Soziale Teilhabe

"Wer Inklusion will, wird Wege ausprobieren"

(red/pm) Seit März 2009 ist in Deutschland die UN-Behindertenkonvention, die ein inklusives, allgemeines Bildungssystem für alle Kinder vorsieht, in Kraft. Seither wird in den einzelnen Bundesländern an Umsetzungsmodellen gearbeitet. Nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung aus dem vergangenen Jahr zeigt sich Deutschland bei der schulischen Inklusion allerdings als Flickenteppich. So gehen in Sachsen-Anhalt nahezu drei Mal mehr Schüler auf eine Sonderschule als in Schleswig-Holstein und und in Bremen besuchen vier Mal so viele Schüler mit Behinderung eine reguläre Schule wie in Niedersachsen. Welche Aufgaben müssen in Deutschland auf dem Weg zu einer inklusiven Schule noch erledigt werden? Antworten dazu von [Prof. Dr. Rolf Werning](http://www.ifs.phil.uni-hannover.de/rolf_werning.html) vom Institut für Sonderpädagogik der Universität Hannover.

23.01.2015 Artikel

Herr Professor Werning, haben die Bundesländer in den sechs Jahre seit dem Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention die entscheidenden Weichen für inklusive Bildung gestellt?

Rolf Werning: In allen Bundesländern gibt es eine Vielzahl von Initiativen zur Weiterentwicklung einer inklusiven Bildung. Dies umfasst rechtliche Rahmenbedingungen, Fortbildungsveranstaltungen für Lehrkräfte usw.. Auf der anderen Seite zeigt sich, dass in den meisten Bundesländern seit dem Jahr 2000 kein nennenswerter Rückgang der Förderschulbesuchsquote festzustellen ist. Daneben steigt die Zahl der Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf an Regelschulen, was insgesamt zu einem Anstieg der Förderquote führt. Es entwickelt sich so in vielen Bundesländern ein "Zwei-Säulen-Modell": Neben der Säule der Förderschüler etabliert sich (zusätzlich) eine kleinere Säule von integrativ unterrichteten Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Ausnahmen bilden hier die Länder Bremen und Schleswig-Holstein. Hier ist es gelungen, die Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf sehr viel stärker in die Regelschulen zu integrieren.

In welchen Bereichen besteht noch Handlungsbedarf?

Rolf Werning: Inklusion trifft in Deutschland ab der Sekundarstufe I auf ein historisch gewachsenes, strukturell selektives Schulsystem. Dies führt zu vielen Schwierigkeiten und Paradoxien. Inklusion gelingt im Elementar- und Primarbereich deshalb auch deutlich besser, weil hier die Logik der Aufteilung der Kinder auf unterschiedliche Bildungsgänge noch nicht greift. Insgesamt ist es notwendig, dass auf den unterschiedlichen Ebenen des Bildungssystems klare Schritte hin zu einer Minimierung von Bildungsbenachteiligungen und einer Maximierung von sozialer Partizipation aller Kinder und Jugendlicher konsequenter umgesetzt wird. Dazu gehört auf bildungspolitischer Ebene die Klärung, wie in Deutschland ein inklusives Bildungssystem auf allen Ebenen umgesetzt werden soll. Hier reicht es keinesfalls aus, diese Aufgabe allein den Lehrkräften in den Schulen aufzubürden. Zu prüfen ist, inwieweit bestehende Strukturen Exklusion fördern und zu Bildungsbenachteiligungen führen, um dann auf politischer Ebene Veränderungen einzuleiten. Weiterhin wird es notwendig sein, die Ressourcenfrage verlässlich zu klären und auf eine Vereinheitlichung der rechtlichen Rahmenbedingungen hinzuwirken. Auf der Ebene der Schulen darf Inklusion kein Additum bleiben. Vielmehr muss der Umgang mit der Heterogenität und Individualität der Schüler/innen im Zentrum der Schulentwicklung stehen. Dies wird dazu führen, flexiblere Strukturen aufzubauen, die dazu beitragen, für jeden Schüler und jede Schülerin förderliche Lern- und Entwicklungsbedingungen anzubieten. Bei den Lehrkräften wird es darum gehen Teamstrukturen aufzubauen, in denen Regelschullehrkräfte und Sonderpädagogen gemeinsam Unterricht planen und umsetzen. Inklusion setzt Zusammenarbeit voraus, um den Anforderungen an einen adaptiven Unterricht in heterogenen Lerngruppen gerecht zu werden. Sicherlich wird es auch notwendig sein, die Lehrerbildung an den Universitäten auf ein inklusives Bildungssystem hin auszurichten. Inklusion ist zudem nicht nur eine Aufgabe des Bildungsbereichs. Wichtig ist hier die politische Perspektive, Inklusion als eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung wahrzunehmen. Inklusive Schulen müssen gesellschaftlich gewollt sein.

