Bayern

Unterrichtsfach WTG darf nicht gekürzt werden

Bayerns Fachlehrer/innen laufen Sturm: Das Kultusministerium plant zwar, die Stundenzahl des Unterrichtsfaches "Werken und Textiles Gestalten", kurz WTG, in der ersten Jahrgangsstufe der Grundschulen von einer auf zwei Stunden zu erhöhen, gleichzeitig soll das Fach aber in den Jahrgansstufen zwei bis vier jeweils um eine Stunde gekürzt werden.

12.11.2012 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

"Die Ausweitung des Faches auf zwei Unterrichtsstunden in den ersten Grundschulklassen ist angesichts zunehmender feinmotorischer Defizite bei Kindern unabdingbar. Sie darf aber keinesfalls zu Lasten der höheren Jahrgangsstufen gehen", stellte der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, klar. Mit Sorge beobachte er, dass Schule immer stärker auf die "harten Fakten-Fächer" reduziert werde. "Die sportliche, musische und ästhetische Erziehung wird an den Rand gedrängt." Das sei eine unheilvolle Verzerrung des Bildungsbegriffs, die der BLLV nicht akzeptiere. "Die Empörung ist groß", sagte Wenzel heute in München. Die Pläne seien kontraproduktiv und müssten vom Tisch. Er forderte stattdessen, WTG deutlich aufzuwerten und in allen vier Jahrgangsstufen zweistündig zu unterrichten. Viele Fachlehrer/innen hätten zudem den Eindruck, als billige Manövriermasse missbraucht zu werden: "Immer öfter müssen sie fehlende Lehrkräfte ersetzen und Vertretungsstunden halten, damit die Unterrichtsversorgung sicher gestellt ist. Sie verdienen aber weitaus weniger als ihre Kollegen/innen und fühlen sich ausgenutzt."

Erbost seien Bayerns Fachlehrer/innen auch darüber, dass für das Unterrichtsfach zum zweiten Mal in Folge eine Namensänderung vorgesehen ist, informierte Wenzel: Aus "WTG" soll "WG" für Werken und Gestalten werden - mit der geplanten Abkürzung würden die meisten aber den Begriff ´Wohngemeinschaft´ verbinden, rügten sie. Eine Namensänderung dürfe nicht dazu führen, Lehrkräfte der Lächerlichkeit preis zu geben oder Unterrichtsfächer zu verunglimpfen.

In einem Brief an das Kultusministerium haben die Fachlehrer/innen Argumente für die Beibehaltung der zwei Unterrichtsstunden WTG in den zweiten bis vierten Jahrgangsstufen zusammengetragen. Darin machen sie deutlich, dass die Ausweitung des Faches WTG in der ersten Jahrgangsstufe auf zwei Unterrichtsstunden grundsätzlich begrüßt wird. Anerkannt wird auch, dass es an bayerischen Grundschulen "Raum" für die feinmotorische Entwicklung von Kindern gebe. "Die geplante Reduzierung der Stundenzahl in den folgenden Jahrgangsstufen führt jedoch unweigerlich zu einer Reduzierung der Lerninhalte", heißt es weiter. Gravierende Folgen für die Schülerinnen und Schüler seien zu befürchten, weil:

  • eine Stunde Unterricht zu kurz sei, um den Kindern fundiertes technisches oder handwerkliches Wissen näher zu bringen oder handwerkliche Fertigkeiten zu trainieren,
  • auch motorische Fähigkeiten nur in zeitlich sehr begrenztem und zu geringem Umfang geschult werden könnten. Die Möglichkeit, mit verschiedenen Materialien und Werkzeugen zu arbeiten, werde stark eingeschränkt,
  • für fächerübergreifendes, praktisches Arbeiten, vernetztes Lernen und Denken die Zeit fehle,
  • Grundlagen zur Interessenausbildung für handwerkliche oder technische Berufe nur schwer oder gar nicht gelegt werden könnten,
  • wertvolle textile Kulturtechniken im interkulturellen und kulturellen Bereich kaum noch vermittelt werden könnten,
  • der Zeitmangel Einüben, Anwenden und Vertiefen unmöglich mache,
  • Kinder kaum individuell gefördert werden könnten,
  • Kreativität und ästhetisches Erleben noch eingeschränkter wären
  • und Kinder noch weniger Anregungen für eine sinnvolle Freizeitgestaltung erhalten würden.

Wenzel gab außerdem zu bedenken, dass das Vorhaben des Kultusministeriums auch im Hinblick auf die Anbahnung der Fachinhalte WTG in der fünften und sechsten Jahrgangsstufe der weiterführenden Mittelschulen nicht nachvollziehbar sei. "Gerade dieser Schulart kommt doch nach Darstellungen der bayerischen Kultusbehörde eine besondere Bedeutung zu."

Ferner erfordere die Rhythmisierung und Durchführung von praktischem Unterricht entsprechende Zeitfaktoren: "Vorbereitungs-, Durchführungs- und Nachbereitungsphasen durch Schüler sind bei den handwerklichen Techniken und anspruchsvollen Materialien in der vierten Jahrgangsstufe in 45 Minuten nicht möglich", heißt es dazu wörtlich in dem Schreiben der Fachlehrer/innen. Sie weisen außerdem darauf hin, dass WTG das "einzige praktische Fach in der vierten Jahrgangsstufe ist, das den Schülern entspanntes und freudvolles Lernen ohne Leistungsdruck ermöglicht." Erfolgserlebnisse förderten bei den Schülern Lernbereitschaft, Selbstwertgefühl und Verantwortungsbewusstsein. Die Kürzung auf nur noch eine Unterrichtsstunde in den vierten Klassen würde alle Schüler, besonders aber Schüler aus sozioökonomisch- schwachen Familien in ihrer Persönlichkeitsentwicklung und ihrem Lern- und Arbeitsverhalten einschränken.

"Der Zorn und das Unverständnis der Fachlehrer/innen sind absolut begründet", betonte Wenzel. "Der BLLV protestiert deshalb vehement gegen jede Kürzung im Unterrichtsfach WTG." Im BLLV sind derzeit insgesamt rund 5.000 Fachlehrer/innen organisiert.


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