Unterricht muss auch für Lehrer gut sein

Wie kann Unterricht entwickelt werden, so dass der Lernstoff vermittelt und Schüler ihren Kompetenzen entsprechend gefördert werden? Hilbert Meyer, seit 40 Jahren Bildungswissenschaftler an der Uni Oldenburg, hat dazu genaue Vorstellungen.

29.01.2015 Pressemeldung Cornelsen Verlag GmbH
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Herr Professor Meyer, Sie beobachten das Bildungswesen seit über 45 Jahren. Was hat sich vor allem verändert?

Hilbert Meyer: Schüler sind heute wesentlich heterogener und "überraschungsintensiver". Entsprechend heterogen sind auch die Eltern. Es gibt bekanntlich die so genannten Helikopter-Eltern, die dauernd mitmischen und zugleich andere, die überhaupt nicht auftauchen. Zweite wesentliche Veränderung: Nie war die Top-Down-Steuerung so stark wie in den letzten zehn Jahren, in denen die Kultusministerien immer wieder massive Vorgaben gemacht haben. Aber es gibt auch eine positive Entwicklung: Lehrer sind heute eher bereit im Team zu arbeiten, sich Unterricht nicht vom Schulleiter vorgeben zu lassen, sondern sich selbst in die Unterrichtsentwicklung einzubringen.

Ist das nicht ein Widerspruch: mehr Vorgaben und mehr Eigenverantwortung?

Hilbert Meyer: Ja, das stimmt, aber Schule ist Widerspruch! Letztlich landen beide Anforderungen beim Lehrer. Hier verdichtet sich die Arbeit: Das Zensurengeben wird anspruchsvoller, es wird immer schwieriger mit Eltern ins Gespräch zu kommen, Teamarbeit wird komplexer, die Erwartungen an die Lehrerfortbildung steigen. Dies hat zwar positive Auswirkungen auf die Schüler, aber es reicht nicht, wenn Unterricht gut für Schüler ist. Unterricht muss auch für die Lehrer gut sein.

Jährlich werden neue Studien publiziert. Braucht Schule so viel Wissenschaft?

Hilbert Meyer: Selbstverständlich gibt es einzelne Lehrer, die sehr guten Unterricht ohne theoretische Kenntnisse machen. Aber auch bei starken Lehrerpersönlichkeiten ist es gut, wenn sie wissen, weshalb ihr Unterricht gelingt, damit sie ihn jederzeit wiederholen oder weitergeben können. Mit empirischer Forschung lässt sich außerdem erklären, warum Lehrpersonen mit sehr unterschiedlichen Ansätzen zu guten Ergebnissen kommen. Aber es fehlen noch viele Untersuchungen, zum Beispiel: Was bewirkt eine demokratische Unterrichtskultur? Welche Effekte hat die Individualisierung von Unterricht?

Gerade ist Ihr Band "Unterrichtsentwicklung" erschienen. Warum haben Sie ein neues Grundlagenwerk verfasst?

Hilbert Meyer: Es häufen sich Vorschläge von Beratern, Change-Begleitern oder Psychologen, wie Schule weiterzuentwickeln sei. Dabei wollen Lehrer selbst aktiv Unterrichtsentwicklung gestalten. Ich biete Unterstützung für eine didaktisch orientierte Unterrichtsentwicklung an, zeige im Drei-Säulen-Modell, wie sich unterschiedliche Grundformen von Unterricht verbinden lassen und welche 10 didaktischen Standards Unterricht berücksichtigen muss.

In "Unterrichtsentwicklung" beschäftigen Sie sich auch ausführlich mit der Hattie-Studie. Warum?

Hilbert Meyer: Hatties Veröffentlichungen enthalten eine versteckte Didaktik. Er belegt, dass Unterricht dann gut funktioniert, wenn es "reflexiver Unterricht" ist, wenn nämlich Schüler darüber nachdenken, wie sie lernen und Lehrer darüber, wie Schüler lernen. Dieser Ansatz ist sehr sinnvoll.

