"Von einer Förderung exekutiver Funktionen profitieren aller Kinder, insbesondere die mit Lernschwächen"

Seit fast 20 Jahren beschäftigt sich Sabine Kubesch mit Gehirnfunktionen und ihrem Einfluss auf das Lernen und die Entwicklung von Kindern. Im Interview erläutert sie, wo die sogenannten "exekutiven Funktionen" im Gehirn verortet sind, inwiefern sie Aussagen über die Zukunft von Kindern zulassen und wie in Schule und Unterricht auf die Erkenntnisse der Hirnforschung reagiert werden kann.

24.08.2015 Pressemeldung Cornelsen Verlag GmbH

Frau Kubesch, was versteht man in der Gehirnforschung unter exekutiven Funktionen?

Sabine Kubesch: Exekutive Funktionen sind Stirnhirnfunktionen. Das Stirnhirn, der "präfrontale Kortex", ist vernetzt mit anderen Gehirnregionen, die an der Emotionsverarbeitung, an Lern-und Gedächtnisprozessen und der Steuerung von Motorik beteiligt sind, worauf diese wichtigen Gehirnfunktionen Einfluss nehmen. Zu den exekutiven Funktionen zählen das Arbeitsgedächtnis, die Inhibition und kognitive Flexibilität: Das Arbeitsgedächtnis kann Infor-mationen über mehrere Sekunden speichern und damit arbeiten. Die Inhibition unterstützt die Fähigkeit, spontane Impulse zu hemmen oder zu unterdrücken, die Aufmerksamkeit zu fokussieren und Störreize auszublenden. Die kognitive Flexibilität ermöglicht, den Fokus der Aufmerksamkeit zu wechseln und sich schnell auf neue Anforderungen einzustellen.

Inwiefern sind die exekutiven Funktionen bedeutsam für den Lernerfolg von Kindern?

Sabine Kubesch: Weil sie wichtige Fähigkeiten beeinflussen. Man spricht auch von Selbstregulation und damit von der Fähigkeit, Aufmerksamkeit, Verhalten und Emotionen zu steuern. Defizite in diesen Bereichen wirken sich auf den Lernerfolg negativ aus. Exekutive Funktionen stehen in engem Zusammenhang mit mathematischen und sprachlichen Leistungen. Im Grundschulalter werden Lesegenauigkeit und -geschwindigkeit, Textverständnis sowie Rechtschreibung und schriftliche Ausdrucksfähigkeit durch die exekutiven Funktionen beeinflusst. Exekutive Funktionen sind immer dann im Einsatz, wenn automatisierte Prozesse zur Aufgabenbearbeitung ablaufen, also immer wenn Neues gelernt oder ein Transfer erwartet wird. Und darum geht es doch in der Schule. Von einer Förderung profitieren alle Kinder, insbesondere aber die mit Schwächen in den Bereichen Lesen, Schreiben und Rechnen. Die Lernleistungsschwächen gehen häufig mit schlechter ausgebildeten exekutiven Funktionen einher.

Welchen Einfluss hat die Selbstregulation auf die Zukunft der Schüler/innen?

Sabine Kubesch: Die kindliche Selbstregulation erlaubt, ähnlich wie Intelligenz und soziale Herkunft, Aussagen über Lebenszufriedenheit, sozioökonomischen Status, Einkommen oder Gesundheit im Erwachsenenalter. Aber auch kleinkriminelles Verhalten von Jugendlichen korreliert beispielsweise mit der Selbstkontrolle im Kindesalter. Kinder, die sich nicht gut steuern können, verlassen später häufiger die Schule ohne Schulabschluss als Kinder, die über eine bessere Selbstkontrolle verfügen. All diejenigen, die Kinder in ihrer Entwicklung und beim Lernen begleiten, sollten daher über die Bedeutung und Förderung der exekutiven Funktionen und der Selbstregulation informiert sein.

Und wie kann die Förderung exekutiver Funktionen und die Ausbildung der Selbstregulation in Schulen umgesetzt werden?

Sabine Kubesch: Durch kognitives Training, Selbstregulationsstrategien, selbstreguliertes Lernen, Achtsamkeitsschulung, Musik, Kunst, Bewegung, Spiel und Sport. Selbstregulation fällt in emotionalen Situationen schwerer als in neutralen Situationen. Und Emotionen sind es, die den Sport, die Musik und das Spiel auszeichnen. Am Sport kann man das besonders gut verdeutlichen: Leistungsbereitschaft auch unter Anstrengung zeigen, sich in ein Team einfügen, in einem Wettkampf bestehen, ein turnerisches Element wagen, die Schiedsrichterentscheidung akzeptieren, den entscheidenden Siebenmeter werfen, selbstreguliert bleiben, auch wenn man am Verlieren ist und Niederlagen ertragen lernen. In solch emotional herausfordernden Situationen lernt man Selbstregulation sehr viel besser als in neutralen Kontexten.

Man kann also Selbstregulation lernen?

Sabine Kubesch: Ja, aber da sich das Stirnhirn langsam entwickelt und vergleichsweise langsam lernt, brauchen Kinder und Jugendliche für die Ausbildung ihrer Selbstregulationsfähigkeit viel Zeit und Übung. In Schulen benötigen sie dafür die Unterstützung der Lehrer/innen, die kontinuierlich – über Jahre hinweg – mit einer positiven, wertschätzenden Haltung und mit Geduld an der Ausbildung der Selbstregulationsfähigkeit der Kinder arbeiten, denn das Stirnhirn ist erst mit Mitte 20 ausgereift. Pädagoginnen und Pädagogen sollten deshalb Situationen, in denen sich Heranwachsende herausfordernd verhalten, als Chance begreifen, Selbstregulation mit ihnen üben zu können. Verhaltensprobleme sollten damit als Ausdruck fehlender Kompetenz wahrgenommen werden, die nicht Strafe, sondern Unterstützung verlangt. Die Förderung von exekutiven Funktionen sollte also mit einer positiven Haltung starten!

Ansprechpartner

Cornelsen Verlag GmbH
Nicole Weiffen
Cornelsen Verlag GmbH, Mecklenburgische Straße 53
14197 Berlin
Telefon: +49 89785-8286
E-Mail: nicole.weiffen@cornelsen.de
Web: cornelsen.de


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