Was Schulen gegen Gewalt unternehmen können
Prügeln, ausgrenzen, mobben: Gewalt ist ein drängendes Thema an vielen Schulen – und eins, das die meisten von ihnen offensiv angehen. Schon mehr als zwei Drittel der Schulen in Deutschland setzen auf Präventionsmaßnahmen. Denn anders als noch vor 20, 30 Jahren verschweigen sie das Thema "Gewalt" nicht mehr, sondern setzen sich aktiv damit auseinander. "Es ist eher ein Markenzeichen von Schulen geworden, präventive Maßnahmen durchzuführen. Schulen mit einem entsprechenden Konzept haben ein höheres Image", erklärt Helmolt Rademacher.
01.09.2011 ArtikelEins macht der Leiter des hessischen Projekts "Gewaltprävention und Demokratielernen" (GuD) klar. Mal eben einen Kollegen zur Weiterbildung schicken, um ihn anschließend als Präventionsexperten in der Schule einzusetzen, ist wenig hilfreich. Auch wenn die Zeitbudgets der Lehrer immer enger und schnelle Lösungen gewünscht werden:
"Am erfolgreichsten sind Gewaltpräventionen, wenn es gelingt, Konzepte des sozialen Lernens nachhaltig im System Schule zu verankern. Gewaltprävention kann nur erfolgreich sein, wenn die Arbeit eng mit der Schulentwicklung verknüpft ist", weiß Rademacher.
Soziales Lernen im Stundenplan
So wie in einer Schule im Südhessischen, von der die Landeskoordinatorin des Projekts, Marion Altenburg-van Dieken, berichtet. Hier hat die Gewaltprävention einen festen Platz im Stundenplan. Das beginnt in den Klassen 5 und 6 mit zwei bis drei Projekttagen pro Halbjahr zum Thema ´Umgang miteinander`. In Klasse 7 ist dann sogar eine Stunde Soziales Lernen im Stundenplan ausgewiesen, in Klasse 8 eine Klassenlehrerstunde und in den Klassen 9 und 10 gibt es spezielle Unterrichtseinheiten zur Selbstwertstärkung. Und wie kann man sich den Unterricht "Soziales Lernen" vorstellen? Ganz einfach, sagt Marion Altenburg-van Dieken. Es wird häufig mit praktischen Übungen gearbeitet, die einen Wahrnehmungs- und Erlebnischarakter haben.
So sollen Schüler zum Beispiel ihre Stärken benennen und zusammentragen, was sie gut können. "Wir leben ja in einer Kultur, die von Sätzen geprägt ist, wie ´Bescheidenheit ist eine Zier` oder` Eigenlob stinkt`. Aber jemand, der seine Stärken kennt und benennen kann, kann auch zu seinen Schwächen stehen und muss andere nicht schwach machen, um sich stärker zu fühlen".
"Die nachhaltigste Wirkung haben Konzepte, bei denen die Lehrer an ihrer Haltung arbeiten", ergänzt Helmolt Rademacher. "Beim Klassenrat oder der Mediation muss ich eine Haltung entwickeln: Ich höre zu und urteile nicht. Ich verstehe und reihe mich beim Klassenrat ein. Ich akzeptiere, dass Kinder moderieren und auch ich mich melden muss und nicht einfach reinplappern kann, wenn ich glaube, etwas sagen zu müssen. Ich greife aber dann ein, wenn die Kinder überfordert sind, wenn sie den Klassenrat nicht mehr steuern können, oder wenn so schwierige Fragen auftauchen, die sie nicht behandeln können. Oder in der Mediation: Ich höre zu, ich gebe keine Lösungen vor, ich bin allparteilich und verstehe beide Kinder und lasse sie die Lösungen finden. Das ist schwierig, denn wir haben als Lehrer gelernt, zu urteilen und Noten zu vergeben."
Eltern müssen mitziehen
Die Pädagogin und Mediatorin Gisela Blümmert präsentiert ebenfalls verschiedene Präventions- und Interventionsansätze - in schulinternen Weiterbildungsveranstaltungen, die sie in Deutschland und Luxemburg anbietet. Dazu gehört die konstruktive Konfliktlösung, bei der Kinder lernen, in Konfliktfällen selbst Lösungen zu finden.