Professur in Oldenburg, Hochschulbeauftragter für die Lehramtsentwicklung, jede Publikation ein Bestseller. Hatten Sie auch Misserfolge?

Hilbert Meyer: Ja pausenlos! Ich bezeichne meinen Berufsweg gerne als "befriedigende Arbeit in einstürzenden Neubauten". Immer wieder war ich Gründungsmitglied in Pilotprojekten und Modellvorhaben, die dann scheiterten oder eingestellt wurden. Man lernt daraus: Es gibt immer ungewollte und nicht vorhergesehene Nebenwirkungen. Für die Schule heißt das: der kleine Schuss Anarchie, der viele Unterrichtsprojekte durchzieht, ist kein Nachteil, sondern eröffnet Spielräume für selbstbestimmtes Arbeiten.

Welche Visionen haben Sie für Schule und Unterricht?

Hilbert Meyer: 1. Wir brauchen eine Entschleunigung von Schule, mehr Zeit für guten Unterricht. 2. Ich wünsche mir ein "inklusives" Lehramtsstudium von der Elementarpädagogik bis zur Beruflichen Bildung, das Gehälter, Studienzeiten und Ausbildungsstandards angleicht und die Erste und Zweite Phase des Lehramtsstudiums verschränkt. 3. Wir brauchen eine Umverteilung der Bildungsinvestitionen. Mehr Investitionen in die Förderung von Risikoschülern und in die frühe Bildung im Kindergarten bringen eine höhere Rendite als die derzeitigen Aufwendungen für die Sekundarstufe.

Veranstaltungshinweis

Podiumsdiskussion: Unterrichtsentwicklung – Anspruch und Wirklichkeit

didacta Hannover 25.02.2015, 12.00 bis 13.00 Uhr, Halle 17
Prof. em. Dr. Hilbert Meyer diskutiert Realisierungschancen mit angehenden Lehrkräften aus Grundschule, Gymnasium und Berufsschule

Wie kann Unterricht entwickelt werden, so dass der Lernstoff vermittelt und Schüler ihren Kompetenzen entsprechend gefördert werden? Hilbert Meyer, seit 40 Jahren Bildungswissenschaftler an der Uni Oldenburg, hat dazu genaue Vorstellungen: eine Mischung schüler- und lehrergesteuerter Unterrichtsformen, die Berücksichtigung konkreter Standards zur Analyse und Bewertung von Unterricht und die Verfolgung von Entwicklungsaufgaben – bei einzelnen Lehrkräften und im Team. Wie aber lässt sich dieser theoretische Orientierungsrahmen in Einklang bringen mit den Anforderungen des hektischen Schulalltags? Wieviel ist realisierbar? Welche Hindernisse gibt es an Schule? Und geht die Entwicklung von Unterricht alle an – von angehenden Lehrern im Referendariat bis zur Schulleitung?

Hilbert Meyer stellt sich diesem Praxischeck. Auf der didacta diskutiert er Anspruch und Wirklichkeit von Unterrichtsentwicklung mit Vertretern aller Schulformen. Dabei fordert er Lehrerinnen und Lehrer zu einem Selbstcheck auf: Gehöre ich zu den "Träumern", "Häuptlingen", "Indianern", "Schraubern", "Bedenkenträgern", "Schluris" oder "Pionieren"? Anlässlich des "Thementag Referendare" sucht er bei der Veranstaltung am Cornelsen-Stand vor allem den Austausch mit Referendarinnen und Referendaren. Im Anschluss an die Diskussion signiert er sein neu erschienenes Grundlagenwerk "Unterrichtsentwicklung" und steht bis 14.00 Uhr für individuelle Gespräche zur Verfügung.

Ansprechpartner

Cornelsen Verlag GmbH
Irina Groh
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Mecklenburgische Str. 53
14197 Berlin
Telefon: +49 30 897 85-563
Fax: +49 30 897 85-97-563
E-Mail: Irina.Groh@cornelsen.de
Web: www.cornelsen.de/presse


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