Bayern

Übertrittsdruck nimmt groteske Formen an

Medienführerschein, Geldunterricht, Verbrauchererziehung, Werteerziehung und soziales Lernen - Grundschulen werden für alles zuständig gemacht, die zusätzlichen Aufgaben immer mehr ausgedehnt. Völlig unter geht allerdings, dass es an Grundschulen keinerlei Spielraum für diese Extras gibt: "Der Aktionismus kennt keine Grenzen", kritisierte der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, heute in München.

30.11.2010 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

"So wünschenswert und sinnvoll die eine oder andere Idee auch erscheint, in der Schulwirklichkeit hat sie keinen Platz. Grundschullehrer und -schüler befinden sich in einem zu starren Korsett. Was zählt, vor allem in den dritten und vierten Klassen, sind justiziable Leistungserhebungen, exakte Bewertungsschlüssel und jederzeit vergleichbare Bedingungen. Was für viele Eltern immer wichtiger wird, halten Lehrkräfte für den Untergang der Pädagogik." Die Grundschulreform und der scheinbar begabungsgerechte Übertritt - beides innovative Ideen des Kultusministers - hätten die Situation weiter verschärft.

Die Fixierung von Probe- und Lernphasen hat den Grundschullehrern/innen jegliche Freiheit in der Unterrichtsgestaltung genommen. "Wer heute an eine Grundschule geht und sich anhört, was sich in den Klassenzimmern abspielt, ist geschockt oder glaubt es nicht. Hier gehen vor unseren Augen Kinder und Lehrer kaputt.", sagte Wenzel. Zur Lernbulimie komme nun die Lehr-Bulimie: "Gelehrt wird nicht mehr, was die Kinder interessiert, sondern nur noch das, was zielführend für die Probe ist."

Der BLLV-Präsident besuchte in jüngster Zeit etliche bayerische Grundschulen, um sich mit Lehrkräften auszutauschen. Er forderte den Kultusminister auf, dasselbe zu machen: "Wenn er hört, was an den Grundschulen tatsächlich los ist und wie sehr Kinder, ja ganze Familien und Lehrer unter dem Leistungsdruck leiden, muss er handeln." Es stelle sich für ihn immer öfter die Frage, ob Staatsregierung und Kultusministerium die Schulwirklichkeit nicht kennen oder nicht zur Kenntnis nehmen wollen, so Wenzel. "Egal, welche Grundschule ich besuche, ich höre von verstörenden Tatsachen: die Lehrkräfte fühlen sich allein gelassen, bevormundet und gezwungen, Kinder nur noch auf Prüfungen zu trimmen." Sie berichteten von der Schere, die sich immer weiter auftut:

"Es gibt die Kinder, die Eltern im Rücken haben, die ihnen helfen. Die schaffen in der Regel auch den Übertritt auf ein Gymnasium. Die Kinder, die alleine sind, und deren Eltern nicht bereit stehen, schaffen es dagegen in aller Regel nicht." Es sei "Wahnsinn", was sich in vielen Familien abspielt. Eine Lehrerin meinte sogar, dass sie manchmal denke, den Kindern gehe es im Unterricht noch vergleichsweise gut, die Hölle hätten sie zu Hause: "Üben, Nachhilfe, Pauken bis spät in den Abend hinein und keine Zeit für Hobbys." Die Note drei führe zu Nervenzusammenbrüchen bei neunjährigen Kindern. Eine andere Lehrerin berichtete von einem Kind, das die ganzen Sommerferien geweint hat, weil es den Übertritt nicht geschafft hat. Wieder andere Lehrkräfte erzählen, dass es immer mehr Kinder gibt, die den Unterricht schon kennen, bevor er in der Schule besprochen wird. "Sie werden vor den angekündigten Proben regelrecht gedopt." Viele Lehrkräfte berichten von Kindern, die krank werden oder sind: Bauchweh, Übelkeit, Kopfschmerzen, Durchfall - die Liste ist lang. "Gleichzeitig hängen wir im Klassenzimmer Plakate auf, auf denen steht: ´Schule macht Spaß´ oder ´Ich gehe gern in die Schule´ - das ist zynisch", meinte eine andere Lehrerin.

An einer Grundschule wurde eine Kunstprojektwoche vor dem Übertrittszeugnis in einem Brandbrief der Eltern an das Schulamt boykottiert. In dem Brief heißt es, es wäre besser, die Kinder in Deutsch und Mathematik zu fördern. Das sei es, was jetzt zähle. Eltern forderten Handouts vor jeder Probe, um ihre Kinder fit zu machen. Es sei auch vorgekommen, dass Eltern wollten, Mitschüler mit Lese-Rechtschreibschwäche sollten bei den Proben den Raum verlassen. Ihr Argument: Das Vorlesen der Aufgaben störe die anderen Kinder in der Leistungsproduktion. Lehrkräfte berichten, dass Eltern alle Lehrhandbücher hätten und "alte Proben", so dass sich Lehrerteams nicht mehr auf standardisierte Proben konzentrieren könnten. Alles sei im Umlauf. Es gebe Eltern die ihre Kinder die alten Proben auswendig lernen ließen. Eine Lehrerin erzählte, dass neulich ein Kind beim Verteilen der Probe "Juhu, die kenne ich!" ausgerufen hätte. Sie sei nach acht Minuten fertig gewesen und hätte die Note 1 erhalten.

BLLV -Präsident Wenzel: "Ich höre solche Berichte in einer Häufigkeit und Regelmäßigkeit, dass ich überzeugt bin, sie spiegeln die Schulrealität in Bayern. Wir übertreiben mit der Darstellung nicht, wir verzerren auch nichts ins Negative, wir schildern lediglich eine Realität, die wir nicht wollen. Werteerziehung und soziales Lernen muten vor diesem Hintergrund grotesk an. Hier wird ein Bemühen um Kinder an den Tag gelegt, das an anderer Stelle, nämlich, wenn es um den Übertritt geht, völlig außer Kraft gesetzt ist. Die Grundschule ist eisenhart, kinderfeindlich und macht viele Schüler kaputt." Der BLLV prangert dies schon seit vielen Jahren an. "Wir stellen aber fest, dass nichts passiert. Sobald Kinder die Grundschule verlassen haben, scheint das Thema für Eltern an Brisanz zu verlieren. Alle Energie wird nun gebraucht, um das Kind auf dem Gymnasium zu halten. Kultusministerium und Staatsregierung wollen die massiven Probleme in ihrer Dramatik und Schärfe offensichtlich nicht wahr haben. Das Kind und seine Bedürfnisse werden völlig vergessen."

Wenzel forderte eine Richtungsänderung: "Die Grundschul- bzw. Übertrittsreform hat nichts gebracht. Wir brauchen Entlastung. Möglichkeiten gibt es viele. Die beste aus Sicht des BLLV besteht darin, möglichst viele Kinder möglichst lange gemeinsam lernen zu lassen. Kinder brauchen eine Schule, in der tatsächlich individuell gefördert werden kann, eine Schule, die sich verabschieden darf vom Notendruck und eine völlig neue Lern- und Lebenskultur aufbauen darf. Eine Schule, in die Kinder gerne gehen können."


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