"Wenn man Kinder auffordert, andere Möglichkeiten aufzuzeigen, sehen sie plötzlich, dass es viele Lösungen gibt, bei denen beide Konfliktparteien gewinnen können." Auch die Elternarbeit spielt in ihren Kursen eine Rolle, denn "Eltern müssen die Vorgehensweise der Schule unterstützen, selbst wenn sie eine andere Lösung bevorzugt hätten." Sonst kann es passieren, dass die Schüler sich geeinigt haben und die Eltern im Hintergrund erneut das Feuer schüren. Ein Beispiel: Ein Schüler tritt aus Wut den Füller eines anderen Schülers kaputt. In einem gemeinsamen Gespräch mit dem Lehrer kommen die Schüler zu dem Ergebnis, dass sie gemeinsam einen neuen Füller finanzieren, weil sie beide an dem Streit beteiligt waren. Schwierig wird es nur, wenn die Eltern des geschädigten Kindes diese Lösung nicht nachvollziehen können. "Vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrern ist also extrem wichtig."
Vom weichen Ansatz bis zum Nulltoleranzgespräch
Keine Schuldzuweisung - nach diesem Vorsatz wird beim No Blame Approach gearbeitet. Eine Gruppe, die sich aus Tätern und sozial kompetenten Kindern zusammensetzt, überlegt, was getan werden kann, um das Mobbing zu beenden und dem betroffenen Kind zu helfen. Der positive Sog, der bei dieser Ideenfindung entsteht, soll dazu führen, dass die Täter mitgenommen werden, oder wie Gisela Blümmert es ganz plastisch ausgedrückt: "Sie sind sich zu blöd, keine Ideen beizusteuern. Und wenn sie anfangen, Ideen zu entwickeln, hat man gewonnen." Dieser weiche Ansatz habe sich in vielen Schulen bewährt, berichtet sie.
Ein weiteres Verfahren, das die Trainerin mit den Teilnehmern erprobt: der Täter-Opfer-Ausgleich. Ähnlich wie bei der Mediation steht das Opfer im Mittelpunkt, nur dass es hier um Wiedergutmachung geht. Der Täter muss zuhören und einem mit der Tat verbundenen Ausgleich zustimmen, zum Beispiel ein neues Handy kaufen, wenn er das Mobiltelefon des Opfers zerstört hat. Oder er muss falsche Behauptungen, die er verbreitet hat, wieder richtigstellen. Und schließlich gibt es noch die Nulltoleranzgespräche für harte Mobbing-Fälle, bei denen dem Täter die Grenzen und Konsequenzen aufgezeigt werden, wenn er nicht kooperieren will. Das kann von der Einbestellung der Eltern über Schulkonferenz und Schulverweis bis zum Einschalten der Polizei reichen.
Erfolsquote: 87 Prozent
Einen aktuellen Überblick über die gängigsten Methoden geben Marion Altenburg-van Dieken und Helmolt Rademacher in ihrem eben erschienenen Buch "Konzepte zur Gewaltprävention in Schulen". Unterstützung und Fortbildungsangebote für Lehrer gibt es unterdessen in allen Bundesländern. Laut einer Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen aus dem vergangenen Jahr führen bereits knapp zwei Drittel aller Schulen in Deutschland Maßnahmen zur Gewaltprävention durch. Nicht alle Konzepte sind evaluiert, aber Untersuchungen belegen die Erfolge einzelner Programme. So führt die Intervention mit No Blame Approach in rund 87 Prozent der Fälle zu einem nachhaltigen Ende der Mobbing-Aktion, ergab eine Untersuchung des Bundes für soziale Verteidigung. Und in Berlin, wo neben einem neuen Melde- und Hilfeverfahren auch Initiativen und Projekte zur Gewaltprävention in den Schulen intensiviert wurden, sank die Zahl der gemeldeten Gewaltvorfälle im Schuljahr 2009/2010 im Vergleich zum Vorjahr um rund 13 Prozent. Doch obwohl das Thema in den Schulen angekommen ist, in die Lehrerausbildung hat es noch keinen verbindlichen Eingang gefunden, bedauern Marion Altenburg-van Dieken und Helmolt Rademacher. Um so wichtiger bleibt die Lehrerfortbildung.
Literatur
Helmolt Rademacher/Marion Altenburg-van Dieken (Hrsg.), Konzepte zur Gewaltprävention in Schulen, ISBN 978-3-5892-3291-8, Cornelsen, 2011, 19,50 Euro
Weiterführende Links
- Das hessische Projekt Gewaltprävention und Demokratielernen (GuD)
- Homepage Gisela Blümmert
- Evaluationsbericht No Blame Approach
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