Wer spielt muss auch lernen

(bikl) Verhindern Computerspiele das Lernen und löschen sie gar das einmal Gepaukte? Der Leipziger Medienwissenschaftler Prof. Dr. Hartmut Warkus warnt vor vorschnellen Urteilen. Auf der Games Convention, die in dieser Woche (von Mittwoch bis Sonntag) in Leipzig stattfindet, berät der Medienexperte mit seinen Studierenden Eltern, Kinder und Pädagogen. Er und sein Team betreuen dort auch die Kinderjury, die den ´Kinderpreis Giga-Maus 2006´ wählt. Die Giga-Maus wird von Eltern family und Hewlett Packard für die besten Programme zum Lernen und Spielen verliehen. Wir fragten den Wissenschaftler, wie Eltern und Kinder mit PC-Spielen umgehen sollten.

23.08.2006 Artikel

Herr Warkus, Wissenschaftler wie der Hirnforscher Dr. Manfred Spitzer glauben, dass Gelerntes sich nicht im Gehirn festsetzen kann, wenn es von den Bildern aus den Computerspielen überlagert wird. Sollten Kinder also besser gar nicht am PC spielen?

Warkus: Ich würde die Aussage von Spitzer so nicht treffen: Man kann nicht pauschal bestätigen, dass alles Gelernte weg ist, wenn sich Schüler an den PC setzen und spielen. Im Gegenteil, man braucht auch sehr viel Gelerntes zum Spielen. Es kommt natürlich immer auf das Spiel an - aber man sollte nicht pauschalisieren.

Also, wenn mein Sohn jetzt ausgiebig für die Mathearbeit gelernt hat, dann darf er sich Ihrer Meinung nach anschließend beim Computerspielen erholen?

Warkus: Ich würde es genauso machen und nicht befürchten, dass alles was gelernt wurde am nächsten Tag weg ist.

Sie sagen "es kommt auf das Spiel an". Nun sind Eltern und Kinder da nicht unbedingt immer gleicher Meinung. Ist es also ratsam, die so genannten Ballerspiele schlicht zu verbieten?

Warkus: Nein. Es ist schlecht, Dinge einfach nur zu verbieten, dann macht man sie nur interessant. Ich empfehle den gemeinsamen Diskurs. Man muss Eltern immer wieder raten, die Wünsche der Kinder ernst zu nehmen. Und zwar nicht, indem sie sie erfüllen, sondern indem sie sich mit ihnen über die Wünsche verständigen. Denn Kinder fühlen sich durch solche Gespräche ernst genommen.

Und wie sollen Eltern dieses Interesse bekunden?

Warkus: Man kann sagen: Gut, ich kaufe dir dieses Spiel. Du wirst es aber mit mir zusammen spielen und du erklärst mir dann, was an dem Spiel wesentlich ist. Über diese Brücke kann man die Kinder dazu bringen, zu überlegen, was sie da tun. Und unter Umständen fällt ihnen selber auf ´das ist ja Schmarren was ich da mache´. Das muss man anfüttern, Kinder kommen nicht von allein drauf. So wie der Erwachsene nicht merkt, dass er zum Workaholic wird, wird auch das Kind nicht merken, dass es Spiele spielt, die eigentlich gar keine Spiele sind, sondern einfach nur das Wegnehmen von Zeit bedeuten.

Sprechen Sie da von 10, 12jährigen Kindern oder auch von Jugendlichen?

Warkus: Da würde ich keine Grenzen setzen. Ich würde mich auch mit einem Sechzehnjährigen noch verständigen, was er da tut. Der Zeitpunkt, jemanden ans Nachdenken zu bringen, ist nie zu spät. Meistens funktioniert das auch, wenn man sich von vorneherein verabredet: Du kannst jeden Tag eine halbe Stunde spielen, du kannst auch die Stunden ansammeln und am Wochenende mal zwei Stunden spielen. Das sind Regeln, die halte ich für vernünftig – wenn man damit einigermaßen sachlich umgeht und weiß, ein Rollen-Spieler braucht etwas länger als ein Action Shooter-Spieler. Denn den kann man alle zehn Minuten vom Spiel wegholen. – das macht gar nichts. Das ist dann der Background, den Eltern brauchen.

Wie können Eltern sich diesen Background erarbeiten?

Warkus: Eltern müssen sehr viel dazu lernen, aber das wird weniger problematisch, je mehr die Generationen nachwachsen, die schon mit Computerspielen aufgewachsen sind. Denen muss man nur sagen: Lasst euer Kinder nicht einfach spielen - spielt mit ihnen zusammen.

In dieser Woche werden Computer spielende Kinder und Jugendliche die Messehallen in Leipzig bevölkern. Sie sagen "Kinder brauchen Gelerntes, um spielen zu können". Es geht also nicht bloß um reine Unterhaltung?

Warkus: Ich will ein Beispiel nennen. Vor kurzem haben wir eine Lehrer-Spielenacht organisiert, wo Lehrer unter der Anleitung von Studenten Spiele wie Counter Strike spielten. Und kaum ein Lehrer war in der Lage, das Spiel so zu steuern wie es ein Kind machen würde. Es war für die Lehrer viel zu kompliziert. Allein die Koordination, die zum Steuern des Spiels erlernt werden muss, ist sehr komplex. Und die Lehrer haben nach zwei Stunden Counter Strike-Spielen gesagt: ´Das ist ja Wahnsinn, was man da können muss.´ Und dabei ging es nur um motorische Fähigkeiten. Dazu kommt noch einiges mehr, nämlich dass man sich überlegen muss, mit wem spreche ich mich ab und was bespreche ich, damit mir etwas gelingt. Man muss Ideen, Lösungen, strategisches Vorgehen entwickeln. Sicherlich lernt man nicht, 3 mal 47 zu lösen.

Links

GC family
Giga-Maus


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