"Weniger Auslesen, mehr Fördern"

Der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, fordert die Staatsregierung auf, das bayerische Schulsystem neu auszurichten. "Weg von der Auslesediagnostik hin zur Förderdiagnostik. Im Mittelpunkt muss ein neuer Lern- und Leitungsbegriff stehen. Schüler, Eltern und Lehrer müssen vom Selektionsdruck befreit werden." Der Zeitpunkt, an dem Kinder auf parallele Schularten verteilt werden, muss so gewählt werden, dass eine möglichst hohe Prognosesicherheit garantiert ist. Es muss zweitens garantiert sein, dass in der Wahrnehmung von Eltern und Wirtschaft alle zur Auswahl stehenden Schularten gleichwertig sind. Und es muss drittens dafür gesorgt werden, dass an jeder Schulart so intensiv gefördert werden kann, dass jeder Schüler an der von ihm bzw. seinen Eltern gewählten Schulart verbleiben kann", erklärte Wenzel und stellte fest: "Das bayerische Bildungssystem erfüllt keine dieser drei Bedingungen."

11.06.2007 Bayern Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

Der Übertrittszeitpunkt garantiert keine sichere Prognose für die weitere Schullaufbahn. Der Bildungsbericht Bayern hält fest, dass pro Schuljahr 14. 202 Schüler das Gymnasium wieder verlassen. Aus den Realschulen wechseln 5. 967 Schüler an die Hauptschule. 4,1 % der Schüler wiederholen eine Klasse. 10.878 Schüler verlassen die Schule ohne Abschluss. Bei den Jugendlichen mit Migrationshintergrund gehen ca. 20 % ohne Abschluss von der Schule. Nur noch 25% machen eine betriebliche Lehre. Wenzel: "Die Zahlen belegen, dass es nicht möglich ist, für zehnjährige Kinder eine sichere Prognose zu stellen. Aktuelle Befunde aus der Hirnforschung bestätigen, dass bei Zehnjährigen die Entwicklung in vollem Gang und nicht einmal ansatzweise abgeschlossen ist.

Bayerns Schülerinnen und Schüler werden zwar nach der vierten Klasse sortiert, dann aber weder so intensiv noch so individuell gefördert, dass sie an ihrer Schulart eine erfolgreiche Laufbahn ablegen können. Das führt dazu, dass Jahr für Jahr Tausende von Schülerinnen und Schülern ihre Schule verlassen und nach unten durchgereicht werden.

Im Mittelpunkt muss ein neuer Lern- und Leitungsbegriff stehen, der Auswirkungen auf Lehrpläne und Lehrerbildung hat. Bildungs- und Erziehungsarbeit muss immer auch Beziehungsarbeit sein und dafür benötigen Kinder und Pädagogen mehr Zeit als bisher. Und zwar in Kindergärten ebenso wie in Schulen. Ertragreiches Lernen setzt Verstehen voraus. Und wer verstehen will, muss verstanden werden. Auch dazu benötigen Pädagoginnen und Pädagogen wesentlich mehr Zeit. "Künftig müssen Förderdiagnostik sehr groß und Auslesediagnostik klein geschrieben werden."

Wenzel betonte, es "geht nicht darum, ständig darauf hinzuweisen, dass das bisherige Schulsystem nicht funktioniert. Allerdings darf auch nicht zugelassen werden, dass behauptet wird, das dreigliedrige Schulsystem hätte sich bewährt." Die Verkürzung auf die Systemfrage hat in den vergangenen vierzig Jahren nichts vorangebracht. "Sie wird auch in Zukunft nicht zur Lösung führen. Nötig sind vielmehr pädagogische und erziehungswissenschaftliche Diskussionen. Nur so können die Schützengräben des überwiegend ideologisch verminten Kampffeldes verlassen werden."


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