Immer mal wieder wird in der Öffentlichkeit das Argument vorgetragen, inklusive Bildung habe ihre Grenzen. Gibt es denn wirklich Voraussetzungen, an dem man sagen kann: Hier stößt inklusive Bildung an ihre Grenzen. Und wann ist dieser Punkt erreicht?

Rolf Werning: Ja, inklusive Bildung hat ihre Grenzen. Grenzen ergeben sich aus vorhandenen Strukturen, aus vorhandenen Einstellungen und aus vorhandenen Praktiken. Wie gesagt, inklusive Bildung trifft in Deutschland auf ein strukturell selektives Schulsystem. Daraus ergeben sich Grenzen. Diese Grenzen sind aber nicht unverrückbar. Es sind sozial konstruierte Grenzen, die man verändern bzw. verschieben kann. Viele Lehrkräfte klagen zurzeit aufgrund der konkreten Bedingungen, unter denen sie Inklusion verwirklichen sollen. Andererseits zeigen viele Schulen, wie sie neue Wege finden, sodass möglichst alle Schülerinnen und Schüler erfolgreich in einer Schule miteinander lernen können, ohne dass die Lehrpersonen dauerhaft überfordert werden. Wichtig scheint mir zu sein, Lehrkräfte und Schulleitungen durch Inklusion nicht unter negativen Druck zu setzen. Negativer Druck tritt auf, wenn hohe Ziele formuliert werden, aber die Personen keine Möglichkeit sehen, diese Ziele zu erreichen. Positiver Druck entsteht, wenn Ziele vorgegeben werden und auf dem Weg dahin immer wieder - unter den konkreten Bedingungen - erreichbare Teilziele gemeinsam definiert werden. Inklusion ist kein Zustand, den man abschließend erreicht. Inklusion ist ein fortwährender Prozess mit der Herausforderung Diskriminierung abzubauen und soziale Teilhabe zu maximieren. Und hier kann jede Schule, jede Lehrkraft mit (kleinen oder größeren) Schritten beginnen, die unter den jetzigen Bedingungen möglich sind. Wer Inklusion will, wird Wege ausprobieren, wer sie nicht will, wird Grenzen suchen.

Dazu auf der didacta 2015 in Hannover

Dienstag 24. Februar 2015

Auf dem Weg zur Inklusiven Bildung: Grundlagen, Widersprüche und Perspektiven ...
Seit dem Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention im Jahre 2009 ist hierzulande Inklusion im Bildungsbereich wieder in aller Munde. Die Idee einer Schule für alle wird international wie national diskutiert und führt zu vielfältigen Kontroversen. In diesem Vortrag sollen internationale wie nationale Herausforderungen an eine inklusive schulische Bildung auf der Grundlage relevanter Forschungsergebnisse aufgezeigt werden. Gleichzeitig sollen aber auch die Widersprüche und Schwierigkeiten thematisiert werden, um abschließend Perspektiven für eine inklusive Schulentwicklung vorzustellen. Forum Unterrichtspraxis, Halle 16, Stand E36, 14.00 bis 15.00 Uhr

Referent: Prof. Dr. phil. Rolf Werning, Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover, Institut für Sonderpädagogik.

