Bayern

Übertrittszahlen belegen erneute Schieflage

Der Ansturm auf Gymnasien und Realschulen hält an. Das bayerische Schulsystem gerät dadurch mehr und mehr in Schieflage: "Die Hauptschulinitiative, die die Einführung von Mittelschulen und Schulverbünden vorsieht, hat diesen Trend nicht gestoppt und wird ihn auch in Zukunft nicht stoppen können", erklärte der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, heute in München.

15.06.2010 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

Es zeichne sich ab, dass sich die Lern- und Arbeitsbedingungen an vielen Gymnasien und Realschulen weiter verschlechtern werden. "Während auf der einen Seite die Ansprüche und das Leistungsniveau steigen, fehlen auf der anderen Seite Lehrer und sind die Klassen zu groß. Das führt in der Schüler- und Lehrerschaft zu starken Belastungen. Individuelle Förderung ist nicht möglich." Erneut forderte Wenzel tiefgreifende Korrekturen: "Wir beobachten mit großer Sorge, dass sich die Probleme an Bayerns Schulen Jahr für Jahr potenzieren, weil notwenige Reformen verweigert werden."

"Viele Schüler, Eltern und Lehrer resignieren bereits", sagte Wenzel. "Sie wünschen sich eine andere Schule, sehen sich aber gezwungen, ein unpädagogisches System zu unterstützen. Eltern wollen für ihr Kind das Beste und tun alles dafür, dass es ein Gymnasium oder wenigstens eine Realschule besucht, obwohl sie wissen, dass die Situation dort alles andere als motivierend ist. Sie wissen, dass berufliche Chancen von hohen Abschlüssen abhängen. Der Grund für die Jahr für Jahr steigende Übertrittsquote auf Gymnasien und Realschulen liegt also in der bewussten Entscheidung gegen die Hauptschule", erklärte er. Das sei die Folge einer Schulpolitik, die es versäumt habe, zwischen den verschiedenen Schularten echte Gleichwertigkeit zu schaffen. Hinzu komme, dass die Hauptschulen jahrzehntelang personell und finanziell vernachlässigt worden seien.

Der Trend bleibt nicht ohne Folgen: Gymnasien und Realschulen müssen nicht nur die explodierenden Schülerzahlen bewältigen, sondern auch mit einer zunehmend heterogen Schülerschaft zurecht kommen - ohne dass die Lehrerschaft dafür entsprechend ausgebildet worden ist. An vielen Schulen gibt es zu wenig Platz, so dass Schüler und Lehrer in Container abwandern müssen. Gleichzeitig stehen zum Teil teuer sanierte und neu errichtete Hauptschulgebäude leer. Wenzel: "Ich sehe auch mit großer Sorge die die Qualität des traditionsreichen Gymnasiums gefährdet."

Er forderte die bayerische Staatsregierung auf, die Schieflage in der bayerischen Schullandschaft zur Kenntnis zu nehmen und den Ansturm auf Gymnasien und Realschulen nicht falsch zu interpretieren: "Eltern schicken ihr Kind nicht auf ein Gymnasium, weil sie von der Schule so begeistert sind, sondern weil sie sich dadurch bessere Chancen erhoffen. Eine am Kind orientierte Schul- und Bildungspolitik setzt anders an. "Ihr kommt es darauf an, jedes einzelne Kind bestmöglich zu fördern und möglichst lange alle Chancen offen zu halten." Es gehe dabei nicht um Sortieren, sondern um Fördern."


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