Unternehmen Schule

(Von Prof. Mag. Dr. Walter Weiss) Was Schulen brauchen, ist ein System, in dem Querdenken und Innovationsbereitschaft gefördert werden. Nur so können sie Österreichs (und der europäischen) Wirtschaftsgesellschaft gerecht werden.

23.05.2006 Artikel

Nutzen stiften

Fredmund Malik, Professor und Leiter des Managementzentrums St. Gallen, stellte in seinem Artikel „Gebt uns Arbeit“ im Magazin „trend“ von Oktober 1997 die These auf, vordringlichste Aufgabe von Unternehmen wäre es nicht, Arbeitsplätze oder Gewinn zu schaffen, sondern Nutzen. Walter Weiss, ehemals Professor an einer Wiener AHS (Fächer Philosophie, Psychologie, Geographie und Wirtschaftskunde), Schriftsteller, Publizist und Verleger, ergänzt diese These: Würde die Maliksche Sicht auf das Unternehmen Schule umgelegt, ergäben sich Nutzen, Gewinn und zusätzliche Arbeitsplätze für die Lehrer.

Es gibt wohl keinen Staat in der Gruppe der Industrienationen und schon gar keinen innerhalb der EU, der nicht Probleme mit seinem Schulsystem hätte: was die Effizienz der Leistung seiner Lehrer, seiner Schüler, den Nutzen der ganzen Ausbildung und die Gesamtkosten des Bildungssektors beträfe. In (fast?) allen Staaten gibt es einen Überhang an Lehrern, in allen Staaten wird der Nutzen der momentanen schulischen Ausbildung für die Wirtschaft in Frage gestellt, und in allen Staaten fehlt den Regierungen das nötige Geld, das – stets kritisierte – Schulsystem nutzenoptimal zu bedienen.

Späte Schäden

Durch die Maastricht-Kriterien gepeinigt, sparen alle Regierungen der EU-Staaten vor allem dort, wo es vorerst nicht schmerzt und wo es erst später zum Debakel kommen wird: im Bildungsbereich. Dieser bietet sich für ein kurzfristiges und -sichtiges Sparpaket nachgerade in klassischer Manier an: Nutzen (nämlich ökonomischen, also in Geldwerteinheiten umlegbaren) erwirtschaftet jedes Bildungssystem stets erst nach frühestens neun bis spätestens 20 Jahren – dann nämlich, wenn der Auszubildende (AZUBI oder Schüler) die Schul- oder Universitätsbank verlässt und ins Berufsleben einsteigt: als manuell Werkender (Lehrling oder Hilfsarbeiter) mit 15, als Akademiker mit (im Schnitt) 26 Jahren. Alles, was sich der Staat an Kosten im Ausbildungssektor heute erspart, wird zwar budgetär sofort wirksam, rächt sich aber in neun bis 20 Jahren.

„Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ ist nur die sprichwörtliche Variante jener modernen Erkenntnis, nach der heute eher eine lebenslange Ausbildung anzustreben sei, statt einer nur einmalig währenden Schulpflicht. Denn lernt der AZUBI in jungen Jahren nicht lernen und sich lernend beständig weiterzubilden, wird er – in späteren Jahren – dies auch nicht tun bzw. gar nicht können.

Nicht nur aus ökonomischer Sicht ist ausreichende, besser: exzellente (Aus-)Bildung der Grundstein bzw. die Voraussetzung zur Erzielung größtmöglichen Nutzens – und Nutzen ist, wie es Malik kurz und prägnant ausdrückt, jenes wirtschaftliche Vorgehen, etwas zu erzeugen, das auch gekauft wird. Um zufriedene Kunden zu finden, müssen Produkte geschaffen werden, die Kunden gerne bezahlen. Angesichts der enormen Konkurrenz innerhalb der Marktwirtschaft (freie oder soziale) ist es die größte Kunst des Unternehmers, solche Produkte auf den Markt zu bringen, die trotz Marktpräsenz anderer, auch durchaus ähnlicher oder sogar gleichwertiger Produkte, ohne Rücksicht auf tatsächlichen Bedarf, gekauft – und immer wieder gekauft – werden (Markentreue).

Der Zweck eines Unternehmens ist also – ökonomisch gesehen – nichts anderes als, wie Malik es nennt, Ressourcen in Nutzen zu transformieren. So einfach ist das, und es ist nicht Sache des Unternehmers, sich Gedanken darüber zu machen, ob Tamagotchis, Wegwerfkameras oder eine Antarktiskreuzfahrt tatsächlich einen – ideellen – Gewinn für den Kunden darstellen. Sobald er dafür zahlt, ist der geschaffene Mehrwert (= Wertschöpfung) akzeptiert und volkswirtschaftlich wirksam.

Innovation braucht Querdenker

Im Zeitalter der Globalisierung ist es nun gar nicht so einfach, Dinge zu erzeugen oder Dienstleistungen anzubieten, die von Kunden auch angenommen, sprich: bezahlt werden. Also müssen gerade Fähigkeiten, die solche Produktionen überhaupt erst ermöglichen, nämlich Querdenken und Innovationsbereitschaft, geschult werden. Innovatives und Vor-Denken wird aber in unserem Schulsystem entweder nicht, oder wenn – bei mutigen Lehrern – nur selten gefördert. Dabei sollten es gerade die folgenden Fähigkeiten sein, die in der heutigen schulischen Ausbildung geweckt und unterstützt werden:

  • neuen Ideen wagen
  • Fantasie entwickeln
  • Kreativität schöpfen
  • Durchsetzungsvermögen beweisen
  • Durchhaltevermögen zeigen
  • optimal kommunizieren beherrschen
  • über Teamfähigkeit verfügen
  • Konkurrenzdenken praktizieren
  • Elitenbewusstsein (weniger schroff: Selbstbewusstsein) stärken
  • kämpferischer Qualitäten anwenden
  • und konfliktfähig sein.

(Der Gastkommentar von Prof. Mag. Dr. Walter Weiss (hier in gekürzter Fassung) ist im Buch "Feindbild Lehrer. Ein Beruf in Irritation" (Prof. Dr. Erwin Wabnegger / EDITION VA BENE) 2002 erschienen und wurde in dieser Fassung von bildungaktuell.at übernommen.)


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