Inklusion an den Gymnasien: Was nutzt dem Kind?
Inklusion: Der Begriff meint mehr als die gemeinsame Beschulung behinderter und nichtbehinderter Kinder. Unter Inklusion wird auch verstanden, die individuellen Unterschiede zwischen Menschen zu akzeptieren und ihre pädagogische Bedeutung zu erkennen. Ist das auch in der "Leistungsschule Gymnasium" umsetzbar? Wie sind der gymnasiale Anspruch und der Inklusionsgedanke miteinander vereinbar? Wie können Lehrkräfte diesen anspruchsvollen Spagat meistern?

Podiumsdiskussion mit Prof. Dr. Andreas Hinz, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender Deutscher Philologenverband Michael Töpler, Vorsitzender Bundeselternrat. Moderation: Katja Irle, Bildungs- und Wissenschaftsjournalistin sowie Autorin. Forum Bildung, Halle 16, Stand E20, 15:30 bis 16:45 Uhr.

Mittwoch, 25.Februar 2015

Inklusion in Niedersachsen: Auf dem richtigen Weg?
Niedersachsen hat die Inklusion im Schulgesetz verankert und sich auf die schrittweise Umsetzung festgelegt. Zusätzliche Gelder stehen auch bereit. Die Eltern haben die Wahl. Doch die Lehrerverbände kritisieren die Pläne als unter anderem zu zögerlich, zu ängstlich und als Belastung der Lehrkräfte. Ist die Kritik berechtigt? Wo sollte und wo wird die Landesregierung nachsteuern? Wie kann Inklusion in Niedersachsen gelingen?

Podiumsdiskussion mit Gitta Franke-Zöllmer, VBE-Landesvorsitzende Niedersachsen; Franz-Josef Meyer, Schulleiter Alexanderschule Vechta; Jan ter Horst, Abteilungsleiter Niedersächsisches Kultusministerium; Prof. Dr. André Frank Zimpel, Universität Hamburg; Moderation: Lothar Guckeisen, Journalist. Forum Bildung, Halle 16, Stand E20, 15:15 bis 16:30 Uhr.

Bündnis frühkindliche Bildung: Inklusion als Leitbild für Bildungspraxis – was bedeutet inklusive Bildung und Betreuung von Kindern in Kitas?
Etwa drei Viertel aller Kinder mit besonderem Förderbedarf besuchen in Deutschland eine reguläre Kita. Jedes dritte Kind unter sechs Jahren hat einen Migrationshintergrund und etwa jedes fünfte ist von Armut betroffen oder armutsgefährdet. Aber inklusive Bildung geht vom Grundsatz der uneingeschränkten Teilhabe aller Kinder aus. Lässt sich dieser Anspruch unter heutigen Rahmenbedingungen wirklich realisieren und was heißt das für die Entwicklung der Bildungspraxis in der Kita?

Mit Matthias Degen, WDR, diskutieren Ute Erdsiek-Rave, Expertenkreis Inklusive Bildung, Deutsche UNESCO-Kommission e.V., Prof. Dr. mult. Wassilios E. Fthenakis, Didacta Verband, Gaby Rijntjes, Kindergemeinschaft Sülztal e.V. und Petra Wagner, Fachstelle Kinderwelten. Forum didacta aktuell, Halle 23, Stand C20, 14.00 - 14.45 Uhr.

Willkommen, Vielfalt – Was müssen, was können und was wollen wir uns leisten?
Die Schülerschaft an deutschen Schulen ist bunt und vielfältig. Jede Schülerin und jeder Schüler hat eigene Begabungen, doch längst nicht alle haben die gleichen Chancen auf ihrem Bildungsweg. Bei zielgleicher Förderung fallen zahlreiche junge Menschen sogar ganz durchs Raster. Neben den individuellen Herausforderungen, die solche Brüche bedeuten, stellt sich die Frage, wie eine offene Gesellschaft und eine der leistungsfähigsten Volkswirtschaften mit ihren vielfältigen Talenten umgehen sollte und wie viel Vielfalt sie sich leisten will, kann und muss.

