Verbandschef.

Meidinger erinnerte daran, dass bereits gemäß der derzeitigen KMK-Vereinbarung 5 Stunden Wahlunterricht auf die 265 Stunden angerechnet werden können, nach einer erneuten Kürzung blieben dann nur noch 255 Stunden übrig, da sei man nicht mehr weit von der alten Halbtagsschule entfernt. Er nannte es irritierend, dass einige der unterzeichnenden Bildungsexperten bei der G8/G9-Anhörung in Bayern vor einer Woche noch die These vertreten hätten, G8 funktioniere nur als Ganztagsschule, während sie nun wenige Tage später einer Rückkehr zur Halbtagsschule zumindest in der Unter- und Mittelstufe das Wort redeten.

Leider zeige der Aufruf, dass nicht wenige G8-Befürworter bereit seien, im Zweifel auch an der Qualität zu kürzen, um eine Rückkehr zu G9 zu verhindern. Falls der Vorschlag der "G8-Retter" Wirklichkeit werden sollte, gebe es eigentlich nur eine Gewinnergruppe, das seien die Landesfinanzminister, die dadurch weitere Lehrerstellen abbauen könnten. Verlierer seien die Eltern, deren 80-prozentiger Wunsch nach G9 weiter ignoriert werde, und die Gymnasialschüler, deren Abitur dann weniger wert sei, weil hinter der Studienberechtigung immer weniger eine Studienbefähigung stehe. "Ich werde den Eindruck nicht los, dass ein Teil der Aufrufunterzeichner sich vom Abitur als Hochschulzugangsberechtigung schon verabschiedet hat und allein auf Hochschuleingangsprüfungen setzt. Mehr Bildungsgerechtigkeit und Vergleichbarkeit wird es dadurch nicht geben", ergänzte Meidinger.

Der DPhV-Vorsitzende räumte ein, dass es in der Frage der Schulzeit kein Patentrezept gebe, das sich auf alle Bundesländer komplett übertragen ließe. Deshalb gehe aber auch der Aufruf der Turboabitur-Anhänger fehl, der sich bedingungslos an das G8 klammere. "Grundsätzlich gilt: Wenn man einen Fehler als Fehler erkannt hat, ist es besser, ihn zu korrigieren, auch wenn das einen erneuten Aufwand erfordert, als an ihm um der Kontinuität willen festzuhalten!", sagte Meidinger.


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden