VBE: Wer die Dreigliedrigkeit beibehalten will, muss die Hauptschule völlig neu und anders denken

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Württemberg versteht den Unmut der oberschwäbischen Grund- und Hauptschulrektoren, die die Auflösung dieser ungeliebten Schulart gefordert haben, warnt jedoch vor dem Trugschluss, dass sich allein durch solch eine Maßnahme alles zum Besten wende. Die Probleme der Schüler würden auch nach einer Umeti­kettierung bestehen bleiben und lediglich vorübergehend in den Hinter­grund treten. Schule müsse deshalb generell völlig neu gedacht und um­gestaltet werden. Geld könne man dabei auf keinen Fall einsparen.

12.05.2007 Baden-Württemberg Pressemeldung Verband Bildung und Erziehung, Landesverband Baden-Württemberg

In die Realschule oder auf das Gymnasium darf man, auf die Hauptschule muss man gehen. Im Gymnasium bekommt man eine solide Allgemeinbildung vermit­telt, in der Realschule eher die "Light-Version". Hauptschülern traut man nicht einmal mehr eine "Ultralight-Bildung" zu. Während es für den gesellschaftli­chen Status eines Schülers ziemlich zweitrangig ist, ob er ein naturwissenschaft­liches oder sprachlich orientiertes Gymnasium besucht, ist es ein gewaltiger Unterschied, ob sich ein Jugendlicher als Gymnasiast oder Hauptschüler outet. Während die Namen frisch gebackener Abiturienten beinahe im Stil einer "Hel­dengedenktafel" in der Lokalpresse präsentiert werden, fragt sich der Leiter der örtlichen Hauptschule, ob es nicht vielleicht sogar diskriminierend sei, wenn er die erfolgreichen Absolventen der Abschlussklassen öffentlich bekannt gibt.

Solange gescheiterte Gymnasiasten oder Realschüler bis zur Hauptschule weiter gereicht werden nach dem Motto "Wenigstens das werden sie ja noch schaf­fen!", kann diese Schulart weder eigenständig noch erfolgreich sein. Nicht ohne Grund erscheint die Hauptschule heute manchem als soziales Auffangnetz für gescheiterte Existenzen, während sie früher dem motivierten Schüler das solide Fundament für einen späteren Aufstieg zum Meister ermöglicht hat.

Eine Zusammenlegung der Hauptschule mit der Realschule könnte zwar eine räumliche Ausgrenzung der Hauptschüler beseitigen, nicht jedoch deren Proble­me, die häufig nicht einmal ausschließlich schulisch bedingt sind. Hauptschüler sind eindeutig stigmatisiert. Nicht ohne Grund kämpfen vor allem die Eltern, Lehrer und Standesorganisationen der beiden anderen weiterführenden Schular­ten vehement gegen die Auflösung der Hauptschule, da sie - sicher nicht ganz unberechtigt - eine Verlagerung der Probleme in ihre noch scheinbar heile Schulwelt fürchten, die aber auch schon lange keine Insel der Seligen mehr ist.

Unverständlich sei, so der VBE-Sprecher, dass im politisch jetzt gewollten jahr­gangsgemischten Unterricht der Grundschuleingangsstufe die Schwachen von den Starken lernen sollen, also Heterogenität das neue Credo sei, dass diese Botschaft aber nach Klasse vier plötzlich keine Gültigkeit mehr habe und dann rigoros nach "höherer und niederer Bildung" sortiert werde.

Wenn man in Baden-Württemberg die Dreigliedrigkeit beibehalten möchte, muss die Hauptschule völlig neu gedacht und eine echte Angebotsschule wer­den, in die man gerne geht, weil man dort seinen Stärken entsprechend erfolg­reich sein kann und kontinuierlich aufgebaut wird. Einem Hochseilartisten zollt man wegen seiner Körperbeherrschung, seinem Mut und seiner Ausdruckskraft Anerkennung, nicht weil er vielleicht besonders gut rechnen und schreiben kann. Der Hauptschüler wurde früher von Gymnasiasten darum beneidet, dass er in der Schule das Kochen lernte und Technik hatte. Im einstmals profilbildenden Erweiterten Bildungsangebot der Hauptschule (EBA) wurden künstlerische, mu­sisch-ästhetische, sportliche, handwerklich-technische sowie theater- und erleb­nispädagogische Bereiche besonders gefördert.

Jetzt, nach der sogenannten Bildungsreform, hat man Hauswirtschaft, Technik, Musik, Sport und Kunst an der Hauptschule in "Fächerverbünden" versteckt, anstatt mit diesen Pfunden profilgebend zu wuchern. Das Erweiterte Bildungs­angebot mit motivierenden Arbeitsgemeinschaften wurde aus finanziellen Grün­den bis zur Bedeutungslosigkeit zusammengestrichen. Das ganze nennt man dann unverfroren "Aufwertung der Hauptschule" und wundert sich, wenn es selbst bei den unpolitischsten Schulleitern und Lehrern, die obendrein zu den schlechtbezahltesten in der Pädagogenhierarchie gehören, langsam gärt.

Man könne die Hauptschule nicht nur mit ein wenig Kosmetik und schönen Worten aufpeppen, so der VBE-Sprecher. Die Hauptschule müsse, wenn sie politisch weiterhin gewünscht werde, völlig neu gedacht werden. Und das könne kein Sparmodell werden, sondern koste wirklich sehr viel Geld. Die Schüler und deren Lehrer seien es jedoch wert.


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