Darüber diskutieren Stefan Bredehöft, Landeselternrat Niedersachsen, Graf Fidi – "er macht es mit links", Rapper, Elisabeth Krüger, RegionalVerbund für Ausbildung e.V., Wolfsburg und Prof. Dr. Gabriele Weigand, Pädagogische Hochschule Karlsruhe. Moderation: Jan Hofer, WDR. Forum didacta aktuell, Halle 23, Stand C20, 15.00 - 15.45 Uhr

Donnerstag, 26.Februar 2015

Lehrerhandeln in inklusiven Kontexten
Das Unterrichten in heterogenen Lerngruppen erfordert ein verändertes Rollenverständnis aller pädagogischen Fachkräfte. In dem Vortrag werden Kommunikationsfallen, mögliche Konfliktherde und präventive Ansätze zur Weiterentwicklung einer Teamteaching-Kultur in der inklusiven Schule thematisiert.

Referent: Dr. Daniel Mays, Mitarbeiter am Lehrstuhl für Entwicklungswissenschaft und Förderpädagogik (Inklusion) an der Universität Siegen, Förderschullehrer für Erziehungshilfe. Forum Unterrichtspraxis, Halle 16, Stand E36, 13.00 bis 14.00 Uhr

Freitag, 27.Februar 2015

Chancen und Grenzen eines inklusiven Mathematikunterrichts
Der Vortrag berichtet über Erfahrungen eines aktuell laufenden Entwicklungsprojekts im gemeinsamen Unterricht in einer ersten Klasse. Dargestellt und anhand von Unterrichtsbeispielen konkretisiert wird die Gestaltung des individuellen wie gemeinsamen Lernens ausgehend von den Ergebnissen einer umfassenden Eingangsdiagnostik mit allen Schülerinnen und Schülern der Klasse. Dabei werden fachdidaktische Entscheidungen in Bezug auf Unterrichtsinhalte, ihre Veranschaulichungen und geeignete Arbeitsformen kritisch reflektiert und die besonderen Lernchancen, aber auch die Schwierigkeiten, die sich aus dem inklusiven Setting ergeben, herausgearbeitet.

Referentin: Prof. Dr. Andrea Peter-Koop, Universität Bielefeld, Didaktik der Mathematik. Forum Unterrichtspraxis, Halle 16, Stand E36, 15.00 bis 16.00 Uhr

Gelingende Inklusion: Was sind erfolgreiche Konzepte?
Über die Bedeutung inklusiven Unterrichts gibt es keinen Zweifel. Die Inklusion ist erklärtes Ziel von Politik, Gesellschaft und Wissenschaft – zum Wohle des einzelnen Kindes. Die Schule soll es vornehmlich richten. Was aber sind grundlegende Bedingungen für eine gelingende Inklusion in der Schule? Welche Antworten gibt es auf diese Fragen: Wie steht es um die Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte? Wie steuert wer den Einsatz von Therapeuten und Sonderpädagogen? Wie werden die Eltern einbezogen? Welche Konzepte haben sich bewährt?

Podiumsdiskussion mit Eberhard Brandt, Landesvorsitzender GEW Niedersachsen, Reinhard Fricke, Vorsitzender des Verband Sonderpädagogik Landesverband Niedersachsen e. V. Brigitte Naber, Vorsitzende des Schulleitungsverbandes Niedersachsen e. V. (SLVN) und Schulleiterin der IGS Roderbruch in Hannover; Moderation: Lothar Guckeisen, Journalist. Forum Bildung, Halle 16, Stand E20, 15:15 bis 16:30 Uhr.


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